K.O. für den Watschenmann

Anfang des Jahres 1956 sah sich der Bundeskanzler Raab (der mit dem Korneuburger Eid) veranlasst, an die beiden Öffentlichen Verwalter des Österreichischen Rundfunks und an den Programmdirektor einen Offenen Brief zu schreiben:

„In Anbetracht der öffentlichen Erörterungen über die Abschaffung der Sendung ‚Der Watschenmann‘ ersuche ich, es zu ermöglichen, daß in der nächsten Zeit in der Programmgestaltung des Österreichischen Rundfunks ein wöchentlicher Programmpunkt eingesetzt werde, der es dem Publikum (nicht den politischen Parteien) ermöglicht, an den Vorgängen im öffentlichen Leben eine sachliche Kritik zu üben. Die Verwaltung unseres Staates scheut es nicht, jedem Österreicher die Möglichkeit zu geben, zum öffentlichen Geschehen seine Meinung zu sagen.“

Was war geschehen, dass der Regierungschef das Recht auf Meinungsfreiheit extra betonen musste? Eine Kabarettsendung war von den Rundfunkmächtigen aus dem Programm gekippt worden. Diese Sendung “Watschenmann” war 1954 von dem unter amerikanischer Aufsicht stehenden Sender Rot-Weiß-Rot ins Programm aufgenommen worden. In der Folge stellte der “Watschenmann” mit seinen kritischen Beiträgen alles in den Schatten, was hierzulande in den letzten 21 Jahren produziert werden durfte. Kein großes Kunststück angesichts dessen, dass 11 Jahre davon unter Diktaturen und der Rest unter der Besatzung und damit Zensur der Allierten stattfand.

Es waren vor allem behördliche Institutionen, welche mit dieser für sie ungewohnten Kritik nicht umzugehen verstanden und nicht verstanden, dass so etwas erlaubt war. Auch die Parteien sahen oft genug rot. Oder schwarz.

Der “Watschenmann” verärgerte die Mächtigen rechts und links: Der Großindustrielle Manfred Mautner Markhof lief Sturm, weil er und seine Gattin verulkt worden waren. Die gleiche Empfindlichkeit zeigte aber auch die Vertretung der Arbeiterschaft, der Gewerkschaftsbund. Zu den innerpolitischen Protesten gesellten sich bald Zerwürfnisse außenpolitischer Natur. Mitte Oktober verlangte der Kanzler Raab strikte Neutralität von Presse und Rundfunk, vor allem die Propaganda gegen den Osten sei einzustellen. Gerade die Kommunisten aber waren häufig Gegenstand der “Watschenmann”-Kritik gewesen.

Interessant übrigens, wer damals beim „Watschenmann“ mitarbeitete:

Das Redaktions-Team der Sendung umfaßte Mitarbeiter-verschiedenster Herkunft und aus den verschiedensten politischen Richtungen. Neben dem jüdischen Emigranten und Journalisten Dr. Heinz Rosenthal und dem während des Krieges ebenfalls “rassisch” diskriminierten Hans Herbert saß zum Beispiel der nach dem Kriege politisch belastete ehemalige Nationalsozialist Robert Horky. Mit dem Regisseur der Sendung, Walter Davy, einem einbeinigen Kriegsinvaliden, und dem einarmigen Kriegsversehrten Kurt Jeschko arbeiteten der von der deutschen Wehrmacht hoch dekorierte Alfred Böhm, der Nicht-Kriegsteilnehmer Jörg Mauthe und der (in Wien geborene) Schweizer Peter Weiser zusammen. (Spiegel)

Mit der Unabhängigkeit Österreichs 1955 wurde der Sender “Rot-Weiß-Rot” eingestellt und der „Watschenmann“ wanderte zum Österreichischen Rundfunk. Was dann geschah, beschrieb die Presse rückblickend so:

kaum war Österreich 1955 frei, wurde der „Watschenmann“ geknebelt. Der neue Programmdirektor Rudolf Henz, ein alter Herr, der schon im Ständestaat katholischer Schriftsteller war, gab dem Druck von Schwarz und Rot bald nach. Ende 1955 hielt er zur Einstellung der einzigen wirklich pfiffigen Sendung einen „Nachruf“, den die Redaktion geradezu als Hohn empfand – und der wohl auch Henz eher peinlich war.
Der Tropfen, der das Faß überlaufen ließ, war eine durch die Maschen der Zensur geschlüpfte Sendung am Sonntag vor Weihnachten. Der “Watschenmann” erinnerte die Hörer daran, daß sich die österreichischen Abgeordneten vor einigen Monaten ihre Diäten unter anderem mit der Begründung erhöht hatten, sie müßten zu vielen karitativen Verpflichtungen nachkommen. Einem Spendenaufruf der Hilfsorganisation SOS kurz vor Weihnachten hatten jedoch – wie der “Watschenmann” feststellte – nur zwei von 165 Abgeordneten Folge geleistet.

Es gab aber auch Proteste, und dies nicht zu knapp:

Zum erstenmal seit vielen Jahren zeigten sich nun aber die Wiener gegen ihre Proporzherren renitent. Als die parteilose Mittagszeitung “Neuer Kurier” zu einer Unterschriftensammlung zugunsten des “Watschenmannes” aufrief, unterzeichneten innerhalb weniger Tage über 130 000 Wiener die Protestresolution. Sogar die Belegschaft einiger Staatsbetriebe beteiligte sich an der Aktion. Der Prater-Impresario Alfred Schaaf, der Besitzer des echten “Watschenmannes”, schleppte seine riesige Puppe im Handwagen durch die Stadt und stellte sie vor dem Rundfunkgebäude in der Argentinierstraße auf. Gleichzeitig nahmen sogar solche Leute, die vom “Watschenmann” oft angegriffen worden waren – wie etwa der katholische Staatssekretär für Inneres, Ferdinand Graf-, für den “Watschenmann” Partei.

Hier nun einige zeitgenössische Nachrichtensplitter zu der Affäre „Watschenmann“, die in Wirklichkeit ein Zeugnis mangelnden Demokratiebewusstseins verantwortlicher Politiker und ihrer öffentlich-rechtlichen Handlanger war:


Der echte Watschenmann aus dem Prater wurde bei einem Protestmarsch seiner Radiokollegen zum Rundfunkhaus mitgenommen.

Wenn man eine Volksbefragung darüber abhielte, wer populärer sei, der „Watschenmann“ oder Waldbrunners Konzept des Proporzfunkes, so wäre das Ergebnis gewiß nicht zweifelhaft.

Der Watschenmann war untragbar

Es darf nicht die letzte Watschen gewesen sein. Radio-Diktatur muß gebrochen werden!

Zwischenbilanz unserer Watschenmann-Aktion: Viermal so viele Stimmen als für ein Volksbegehren notwendig sind. (43.521 bisher)

Nicht, daß der Watschenmann ein Politikum wäre, aber er ist für die Bevölkerung zum Prüfstein dafür geworden, ob und welche politischen Kräfte in unserem Staate dem Volke ein Mitspracherecht lassen oder nicht.

Es scheint, als ob mit der Watschenmann-Affäre die Grenze erreicht worden sei, bis zu der die Mißachtung der öffentlichen Meinung getrieben werden kann.“ Im Namen von 130.000 Watschenmann-Hörern: Offener Brief an die Leitung des Rundfunks

Will man die Radiohörer für dumm verkaufen?

Karl Farkas teilte mit, dass er nicht daran denke, den Watschenmann zu ersetzen und außerdem bereits dagegen protestiert habe, dass ihm die Sendezeit des Watschenmann für seine laufende Sendung „Also sprach Karl Farkas“ geben will.

Starke Delegation sozialistischer Abgeordneter, darunter Marianne Pollak, habe gegen die Einstellung des „Watschenmann“ Einspruch erhoben.

Entgegnung von Marianne Pollak, dass sie nie für den „Watschenmann“ interveniert habe.

Prof Henz will bei der Einstellung des „Watschenmann“ bleiben. Eine Wiedereinführung der Sendung werde er niemals zulassen solange er Programmdirektor sei. Die Wünsche der Hörer und der Öffentlichkeit werden in den Wind geschlagen. Keine sachliche Begründung angeführt. Aber Kampfansage an die österreichische Presse.

Der Rundfunk gehört nicht Prof. Dr. Henz, sondern der Öffentlichkeit.

Schreiben des Kurier wird durch Boten jedem einzelnen Parlamentarier außer den Kommunisten zugestellt.

FPÖ will Großkundgebung unter Devise „Watschenmann-Demokratie?“ veranstalten.

Abschließend noch längere Stellungnahmen aus der KPÖ und der SPÖ, welche aus unterschiedlichen Gründen keine Fans vom “Watschenmann gewesen waren:

KPÖ

Eingeführt ist diese Sendung noch vom seinerzeitigen amerikanischen Besatzungssender worden, als seine Macher einsehen mußten, daß die grobe antikommunistische Kost, mit der der Hörer von diesem Sender täglich viele Stunden lang gefüttert wurde, den Leuten den Magen umzudrehen begann. So verfiel man auf die Idee, etwas Anziehenderes zu bieten, um die Hörer an den Besatzungssender zu fesseln und es ihnen zu erleichtern, das übrige hinunterzuwürgen, was ihnen sonst vom „Rot-Weiß-Rot“ in großen Mengen verabreicht wurde. So erfand man den „Watschenmann“ … selbst bei den zahmsten Watschen, die dieser Watschenmann einmal dorthin und einmal dahin austeilte, fühlten sich die hierfür verantwortlichen Exponenten der beiden Koalitionsparteien, die sich das Radiomonopol teilen, erschreckt. Und so beschloß man, auch dieses Steinchen des Anstoßes aus dem Weg zu räumen und den Watschenmann abzuschaffen. Darob großes Geschrei, besonders bei jener üblen Asphaltpresse, der es natürlich nicht um Demokratie geht, sondern um den Schutz der vom RWR übernommenen Ami-Zelle, die sich nun als Vorkämpfer der Demokratie und der freien Kritik im Radio aufspielt, die sie täglich in ihren eigenen Spalten bekämpft.

SPÖ
Man beachte das Heraufbeschwören einer Gefahr für die Demokratie durch Diskussionssendungen (fett von mir)

 

Die Arbeiterzeitung meinte schlicht, daß „selbstverständlich kein Sozialist seine Unterschrift” für die Aktion zur Erhaltung dieser Sendung hergeben werde.

In der Zukunft philosophiert Friedrich Scheu:

Die Existenz der Sendung “Watschenmann” war ein Paradoxon, und dieses Paradoxon ging notwendigerweise mit der Besetzung zu Ende. Eine österreichische öffentliche Stelle kann nicht so verantwortungslos sein; sie kann nicht riskieren, Staatsbürger durch Behauptungen, die unwahr sein können, zu verunglimpfen. Den letzten Ausschlag zur Einstellung des “Watschenmannes” gab eine Sendung, in der behauptet wiurde, die Abgeordneten des österreichischen Parlaments seien geizig. Die Tatsachen, auf die sich diese Behauptung gründete, erwiesen sich nachher als unrichtig. … … daß auch im Westen eine gewisse Besorgnis darüber besteht, daß durch die Kritik im Rundfunk und im Fernsehen den Organen der parlamentarischen Demokratie eine unerwünschte Konkurrenz erwächst. Regelmäßige Teilnehmer an Forumdiskussionen über öffentliche Fragen im Rundfunk und im Fernsehen erlangen einen unverhältnismäßig großen Einfluß auf die öffentliche Meinung. So zum Beispiel wird in England darüber geklagt, daß Abgeordnete, die gute Radioredner sind, durch das Radio und das Fernsehen einen Einfluß auf die Öffentlichkeit erlangt haben, der ihrem Gewicht innerhalb ihrer Parteien nicht entspricht. Aus diesen Erwägungen erklären sich auch die Verfügungen, die in England getroffen worden sind, daß im Rundfunk und Fernsehen keine Gegenstände diskutiert werden dürfen, die im Verlauf der nächsten vierzehn Tage im Parlament zur Debatte stehen.

Abschließend ein Plädoyer von Hans Weigel – mit einer Aufforderung, die leider eingetroffen ist:

Laßt uns endlich Watschen hören! Der Sender Rot-Weiß-Rot war ein Besatzungskind mit allen unvermeidlichen Geburtsfehlern eines solchen. Er hatte zahlreiche hervorragende Techniker, aber auch etliche sehr fragwürdige Damen und Herren in leitenden Stellungen. So lange nach sachlichen Grundsätzen eine Auslese getroffen wird, ist der Österreichische Rundfunk darob nicht zu tadeln. Um so bedenklicher ist der Watschenmannskandal. Denn hier will man uns einreden, es wäre ein Team von unseriösen Revolverjournalisten und Kabarettisten am Werk gewesen und hätte den Rundfunk missbraucht. In Wahrheit standen die Sendungen aber unter strengster Kontrolle. Jede Watschen musste durch einen vorgeschriebenen Instanzenweg geschleust werden, ehe sie in den Äther knallen durfte. Genaue Weisungen wurden ausgegeben, zum Beispiel: Jedes Wort gegen die Sowjets ist verboten. Wenn Doktor Übelhör und Professor Henz den Watschenmann unseriös finden, sind sie also Flagellanten. Sie watschen sich selbst – denn unter ihrer Aufsicht und Verantwortung war die Sendung monatelang redigiert und produziert worden. Heute steht es so: Die ÖVP ist für den Watschenmann, die SPÖ bedauert die Einstellung, das Gros der Hörer verlangt die Beibehaltung bzw. Wiederaufnahme. Die Demokratie wird nicht zugrunde gehen, wenn einmal wöchentlich an Parteien, Kammern, Krankenkassen und Gewerkschaften Kritik geübt wird. Man soll den Rundfunk nicht um jeden Preis kritisieren. Er soll die Unfähigen entlassen, aber nicht die Unbequemen! Der Worte sind genug gewechselt, lasst und endlich Watschen hören!

Wenige Monate später gab es zwar die Sendung „Watschenmann” nicht mehr, doch Hans Weigel wurde am 13. April von der Burgschauspielerin Käthe Dorsch wegen einer seiner Theaterkritiken abgewatscht. In den anschließenden Auseinandersetzungen und im Ehrenbeleidigungsprozess zeigten sich namhafte SchauspielerInnen von einer äußerst peinlichen Seite. Doch davon im April.

Der Kampf um den Watschenmann endete, wie so vieles in Wien, im Fasching: