Mit den Ohrfeigen einverstanden in Kaiserebersdorf

In den 50ern und auch noch in den 60ern gab es für Kinder und Jugendliche zwei Schreckensorte, mit denen ihnen bei von Erwachsenen missbiligtem Verhalten gedroht wurde: Kaiser-Ebersdorf oder Eggenburg. Beides berüchtigte Erziehungsheime, wobei das Straf-Außenlager von Ebersdorf, Kirchberg, noch um einiges brutaler gewesen sein soll, wie ehemalige Insassen übereinstimmend berichteten. Im Jahr 1952 hatte es in Kaiser-Ebersdorf als Revolte bezeichnete Aktionen einiger Insassen gegeben, welche durch das ungeschickte und brutale Verhalten der Anstaltsbeamten (einer von ihnen gab im betrunkenen Zustand einen Schuss aus seiner Waffe ab) eskalierte und am Ende zur Massenverprügelung der am Widerstand beteiligten Jugendlichen und zur Verurteilung einiger “Rädelsführer” führte. Diese vier Jahre zurück liegenden Ereignisse waren den Redakteuren und LeserInnen wohl noch gut im Gedächtnis, als sie mit nachfolgenden Berichten konfrontiert wurden:

Gewiss keine Engel

Herbert Sch., 16, floh am zweiten Weihnachtstag, weil er nach einer für die Heimleitung unangenehmen Zeugenaussage vor Gericht (das Essen sei schlecht, sagte Herbert) in eine Korrektionszelle gesperrt worden war. Herbert, der sich bei der Flucht das Bein brach, ist das beste Beispiel für die vollkommen verfehlte Art, mit der man die Zöglinge, gewiss keine Engel, behandelt. Immer wieder wird von der Reform der Jugendgerichtsbarkeit gesprochen. Kaiserebersdorf zeigt, dass mit den derzeit vorhandenen bescheidenen Mitteln und den anfechtbaren Methoden eher der letzte positive Kern der Zöglinge vernichtet wird. Sie zu wertvollen Staatsbürgern umzuerziehen, das dürfte so nicht gelingen

Überessen zurückgekehrt

Eine Gruppe von Kaiser-Ebersdorfer Zöglingen trat nach den Weihnachtsfeiertagen in Hungerstreik, weil das Essen, das sie bekamen, angeblich nicht nach ihrem Geschmack war. Wie die Anstaltsleitung mitteilt, waren viele Zöglinge, die Heimurlaub oder Ausgang gehabt hatten, nach den Feiertagen überessen zurückgekehrt. Außerdem hatten die meisten so umfangreiche Pakete erhalten, dass sie, ohne hungern zu müssen, ruhig einen Tag auf die Verpflegung verzichten konnten. Vier bis fünf Buben benützten diese Situation, um einen “Streik” zu inszenieren, zu dem dann auch die übrigen gezwungen wurden.

Faschiern soll ma die Burschen

schreien die eine, während die anderen am liebsten verlangen möchten, dass der Direktor jeden seiner Zöglinge vor dem Schlafengehen noch streicheln soll” sagt der Direktor der Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige in Kaiser Ebersdorf, Doktor Franz Soukoup.
Ein Zögling habe als Zeuge bei einer Gerichtsverhandlung der Wahrheit nicht entsprechende Bemerkungen gemacht, durch die das Ansehen der Anstalt herabgesetzt werde, wie u.a., dass das Essen in der Anstalt schlecht sei.
Vom Erziehungsleiter der Anstalt sei er wegen der unwahren Angaben bestraft worden.
Später habe dieser Zögling einen Fluchtversuch unternommen, sei aus einem Fenster gesprungen und habe einen Beinbruch erlitten.
Im Rudolfsspital habe er auf Befragen entstellte Berichte gegeben, die dann zu Pressemeldungen führten, dass es “Hungerstreiks” gegeben hätte und zu Übergriffen einzelner Erzieher gekommen wäre.

Mit den Ohrfeigen einverstanden

Der Direktor habe daher die Pressevertreter eingeladen und biete ihnen nunmehr Gelegenheit, mit dem Zöglingsparlament, das aus rund 30 Vertretern aller Gruppen der Zöglinge besteht, und mit den Erziehern frei zu sprechen. Bei der Pressekonferenz wurden alle Erzieher und auch Dr. Spiel(siehe Anhang), der in der Anstalt tätige Jugendpsychiater aufgeboten.
Die wesentlichen Aussagen:
Zöglinge bekommen tatsächlich hin und wieder Ohrfeigen.
Die Zöglinge sind jedoch, wie sie selbst übereinstimmend erklärten, mit den Ohrfeigen einverstanden.
Das Essen, das Erzieher und Zöglinge gleichermaßen vorgesetzt bekommen, ist passabel.
Die Erziehungsanstalt KED ist erfolgreicher als viele andere in Europa.
Die Mittel sind absolut nicht bescheiden, sondern ermöglichen die Durchführung der von Pädagogen, Psychologen und Psychiatern geplanten Erziehung.

Anhang

Walter Spiel war als Experte mitverantwortlich für die Einweisung von Zöglingen in die Strafgruppe und nach Kirchberg (die berüchtigte Außenstelle der berüchtigten Erziehungsanstalt Kaiser-Ebersdorf): „Der Zögling wird dem Psychiater Spiel vorgeführt. Der hört sich den Zögling zwei Minuten an, tut freundlich. Dann diktiert er seiner Sekretärin: ‚Asozialer Psychopath, ein völliger Tepp – zwei Monate Kirchberg‘.“

„Ich mußte mal in Kirchberg arbeiten und zwar mit Handschellen. Es sieht hier ärger aus wie jeder Häfen. Glatze steht in der Hausordnung. Hier kommen die größten Schläger von Erziehern hin. Das Essen kommt von einem Gasthaus und besteht nur aus Abfällen. Jeder kommt in eine Einzelzelle. Man muß Arbeiten machen, die total beschissen sind. Zum Beispiel Splinten zupfen oder Tüten kleben. Wenn man Arbeitsverweigerung macht, oder man kann einfach nicht mehr, wird man von drei oder vier Erziehern derartig verprügelt, daß man manchmal gar nicht mehr stehen kann.“

Kirchberg war die letzte Station in der Stufenleiter der Heime, die stets nach unten führte: vom Kinderheim über das Lehrlingsheim ins Strafheim Eggenburg und nach Kaiser-Ebersdorf.

In Kaiser-Ebersdorf gab es ein Erziehungsmittel namens „Minna“. Aus dem Protokoll eines Ex-Zöglings: „Dieses Marterwerkzeug ist 45 c. lang und hat den ungefähren Durchmesser von 2,5 cm. Der Kern ist aus Liezendraht, ca. 1,5 cm, und außen mit Hartgummi überzogen. Diese Minna wurde bei jedem kleinsten Vergehen, wie nach der Nachtruhe etwas lauteres Sprechen, seinen Dienst nicht völlig sauber verrichtet zu haben, beim sonntäglichen Fußballspiel nicht zu gewinnen, beim Auffinden einiger ‚Staubbrösel‘ in der Zelle als Marterwerkzeug verwendet.“

Quelle: http://www.asyl-in-not.org/php/spaetzuendung,19305,28851.html