Schmutz + Schund + Comics und Jazz = Jugendkriminalität

Share

Im selben Zeitraum, in dem die Behörden mitleidlos brutal mit der jungen Generation umging – und das betraf bekanntlich nicht “nur” sogenannte schwer erziehbare Kinder und Jugendliche -, wurde alles versucht, um sie vor Medienprodukten zu bewahren, die in Form von Papier und Zelluloid sowie aus den Musikboxen ihre verführerischen und verderblichen Künste entfalteten. Das Jahr 1956 war der Höhepunkt der Kampagnen “zum Schutze der Jugend” und kulminierte in der Übergabe von angeblich 1 Million Unterschriften “Gegen Schmutz und Schund” an den Unterrichtsminister. Doch das wird erst in den kommenden Monaten des Jahres 56 der Fall gewesen sein – und in dieser Splitterchronik noch dargestellt werden.
In diesem Beitrag werden vor allem Artikel aus Zeitschriften der KPÖ zitiert: Der Abend, Tagebuch, Volksstimme. Bis auf kleine Schlenker hinsichtlich der Gesellschaftsverhältnisse könnte man vermuten, es handle sich um Pamphlete stockkonservativer Kreise. Dass die Micky_Maus_1956_04uzösterreichischen Kommunisten gegen kriegsverherrlichende Publikationen wie die beliebten Landser-Hefte polemisierten, ist nicht überraschend und durchaus ehrenwert. Der Kampf gegen Trivialliteratur, gegen freizügigeren Umgang mit Sexualität und gegen das Bilderverbot (Comics) überrascht auf den ersten Blick (insbesondere auch, weil in der Kinderzeitschrift der KPÖ, “Unsere Zeitung“, ebenfalls Comicsserien enthalten waren). Die Motivation, sich an die Spitze dieses Kulturkampfes stellen zu wollen, dürfte neben einem eher der bürgerlichen Literatur- und Kulturtradition verpflichteten ästhetischen Ausrichtung vor allem der Umstand gewesen sein, dass die Hefteln, die Illustrierten und die Filme, vorwiegend aus den USA kamen. Oder von Verlagen im “amerikanisierten” Westdeutschland produziert wurden. Also Antiamerikanismus in Zeiten des Kalten Krieges. Und genau deswegen kriegte ich im Frühjahr 1956 von dem alten kommunistischen Ehepaar, bei dem mich mein Vater einige Tage parkte, als meine Mutter überraschend ins Spital musste,  natürlich “Unsere Zeitung” zu lesen und keine Micky Maus. Doch auch mich ereilte das amerikanische Verhängnis. Denn ich wurde auch bei der netten Trafikantin Roswitha geparkt. Dort durfte ich mir zum Lesen aussuchen, was ich wollte …  ;-)

 

Kriminalität durch Schmutz und Schund

Ein Jugendlicher, der siebzehnjährige Hermann Spätauf, hat zwei alte Leute brutal ermordet, nicht im Affekt, nicht in Verzweiflung, nicht im Rausch, sondern ruhig und überlegt. Er wollte ihre Spargroschen haben. Die Polizei, die im Zimmer des Siebzehnjährigen eine Hausdurchsuchung durchführte, fand dort ganze Haufen von Räuber- und Gangsterbücheln – sozusagen Lehrhefte für den perfekten Mörder und vor allem für die Weltanschauung, die Mörder schafft, jene Weltanschauung, die alle Verbrechen und alle Unsauberkeiten rechtfertigt, wenn sie zum Erfolg, zum Geld und zu Macht führen. Die Beamten erfuhren, dass Spätauf bis zu dreimal am Tag ins Kino ging und sich dort Gangsterfilme ansah. Die Gangsterbücheln und die Gangsterfilme, die Schundromane und die deutschen Illustrierten, die in ihrer Mehrzahl nichts anderes sind als eine Kombination von privaten und politischen Gangstergeschichten, überschwemmen seit Jahren Österreich mit einer Schmutzflut.

Der vierzehnjährige David Drew erklärte, dass er den siebenjährigen Stanley Frank in Oakland, Californiea, mit einer Hacke spaßhalber tötete. – “Ich glaube, dass mir durch die Comicbooks das eingefallen ist.”

Professor Tesarek, der Leiter des Jugendamtes stellt fest: 10 Millionen Schundbüchlein gehen in Wien von Hand zu Hand. So auch zum 17jährigen Hermann Spätauf, der für einen Wintermantel zum Doppelmörder wurde, weil ihm täglich das tönende Gift der Gangsterfilme injiziert wurde. Es ist so weit gekommen, dass Schmutz und Schund die Charaktere unserer Kinder formen. Aber es gibt gute Waffen gegen das Schundbüchel: das gute Buch. Und eine Waffe gegen den Gangsterfilm: der gute Film. Aber die Wurzel des Übels ist die Gesellschaftsordnung, in der wir leben. Diese sucht die Jugend abzustumpfen, zu halben Tieren zu machen. Und sie verdient hunderttausende Schillinge an der Produktion von Schmutz und Schund.

 

Comics

Auf dem Vormarsch: In diesem grellbunten, billigen Bildgeschichten-Heftchen, die monatlich in einer Auflage von 80 bis 90 Millionen Exemplaren erscheinen und das größte verlegerische Geschäft in den USA darstellen, wird dem kindlichen Betrachter der Verbrecher als Held und Übermensch (Superman) hingestellt. Brutalität, Perversität und Sexualität, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, neben Lageplänen für einen Bankraub, einer Topographie des Mordens mit Markierung empfindlicher Körperstellen vergiften in einer nicht zu übersehenden Flut die kindliche Seele. Immer jüngere Kinder begehen immer brutalere Verbrechen in den USA, und auch in Deutschland ist das “Comicbook” auf dem Vormarsch.

Seit dem vorigen Jahr gibt es in England ein Gesetz gegen schädliche Veröffentlichungen, das sich im besonderen gegen die Seuche gewisser Comicbooks richtet und zum Schutz der Jugend vom Parlament beschlossen wurde. In der österreichischen Presse wurde zwar da und dort auf das Gesetz hingewiesen, aber eine nähere Beschäftigung damit ist auffallenderweise unterblieben

 

Lebensart aus Schundheften. Und der Jazz.

Beispielloser Skandal, zu dessen Mitschuldigen sich die Wiener Polizei machte, ereignet sich in der Kärntner Straße. Zwei Stunden lang randalierten mehr als tausend Jugendliche, sogenannte Jazzfanatiker, verstärkt durch ein Aufgebot von jungen Plattenbrüdern, die aus allen Bezirken zusammengezogen worden waren. Sie legten den Verkehr lahm, provozierten schwere Schlägereien und Tumulte, warfen mit Papierböllern und Knallfröschen, belästigten Passanten und verletzten sogar einige Personen. Das war der Höhepunkt der „amerikanischen Reklamekampagne“, welche ein gerissener Nachtlokalbesitzer gestartet hatte. Angemeldet war dieses ekelhafte Treiben als „Kleiner Faschingsumzug“ des für seine wilde Hotjazz bekannten Tanzlokals. Als der Faschingswagen, auf dem auch einige Mädchen mit gewagten Kostümen saßen, durchgezogen war, gingen die vielen anwesenden Plattenbrüder mit Knallfröschen zum Angriff über. Es kam zu schweren Tumulten. Eine Gruppe von Jugendlichen mit Texashüten stürmte mit dem Ruf: „Hoppauf Sheriff“ auf die Polizei los. Sie führten eine “Lebensart” vor, die sie im Kino und aus Schundheften kennengelernt haben. Es dauerte bis 11 Uhr, bevor die Polizei den widerlichen Wirbel beenden konnte. Die Schande dieses Rowdystückes trifft auch die Wiener Polizei, welche die Straße, die sie erst vor kurzem den streikenden Straßenbahnern verwehrt hatte, bedenkenlos den Gangstern freigab.

 

Gute Jugend …

… studiert Kapitalismus und Sozialismus: Die Lernbewegung der Freien Österreichischen Jugend “Für gutes Wissen” wird im Februar und März an sechs Abenden Aussprachen über die Themen “Was ist … Politik, Kapitalismus, Sozialismus” durchführen. Dafür wurde ein leicht verständliches Lehrheft geschrieben, das in einfacher und erzählender Form den jungen Menschen hilft, die Probleme zu verstehen und sich an der Aussprache darüber zu beteiligen. Das Studium des Kapitalismus und Sozialismus ist Fortsetzung des vorjährigen Lehrthemas “Mein Heimatland Österreich”.

Der Toni und die Putzi. Junge Menschen, einfache Leute aus dem Volk, Männer und Frauen, haben in diesen Tagen wunderbare Siege für Österreich errungen. (…) gerade jetzt, wo die Händler mit dem Schmutz und Schund, die Erzeuger und die Verbreiter von Mordbücheln und Gangsterfilmen den guten Geist unseres Volkes zu verderben drohen. Wir feiern die Siege von Cortina gerade deshalb, weil wir sehen, dass unsere Jugend gar nicht so schlecht ist, als man sie manchmal macht, dass ihr Sinnen und Trachten gar nicht darauf gerichtet ist, nach Gangsterart und nach dem Vorbild des “vollkommenen Mörders” ins Kriminelle abzusinken; dass sie gar nicht dazu neigt, die Figuren der Schundbücheln und der Schmutzfilme zu ihren Idealen zu machen: dass es sie gar nicht dazu drängt, ihre Zeit bei zweifelhaften Faschingsumzügen und reklamehaften Jazzklamauk zu verbringen, sondern dass sie nach etwas ganz anderem strebt.

 

Kampf gegen Schmutz und Schund

„Gegen Schmutz und Schund trat nur die Volks-Opposition auf. Der Wiener Bürgermeister möge sofort einen Appell an die Filmverleihgesellschaften und Kinobesitzer richten, Schundfilme weder zu verleihen noch vorzuführen, und er möge auch einen Appell an die Wiener Buchhändler, Kolporteure und Leihbibliotheken ergehen lassen, Bücher und Zeitschriften der erwähnten Art nicht mehr zu verkaufen oder zu verleihen. Der zuständige Stadtrat geriet wegen dieses Antrages in Verlegenheit. Er distanzierte sich natürlich von der Kriegsliteratur, er wüßte aber wirklich nicht, was er mit diesem Antrag anfangen solle. Aus den Bänken der Volks-Opposition wurde ihm zugerufen: „Schmutz und Schund abstellen!“ Darauf hatte der amtsführende Stadtrat gegen Kultur und Volksbildung aber nur die Antwort: „Das wäre volksdemokratisch“, und er empfahl daher dem Gemeinderat die Ablehnung, die auch tatsächlich – Schande, wem Schande gebührt! – mit den Stimmen der SPÖ und ÖVP zustande kam. Amen. Viktor Matejka im Tagebuch

 

Schmutz und Schund konkret

Die gelehrten Herren des Obersten Gerichtshofes müssen sich einem eifrigen Literaturstudium widmen, denn am 20. Jänner haben sie keine leichte Aufgabe zu fällen: Über keinen Geringeren als Voltaire müssen sie an diesem Tag zu Gericht sitzen. Von ihrer Entscheidung hängt es ab, ob der große französische Dichter, Philosoph und Spötter “Schund und Schmutz” geschrieben hat.

 

Theater oder Schundfilme?

Die Scala spielt Liliom. Scala soll Schundfilmgeschäft weichen. Die Gemeinde Wien weigert sich, die Theaterkonzession zu verlängern. Gerade jetzt hat die Aufführung von Molnars “Liliom” größte Anerkennung in der Kunstkritik der Zeitungen aller Richtungen gefunden. Aber die Geschäftemacher in der SP wollen das bedeutende Theater aus dem Kulturleben Wienst streichen, um auch in diesem Haus Schundfilme laufen zu lassen.

 

Share