Das Schmitt’sche Glaubensbekenntnis † Katechon (7)

Dem “Glossarium” vertraute Carl Schmitt seine halbgeheimsten Gedanken nach dem Krieg (1947 – 1951) an. Allerdings dachte er bei der Niederschrift der Notate durchaus an die Nachwelt. Im Unterschied zu den kaum zu entziffernden früheren Tagebüchern, die in einer Sonderform der Gabelsberger Kurzschrift mit vielen persönlichen Abkürzungen verfasst waren, wurden die “Glossarium”-Einträge in Kurrent geschrieben, was einer raschen Veröffentlichung sehr entgegen kam. Offenbar machte es Schmitt ein ziemliches Vergnügen sich vorzustellen, mit welcher Empörung seine Auslassungen nach seinem Tod quittiert würden. Ernst Jünger, dem er eine gewaltige Breitseite widmete, war ganz betroffen, weil er sich doch von seinem verehrten Freund stets geliebt glaubte, wodurch auch gewisse Unterbrechungen der Beziehung nichts geändert hätten. Glaubte er.

 

Im Folgenden einige der insgesamt acht Katechon-Eintragungen aus diesen Aufzeichnungen:
Gleich anfangs das in einem Brief an Gerhard Günther formulierte und im “Glossarium” wiedergegebene “Glaubensbekenntnis”, welches viele Schmitt-Exegeten so verblüffte, weil es die irrationale Basis von Schmitts Gedankengebäuden offen legte:

“Zu κατέχων: ich glaube an den Katechon; er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden. Die paulinische Geheimlehre ist nicht mehr und ebenso viel geheim wie jede christliche Existenz. Wer nicht selber in concreto etwas vom Katechon weiß, kann die Stelle nicht deuten. Zu κατέχων kommt Haimo von Halberstadt, als die Quelle von κατέχων und viel deutlicher als diese (Migne + 117, col. 779). Die Theologen von heute wissen es nicht mehr und wollen es im Grunde auch nicht wissen.”

Von der Schmittschen Religion dann umgehend in die Schmittsche Politische Theologie:

“Ich wollte eigentlich von Ihnen wissen: Wer ist heute der κατέχων? Man kann doch nicht Churchill oder John Foster Dulles dafür halten. Die Frage ist wichtiger als die nach dem Jüngerschen Oberförster. Man muß für jede Epoche der letzten 1948 Jahre den κατέχων nennen können. Der Platz war niemals unbesetzt, sonst wären wir nicht mehr vorhanden. Jeder große Kaiser des christlichen Mittelalters hat sich mit vollem Glauben und Bewußtsein für den Katechon gehalten, und er war es auch. Es ist gar nicht möglich, eine Geschichte des Mittelalters zu schreiben, ohne dieses zentrale Faktum zu sehen und zu verstehen. Es gibt zeitweise, vorübergehende, splitterhaft fragmentarische Inhaber dieser Aufgabe. Ich bin sicher, daß wir uns sogar über viele konkrete Namen bis auf den heutigen Tag verständigen können, sobald nur einmal der Begriff klar genug ist. Donoso Cortés ist theologisch daran gescheitert, daß ihm dieser Begriff unbekannt geblieben ist.”  (19.12.1947)

Weiters eine Notiz mit dem im “Glossarium” immer wieder zu bemerkenden Subtext der Relativierung der Schuld Nazideutschlands:

„Die Tat selber ist schon ein Verbrechen; Untat. Das ergibt dann: Tragik. Konrad Weiß würde sagen: Die um eine unbesetzbare Mitte des Inbildes in die Zeit angulativ sich einstückende Planschaft Gottes. Die römische Kirche ist historische Wirklichkeit; idealistisch gesehen eo ipso Untat. Sie ist der Katechon; das ist dann wohl der schlimmste Verbrecher. Idealistisch gesehen ist jede geschichtliche Tat eine Untat; idealistisch gesehen ist Recht = Unrecht = Setzung = Willkür. Das nennen sie dann Tragik!“ (4.7.1949)

eine weitere Lesart von Schmitts Lieblingsfigur:

“Der κατέχων, das ist der Mangel, das ist Hunger, Not und Ohnmacht. Das sind diejenigen, die nicht regieren, das ist Volk; alles andere ist Masse und Objekt der Planung. “(25.9.1949)

Und dann die Frage (in einem “Katechon-Dossier”):

“Birgt 2 Thess 2,6 ein Arcanum oder liegt sein Arcanum darin, dass es kein Arcanum birgt?”

 

Zum Abschluss stoßen wir noch auf den Kern von Schmitts Katechon-Wahn: Knapp vor dem 2. Vatikanum hat der Theologe August Strobel in der gründlichen und einflussreichen Studie „Untersuchungen zum eschatologischen Verzögerungsproblem. Aufgrund der spätjüdisch-urchristlichen Geschichte von Habakuk 2,2 ff.“ nachgewiesen, dass das Problem der christlichen Naherwartung und in diesem Zusammenhang die Rolle des Katechons wesentlich von der Thematik der spätjüdischen Apokalyptik beeinflusst ist. Er führt dazu die übereinstimmende Terminologie und Motivik der entsprechenden jüdischen und christlichen Quellen an und vor allem die überragende Bedeutung von Habakuk 2,3 für das Verständnis von Thess 2,2. Aber genau eine solche Bedeutung ist für Carl Schmitt, dem das Abtrennen alles Jüdischen und sogar Judenchristlichen wesentlich ist und der Strobels Buch sehr genau gelesen hatte, unannehmbar.  So schreibt er Hans Blumenberg, worum es ihm zu tun sei:

„Es handelt sich um die Absetzung der Paulusstelle 2 Thess. 2,2,6f. von Habakuk 2,2[…] ff.” (S. 138).

Mit dieser Absetzung war „die jüdische Erwartung messianischer Zeit von der christlichen Erwartung der zweiten Ankunft Christi“ (aus dem Kommentar zum Blumenberg-Schmitt-Briefwechsel) gemeint.

Auch hier zeigt sich wieder Schmitts traditioneller Antijudaismus, gerne auch aufgepeppt mit zeitgenössischem Antisemitismus, als wesentliche Intention seiner politisch-theologischen Theorien. 

 

Womit wir bei Martin Heidegger wären. In der Vorlesung “Einleitung in die Phänomenologie der Religion” (GA Bd.60) 1920/21 weist er auf kurzem Weg jeden Gedanken an eine Nicht-Urheberschaft von Paulus am 2. Thessaloniker als aburd ab, obwohl es in der Bibelwissenschaft schon damals thematisiert wurde. Und kommt dann auf den Katechon zu sprechen:

“Theodorot, Augustin u.a. sahen im Katechon die schroffe Ordnung des römischen Reiches, das die Verfolgung der Christen durch die Juden niederhält.”

An dieser Aussage stimmt so ziemlich nichts. Zum einen haben weder Theodorot (=Theodoret von Khyrros) noch Augustinus das Römische Reich oder dessen “schroffe Ordnung” für den Katechon gehalten. Theodorot neigte eher zur theistischen Lösung, also dazu, Gott selbst bzw. seinen Ratschluss als Katechon anzusehen und verknüpfte dies mit der “Heidenmission” (siehe bei: Röcker, Metzger, Motschenbacher). Ebenso war es für Augustin, welcher weltliches und göttliches Reich streng trennte, nicht plausibel, dass Rom eine Funktion sozusagen im Herzen der Heilsgeschichte zukomme. Eine solche Interpretation war ihm zwar bekannt, doch zog sich Augustinus auf einen Standpunkt zurück, der genau genommen jener der heutigen Theologie ist:

„Ego prorsus quid dixerit me fateor ignorare” (Ich, mit einem Wort, räume ein, dass ich nicht weiß, was er [Paulus] sagte.)

Doch es geht weiter. Denn zu behaupten, dass es Aufgabe des Katechons gewesen sei, die Christen vor den Juden zu beschützen, ist weder aus der Schriftstelle noch aus den zahlreichen Exegesen her abzuleiten. Dass Heidegger es gegen jede Evidenz dennoch behauptet, läßt die Schlussfolgerung zu, dass dem späteren Nazi bei dieser Stelle der Vorlesung sein Antisemitismus einen Streich gespielt haben könnte.

 

An einer eher unerwarteten Stelle habe ich schließlich eine weltpolitische Analyse unter Zuhilfenahme der Katechon-Figur gefunden, nämlich in den „Grundrissen”, einer inzwischen nicht mehr existierenden marxistischen Zeitschrift. Der entsprechende Artikel lautet: „China – Katechon der Weltrevolution” und stammt von Manfred Lauermann. Hier ein kleiner Ausschnitt daraus, der natürlich ohne den ganzen Artikel nicht zu verstehen ist (mit übrigens auch nicht):

„Nach Maos Tod 1976 heilt die Wunde, die von Taiping an in China schmerzte, deren letztes großes Aufbrechen die Kulturrevolution war, jetzt wird die Gegenmoderne dialektisch aufgehoben. Weltgeschichtlich durchschaut sich der Katechon als diese provisorische Gestalt der multitudo, welche sich zur unmittelbaren natürlichen Wirklichkeit durcharbeitet und vollendet in einer Übergangspassage mit durchdringender Ironie den Kapitalismus als Religion, wie Walter Benjamin einst die spezifisch moderne Formgestalt des Anti-Christen dechiffriert hat.

Begreifen wir die Kulturrevolution mit Benjamin als Abbreviatur, dann wurde die multitudo durch die Partei dekonstruiert, die heuer dabei ist, katechontisch einen Zweiten Großen Sprung zu organisieren, der dieses Mal in das Reich des antichristlichen Konsumkapitalismus zu führen scheint – als Vorstufe zum Kommunismus. Dieser Konformismus der Moderne, ihre eigentliche Kontingenzformel von Freiheit, droht, wie viele Linken fürchten, die Überlieferung der sozialistischen Freiheitsgeschichte der multitudo zu vernichten, weil der Hegelsche Freiheitsbegriff  täuschend imitiert wird, ähnlich wie der Antichrist den Messias..”

Nach dieser putzigen Adoption des Katechons durch ein postoperaistisches Theoriengeflecht scheint mir die Zeit gekommen zu sein, das Thema eines Jahrtausende währenden sinnlosen Ringens um die Interpretation eines Phantoms abzuschließen und mich mit Vernünftigerem zu beschäftigen.

2 Kommentare

  1. In Moskau geht es heute damit weiter. Siehe FAZ, 3.02.2017, Nr. 33, Seite N 3
    “Kerstin Holm: Neobyzantinisches Russland. Katechon in Moskau.”
    Holm stützt sich dabei auf einen Aufsatz von Michael Hagemeister (Bochum): “Bereit für die Endzeit. Neobyzantinismus im postsowjetischen Russland”, in: OSTEUROPA, Band 66, 2016, Heft 11/12)
    Hagemeister ist Spezialist für die russische Rechte (“Nationalpatrioten”) (Dugin u.a.), für die Heidegger und Carl Schmitt eine Art himmlisches Manna darstellen.

    MfG
    Bernd E. Scholz

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