Auf dem Weg zum jemeinigen Heidegger

Aus deutschen Sümpfen

Über den Nazismus Heideggers zu reden, ist heute fad geworden. Dafür haben zahlreiche akribische Untersuchungen und die Veröffentlichungen von immer mehr Heidegger-Schriften gesorgt, die unzweifelhafte Ergebnisse über die tiefe und gewollte Verstrickung des Philosophen in das nationalsozialistische System erbrachten. Ebenfalls ist spätestens nach dem Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ der notorische Antisemitismus Heideggers nicht mehr wegzudiskutieren. Dass auch in den Schriften vor 1933 ein inhärenter Nazismus identifiziert werden könne, wird von den meisten Heidegger-Forschern als erwiesen betrachtet. Selbst wenn man davon absehen mag, zählt Heidegger jedenfalls zu jenen demokratie- und gleichheitsfeindlichen, nationalistischen und revanchistischen Intellektuellen und Literaten in der Weimarer Republik, die in viel verbreiteten Publikationen nicht nur den Boden für den Nationalsozialismus bereiteten, sondern ihn auch aktiv vorantrieben – als ideologische groszBrückenschläger zwischen dem Nazipöbel und dem Besitz- und Bildungsbürgertum. Wobei mit dem Machtantritt der Nazis das wohl temperierte Abendlanduntergangs-Gedröhne in schneidende Aufbruchsbefehle umkippte. Heidegger war neben Carl Schmitt einer der Verhaltensauffälligsten. Dies ist alles bekannt sowie auch bekannt ist, dass der Philosoph ab 1934 nach dem Rückzug vom Freiburger Rektorat in seinen Vorlesungen und Seminaren eine zumindest an den Nationalsozialismus anschlussfähige Philosophie betrieb. Sich nach 1945 nicht nur nicht als Nationalsozialisten, sondern fast schon als Opfer zu sehen, entsprach der Haltung vieler anderer Beittragstäter, wie auch der des gerade erwähnten Carl Schmitts. Die entsprechenden Wort- und Schweigespenden sind vielfach dokumentiert. Im Unterschied zu Schmitt war ihm allerdings nach einer Zwangspause bereits Anfang der 50er wieder ein Vorlesungsbetrieb an der Universität gestattet, wo es geradezu zu einem Heidegger-Kult kam. Heute scheint eine im Großen und Ganzen konsensuale Einschätzung zu bestehen, dass sich an Heideggers dem Nationalsozialismus zumindest nahen Gesinnung auch lange nach 1945, wenn nicht überhaupt bis zum Tod, kaum etwas geändert hat, allen Apologeten zum Trotz.

Der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts?

Andererseits wurde und wird Heidegger als entschiedenster und entscheidenster Philosoph des vorigen Jahrhunderts gehandelt, als einer, der den Tod der Philosophie und des Subjekts zustande brachte und gleichwohl als Denker, wie er sich post mortem philosophiae nannte, als eines der wenigen Daseine, die aus der Lichtung des Seins das Denken des Seins zu zelebrieren vermochten. Heidegger hätte jetzt wohl gefragt: wer war der zweite? „Das Denken des Seins“ fasste er im übrigen im doppelten Sinne auf: der Denkende denkt das Sein und Das Sein denkt (durch seinen eingeborenen Sohn Heidegger). Da keine Kinder in der Nähe waren, gab es auch kein Lachen, insbesondere als französische Philosophen zuhauf zur Hütte dieses Hirten des Seins liefen und es hernach schafften, aus rätselhaften deutschen Texten noch rätselhaftere französische zu machen. Anfangs glaubte man noch, die Sucht nach den Ergüssen des erbitterten Feindes eines der größten französischen Denkers, Descartes, sei mangelhaften Deutschkenntnissen und irreführenden Übersetzungen geschuldet, die aus Heidegger einen Humanisten machten. Bei Sartre und andere in seinem Umfeld dasein-coffeescheint dieses Missverständnis so passiert zu sein. So konnten sie einen humanistischen Existentialismus bzw. existentialistischen Humanismus schreiben und leben, dem damals und heute jede Achtung gebührt. Spätere französische PhilosophInnen konnten dann schon besser deutsch und es gab bessere Übersetzungen ins Französische. So ging es bald auch in Frankreich dem Menschen und dem Subjekt an den Kragen. Nahezu alle mit einem „Post-“ etikettierten französischen DenkerInnen dachten in diese Richtung. Wobei es durch Destruktionen und Dekonstruktionen der Denkarbeit des schwarzwaldigen Hüttenbewohner durchaus ein Hinausgehen und Überschreiten gab. Doch immer blieb Heidegger sozusagen der unbewegliche Beweger eines Philosophierens, welches in vielen gesellschaftlichen Themenbereichen beeindruckende und weit wirkende Ergebnisse brachte. Ob Lacan, Foucault, Derrida … alle bekannten sich zu ihm als wesentlichen Anstoß.

Allerdings fanden sie keine Erklärung dafür, wieso ein Nazi ein so toller Philosoph sein konnte. Von den Apologeten, die anfangs in der Überzahl waren, will ich gar nicht reden, sondern von den linken Philosophen, vor allem von Foucault und Derrida fehlt mir eine adäquate Auseinandersetzung. Wenn Derrida behauptete, dass er im „Vom Geist“ und in anderen Schriften diese Auseinandersetzung geführt hätte, so läßt sich meiner Meinung nach im Einzelnen nachweisen, dass sie durch sehr kluge Reflexionen zwar verschleiert, aber letztlich doch zu einer teilweisen Exkulpierung Heideggers führten.

Was also ist die Schnittstelle zwischen Heidegger und einem Teil der französischen philosophischen Linken, fragte ich mich gute zwei Jahrzehnte, nachdem diese Diskussion ihren Niederschlag in zahlreichen Abhandlungen gefunden hatte. Ohne einen Gang in das Heideggersche Anwesen schien mir diese Frage für mich nicht beantwortbar zu sein, da mir alle Textbezüge in der Heidegger betreffenden Literatur mangels Kenntnisse der Vorlagen unverständlich bleiben mussten. Also begann ich heuer an einem heißen Julisonntag in der Nationalbibliothek mit der Lektüre von „Sein und Zeit“. Als ich ein erstes Zitat daraus auf Facebook postete, kamen umgehend Reaktionen, die mir das Schicksal zumindest des zweiten Mannes dieser Talmudgeschichte zu prophezeien schienen:

“Vier traten in den Pardes ein: Ben Asaj schaute und starb, Ben Soma schaute und kam zu Schaden, Acher richtete Schaden an, Rabbi Akiba stieg in Frieden hinauf und kam in Frieden herunter.“ (nach Gershom Scholem, Briefe Bd. 1)

Während ich dagegen hoffte, wie Rabbi Akiba aus dem Gestrüpp von wörtlicher, allegorischer, hermeneutischer und mystisch-esoterischer Interpretation unversehrt und ein wenig orientierter hinauszukommen. 
Ob ich inzwischen gestorben oder zu Schaden gekommen bin, Schaden angerichtet habe oder unversehrt aus „Sein und Zeit“ wieder rausgekommen bin, wird man noch sehen.

 

Kämpfe am Tag des Herrn und Begleitlektüren

Also staubte ich ein aus der Bücherei Siebenbrunnenfeldgasse vor langer Zeit abgeschriebenes Exemplar ab und begann zu lesen. Vorgesehen dafür waren ausschließlich die Sonntage, wenn die Nationalbibliothek als einzige Bibliothek offen hat. Unter der Woche sollte nicht am Text selber, sondern mit Sekundärliteratur und Werken, die das gesellschaftliche und politische Umfeld betreffen, gearbeitet werden (siehe Seitenleiste).

Ein günstiger Zufall wollte es, dass ich zu Beginn grad die neue Übersetzung von Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg  las, was in meinem Hirn zu einem anregenden Dialog mit Sein und Zeit führte, an dessen Ende die Frage offen blieb, wer und was in diesen beiden Büchern ver-rückt ist. Švejk jedenfalls ist es nicht. Stellte mir mal vor, Hašeks Buch sei das theoretische und dasjenige Heideggers der Roman und versuchte entsprechende Titel zu finden, wobei für „Sein und Zeit“ als Romantitel „Auf der Suche nach dem verlorenen Sein“ nahe liegt. Die Abenteuer des braven Soldaten Švejk lassen sich in soziologischer Sprache vielleicht so am besten betiteln: „Elemente des Narrativen im Transzendierungsprozess vertikaler Strukturen“.

Leider war ich mit dem Švejk bald fertig. Als nächstes begann ich mit Thomas Manns „Dr. Faustus“. Doch der eignete sich weniger als Parallel-Lektüre, da zu nah am Milieu, wenn auch die Abschnitte, in denen die wandernde Jugend sich im Heuschober bis tiefnachts über philosophische Probleme in hochtrabenden Worten austauschte, ein ironisches Licht auf den

Jan Potocki liest Heidegger nicht.
Jan Potocki liest Heidegger nicht.

Sprachduktus von „Sein und Zeit“ warfen. Besser wäre vielleicht Jan Potockis „Handschrift von Saragossa“ gewesen, da sowohl die in sich verschachtelte Struktur des Romans als die fast wörtlich zu nehmenden Cliffhanger eine paradoxe Ähnlichkeit mit „Sein und Zeit“ aufwiesen. Im Unterschied zu diesem hat die „Handschrift“ aber am Ende eine Auflösung. Für Heideggers vielzitierten „Vorlauf in den Tod“ scheint der Autor gewissermaßen ein Muster geliefert zu haben: Tagelang feilte er an einer silbernen Kugel, die auf einem Samowar (oder auf einer von einem Geistlichen als Geschenk erhaltenen Zuckerdose) angebracht war, bis diese Kugel in den Lauf einer Pistole passte – und erschoss sich. In ein paar Tagen ist übrigens das 200jährige Jubiläum dieses Ereignisses vom 2. Dezember 1815.

Oh, jetzt sind wir aber etwas abgeschweift, scheint mir. Demnächst geht es mit “Sein und Zeit” von Anfang an weiter.