Freiheit & ein besseres Leben für alle! Und Eierschwammerln.

Der Ansprachen und Stellungnahmen zu Neujahr 1956 gab es etliche. Alle ähnelten einander und dann doch nicht so ganz:

Von den Rheingestaden Vorarlbergs bis zu den Drahtverhauen jenseits unserer Ostgrenzen, von den Karawanken bis zu den Wachttürmen an der Thaya und im Böhmerwald werden in Kürze die letzten Glockenschläge verhallen, welche eine wahre Weihestunde für unser freies Österreich einleiten. Viele bange Jahre haben wir dieses Morgenrot der Freiheit herbeigesehnt, ohne jemals einer Verlockung von unserem Wege zu unterliegen.

Das erstemal erleben wir in voller Freiheit den Beginn eines neuen Jahres. Keine fremde Bevormundung hindert uns mehr daran, die vor uns liegenden Aufgaben ausschließlich in unserem Sinn und zu unserem Wohle zu lösen.

Zum erstenmal seit langer Zeit sind wir freie Menschen eines freien Staates. Zu lange haben wir unter Vormundschaft gelebt, um nicht zu wissen, dass die Freiheit ihren Preis hat.

Im Lager des kapitalistischen Bürgertums und der konservativen Reaktion rühren sich jene Kräfte, die, entgegen den unbestreitbaren Erfolgen der beiden großen Parteien in der Regierung, am liebsten diese Zusammenarbeit sprengen möchten und davon träumen, die Sozialisten wieder zurückzuwerfen. Wir Sozialisten sagen den Herren: So geht das nicht! Wir sagen dem arbeitenden Volk: Macht euch auf harte Kämpfe gefaßt. Das kommende Jahr wird voraussichtlich ein Wahljahr.

Erhaltung der Vollbeschäftigung; gerechtere Verteilung des Einkommens des ganzen Volkes, Ausdehnung der Sozialversicherung, vor allem der Volkspension. Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie.

Es gab Abschiede und Erinnerungen an Abschiede:

Wien nahm Abschied vom letzten Türmer von St. Stephan, Johann Skupina, der gestern zum letztenmal Dienst machte. Fast tausend Wiener besuchten ihn an diesem Tag in seinem Stübchen im Turm. Skupina ist überzeugt, im Zeitalter der Mechanisierung nicht mehr hundertprozentig notwendig zu sein. Sein Schicksal hat nicht nur in Wien und in Österreich die Menschen aufhorchen lassen, auch jenseits der Grenzen widmete man diesem anonymen Mann – hoch über der Stadt – Aufmerksamkeit. In den Zeitungen Amerikas, Englands, Frankreichs und Deutschlands brachte man die Nachricht vom Abschied des Türmers. Der Dank gebührt allen Türmern, die in 421 Jahren das Amt versehen haben.

Fünf Jahre sind seit dem schmerzlichen Silvestertag vergangen, an dem Karl Renner aus dieser Welt schied. Ihm ist es in einem gewissen Sinn so ergangen wie Moses auf dem Berg Nebo. Er durfte das gelobte Land nur aus der Ferne sehen. Er war an Katastrophen sozusagen gewöhnt.

Seit dem 1. Jänner gibt es kein Wohnungsanforderungsgesetz mehr. Für 58.700 Wiener Familien, denen man von Amts wegen bescheinigt hat, daß sie menschenunwürdig leben, beginnt nun das große Rätselraten: wird es jetzt, ohne Wohnungsamt in der Bartensteingasse, leichter oder schwieriger sein, zu der ersehnten Wohnung zu kommen? Oder bleibt alles beim alten? „Wohnungen sind jetzt zur Ware geworden, genau wie Eierschwammerl!“ sagt Stadtrat Glaserer, Sozialist, Leiter des Wiener Wohnungsamtes.

Es gab erste Male und Beginne:

Das erste größere Blutverbrechen in diesem Jahr ereignete sich in Meidling. Um 3 Uhr stürzte der 31jährige Friedrich D. in seine Wohnung Am Schöpfwerk. Seine Frau lag bereits im Bett und schlief. “Damit du auch was vom Silvester hast!” rief der Mann seiner Frau zu und schlug mit einem Fleischschlegel auf die Unglückliche ein. Sie versuchte, durch ein Balkonfenster in den Hof zu springen, doch der Mann holte sie ein und warf sie hinaus. Glücklicherweise liegt die Wohnung jedoch im Hochparterre. In seiner Wut zerschnitt der rabiate Gatte die Kleider seiner Frau. Er wurde von der Polizei festgenommen.

1956 wird der erste Jahrgang der Wehrdienstpflichtigen die Uniformen anziehen. Die Instandsetzungsarbeiten der Kasernen laufen auf Hochtouren.

Die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr war seit mehreren Monaten die erste Woche, in der die Zahl der Verkehrsunfälle nicht vierstellig war.

351.868 Schilling, den höchsten Betrag, der jemals im Österreichischen Sporttoto gewonnen wurde, erhielt Montag ein einbeiniger Schwerkriegsversehrter in einem kleinen niederösterreichischen Industrieort. “Vor ein paar Monaten habe ich geheiratet. Aber obwohl meine Frau und ich sehr gerne Kinder wollen, konnten wir nicht daran denken – und sehen Sie sich nur in unserer winzigen Wohnung um!” Er wird sofort darangehen, ein eigenes Haus zu bauen. “Endlich kann ich wie ein Mensch leben, obwohl ich Invalide bin.”

Und es wurde geplant:

Vision am Nil: Mit Wasser gegen den Hunger. In Ägypten wird der größte Staudamm der Welt gebaut – Ost und West wollen mitarbeiten. Das Projekt kam der Verwirklichung einen guten Schritt näher, als kürzlich die USA und Großbritannien betonten, sie wollten sich an der Finanzierung beteiligen. Das Versprechen kam kurze Zeit, nachdem der sowjetische Botschafter in Kairo ein phantastisches Kreditangebot gemacht hatte (200 Millionen $, rückzahlbar in 30 Jahren zu zwei Prozent in Form von Baumwolle und Reis).

Verlobung von Fürst Rainer und Grace Kelly bekanntgegeben. Hitchcock: „Ich hoffe, dass Grace Kellys Manager seine Provision von 18% bekommt.“ Geheiratet wird im April. Monegassen hoffen in Monaco.

Mitternachtsblau werden Österreichs Olympiakämpfer unter der Sonne von Cortina wandeln. Auf diesen Farbton sind die Anzüge und Kostüme abgestimmt. Die Duffle-Coats sind aus grauem Kamelhaar.

Petrus sagt: Heiter bis wolkig, langsame Erwärmung vom Westen her.

Es fehlte auch nicht an nützlichen Tipps: