Mit den Rolltreppen ins Jahr 1956

Der am 1. Dezember 2015 erfolgte Flashmob anläßlich der Wiedereröffnung der Rolltreppe am Schottentor war nicht der erste.
Da Anfang Dezember 1955 der Anschlussbefürworter Kardinal Innitzer verstorben war, hatte die Wiener Erzdiözese gebeten, diesmal keinen Silvesterrummel am Stephansplatz zu veranstalten. Daher musste sich das archaiische Silvestergeschehen woanders hin verlagern. Glücklicherweise hatten die WienerInnen seit kurzem ein neues Spielzeug gefunden:

“‘Anhalten! Anhalten! Nur hinauf, da kann gar nix g’schehn!‘ Und sie schweben hinauf — dicke Marktfrauen, dürre alte Männer, Kinder in Pelzmützen, Frauen mit Hunden auf dem Arm, Gigerln, Schlurfs, über die Rolltreppe hinauf in die goldene Zeit, in die Ära des Friedens, der Freiheit und des finanziellen Aufstiegs, die in Wien herandämmert und in der funkelnagelneuen Opernpassage ihren fulminanten Ausdruck findet. Die „gläserne Unterwelt”, deren Bau 33 Millionen Schilling verschlang, hat in den vergangenen Wochen, weit mehr als die wiedererstandenen Häuser der „Burg” und Oper auf dem Ring, die Phantasie der Wiener beflügelt. Jene Prachtbauten der francisco-josephinischen Epoche bedeuten den Fortbestand einer Tradition, die niemals wirklich unterbrochen, nur vorübergehend beschädigt war. Ihre unveränderten Fassaden zeugen vom ostentativen Reichtum und üblen Geschmack der „Gründerzeit”. Die zweite österreichische Republik aber tritt durch ein Triumphtor aus Glas, Stahl und Beton auf den Plan. Wer im Wien zwischen den beiden Kriegen aufwuchs, den erfüllt diese unterirdische Spinne im Herzen der Stadt mit bangem Staunen. Es hilft ihm nichts, daß die Opernpassage vom Volkswitz bereits eingebürgert wurde, daß man sie nach dem Bürgermeister „Jonas-Grotte” nennt und behauptet, die nächste Burgtheatervorstellung finde zugunsten der Opfer ihrer Rolltreppen statt. Hier liegt sie, eine wahrhaft erschreckende Neuerung, unter jener Erde, auf der vor Jahrhunderten Türkenblut floß, und birgt in ihrer Mitte nicht einen Fahrkartenschalter, sondern ein gewaltiges gläsernes kreisrundes Espresso des Namens „Rondo” — ein letzter Nachfahr des ersten Kaffeesieders von Europa, Kolschitzky. Ringsum ist sie von achtzehn blitzblanken und durchsichtigen Kaufläden gesäumt, deren Firmenschilder aus farbigem Neonlicht frei im Raum zu hängen scheinen. Auf den zehn rollenden Metalltreppen aber fahren die Wiener auf und ab, unsicher noch, des beruhigenden Zuspruchs der Hilfspolizci durchaus bedürftig, doch zugleich der Rolle eingedenk, die sie in der hochzivilisierten, überkultiviertcn und internationalen Zukunft ihres Landes zu spielen haben. “Konjunktur” ist das Wort der Stunde. (…) Die Treppen rollten.” Hilde Spiel im Monat, Dezember 1955, Heft 87.

Und so geschah es:

silvester

“Sektpropfen knallten, Raketen zischten, Konfetti und Papierschlangen wurden zentnerweise verschwendet, Heurigensänger und Jazzbands sangen und spielten die ganze Nacht: das war der Silvesterabend 1955 in Wien, das war der Neujahrsmorgen 1956. Lebensgefährliches Gedränge herrschte vor allem in der Opernpassage, von den Übermütigen “Jonas-Grotte” genannt: Bei den Rolltreppen schien sich ganz Wien ein Stelldichein gegeben zu haben. Findige Burschen hatten den Mechanismus entdeckt und bedienten nun selbst die Knöpfe, ließen die Treppe halten oder rückwärts fahren, rutschten auf den Haltebändern “talwärts”, gleich ob sitzend oder liegend, kleine Gruppen waren bemüht, den Silvesterwein oder Likör “im Rollen” hinter die Binde zu gießen, und die städtischen Wachmänner und einige Polizisten hatten alle Hände voll zu tun, in das Chaos wenigstens ein bißchen Ordnung zu bringen. Zweifellos: die Rolltreppe war das Silvestervergnügen des kleinen Mannes.”

Der noch kleinere Mann feierte beispielsweise in der Leopoldstadt rund um den fertigen oder fast fertigen neuen Praterstern herum bis zum Eintreffen der Überfallskommandos und der Rettungen, die ersten, um die Raufenden zu trennen, die zweiten, um sie wieder zusammenzuflicken. Der ganz kleine Mann blieb auch nicht untätig:

mord

“Auch diesmal hat eine junge Frau das neue Jahr nicht mehr erlebt. Gestern gegen mittag hörte ein Mann im Haus Pillersdorfergasse 1 in der Leopoldstadt laute Hilferufe aus seiner Nachbarwohnung dringen: “Prantner, hilf mir, i hab meine Frau umgebracht!” Sofort eilten der Mann und auch andere Hausparteien herbei. Aus dem Gangfenster einer ebenerdigen Wohnung waren die Hilferufe gedrungen. Nur dürftig bekleidet lehnte dort der 22jährige Erich Winkler, Blutspuren führten aus dem Kabinett durch das Zimmer bis in die Küche. Winkler hatte sich beide Pulsadern aufgeschnitten. Seine 25jährige Frau Theresia lag leblos im Kabinett. Erich Winkler hatte ihr mit einem Tischmesser die Kehle durchgeschnitten. Er selbst wurde in die Unfallstation gebracht, wo er sofort operiert werden musste. Er war deshalb gestern noch nicht vernehmungsfähig.”

Aber auch sonst gab es einiges an Silvesterunterhaltung in der Welt: sowjetbotschaf

 

1956 fing gut an.