Geburt muss schmerzen – gilt auch für die Königin

Im „Bild-Telegraf“ gab es im Jänner 1956 ein ausführliches Porträt von Grantly Dick-Read und dessen Methode der „schmerzlosen Geburt“. Kurz zuvor war sie von Papst Pius XII. mit diesen Worten zur Anwendung empfohlen worden: „Wenn die neue Technik die Schmerzen der Niederkunft erspart und lindert, kann die christliche Geburtshilfe das ohne Gewissensbedenken annehmen“. Damit verhalf er dem bislang unbedankten Vorkämpfer für natürliches Gebären zu großer Popularität und zur Verbreitung seines „System der pränatalen Psychoprophylaxe“”.

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Der Königin Elisabeth II., kam dies leider nicht mehr zugute.

Gegen die traditionelle britische Methode der Gasgeburt lehnte sich auch Königin Elisabeth II., damals noch Thronfolgerin, vergeblich auf. Sie hatte Prinz Charles nach Reads Methode entbinden wollen. Doch Professor William Gilliat, Präsident des „Königlichen Kollegiums der Geburtshelfer und Gynäkologen“, der für die Entbindung verantwortlich war, schwor auf Trilen-Gas-Hilfe (seither „Narcose à la Princesse“ genannt). Professor Gilliat, für die Leitung der Entbindung in den Adelsstand erhoben, war es auch, der dem Querkopf Read jeden Weg zu Amt und Würden versperrte. Sir William, wie Professor Gilliat heute angesprochen wird, konnte dem Nichtmitglied des „Königlichen Kollegiums“ Read den Satz nicht verzeihen: „Der größte Schandfleck in der Zivilisation ist die Geschichte des Gebärens.“

Eine Bundesgenossin von Sir William fand sich üpberraschenderweise in der SPÖ-Zeitschrift „Die Frau“ in Gestalt der dort regelmäßig schreibenden Praktischen Ärztin und Publizistin Dr. Anneliese Hitzenberger („Wie sag ichs meinem Kinde?“, „Das Frau-Doktor-Buch“)

Dr. Read aus England glaubte zu bemerken, dass Negerfrauen so gut wie keinen Geburtsschmerz empfänden. Er schloss daraus, dass der Geburtsschmerz nicht natürlich sei, sondern eine Zivilisationserscheinung; er schloss aber auch weiter daraus, man müsse unseren Frauen genaue Kenntnisse darüber beibringen, was bei der Geburt vor sich gehe – dann tue es nicht mehr weh. Es fragt sich, ob gerade die Frauen primitiver Völker so besonders gut aufgeklärt über die Anatomie und Physiologie ihres Körpers sind – dass sie deshalb „schmerzlos“ gebären? Eher ist es so, dass die Einstellung der Menschen zum Schmerzen erleiden bei primitiven Völkern viel natürlicher und selbstverständlicher als bei uns ist. Zur Geburt gehören Schmerzen; dafür bekommt man etwas Schönes, ein Kind.
Dr. Read spricht von einer „herkömmlichen Geburtspsychose“. Nun, zur Ehre unserer österreichischen Frauen muß ich doch sagen, daß ich dergleichen kaum jemals bei ihnen bemerkt habe. Wirkliche Angst vor einer Geburt – Angst um der zu erleidenden Schmerzen willen – habe ich noch niemals gesehen. Und es ist ja allgemein bekannt, daß die Frauen gerade den Geburtsschmerz besonders rasch und ausgiebig vergessen.
Für etwas heiß Ersehntes muss man einen Preis bezahlen. Es ist nicht gut, alles ganz umsonst zu bekommen; es könnte sonst am Ende seinen Wert verlieren. Was würden unsere Bäuerinnen sagen, wollte man ihnen empfehlen, psychologische Kurse zwecks Überwindung der Angst vor der Geburt zu besuchen? Wieviel junge Frauen haben überhaupt so viel Zeit übrig, dass sie sich mit derartigen Problemen täglich beschäftigen können?

 

Die kommunistische Volksstimme dagegen bezog sich mit der Überschrift „Gebären – keine schwere Stunde mehr“ positiv auf Dick-Read, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass in der Sowjetunion eine schmerzlose Geburt nach der sowjetischen „Methode auf psycho-prophylaktischen Wege (geistig-vorbeugendem) vorbereitet und herbeigeführt werde“. In der DDR wurde die Dick-Read-Methode sehr bald in deren Kliniken angewandt – und heute sind Entspannungsübungen und psychische Vorbereitungen auf die Geburt weltweit selbstverständlich. Unter anderem dank Grantly Dick-Read, der heute, dem 26. Jänner, seinen 126. Geburtstag hat.