Nationalbibliothek als Horrorbibliothek? Antworten auf einen Pressebericht

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Unter dem Titel “Ein Bahnhof ohne Züge” berichtet Peter Zakravsky in der “Presse” über seine Erfahrungen mit der Nationalbibliothek. Da ich dieses Etablissement seit 5 Jahren regelmäßig besuche und es in diesem Bericht nicht wiedererkenne, ist es mir ein Anliegen, auf einige der vielen falschen Behauptungen des Artikelschreibers zu reagieren. Bin mit der Bibliotheksleitung oder -mitarbeiterInnen weder verwandt noch verschwägert ;-)

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In der Früh bei Bibliotheksöffnung reiten sie ein, schlendern lässig, die diversen tragbaren IT-Geräte unterm Arm, zur Buchausgabe, deponieren einen Ausweis, nehmen den Epoxidharz-Stab, extrem retro und der letzte seiner Art, in Empfang, betreten gemütlich und angeregt plaudernd (still zu sein ist eine vorsintflutliche, längst ausgestorbene Tugend) den Lesesaal, stöpseln ihr Gerät ein – und ab in die Stadt auf ein gediegenes Frühstück.
… Buchausgabe, heute mehr denn je zum Lachen. In den gut 300 Regalfächern stecken wohl Ausweise, aber nur wenige weiß hervorleuchtende Bücherzettel. 

1. Wenn man keine Bücher entlehnt, ist in der Nationalbibliothek auch nicht notwendig, einen “Epoxidharz-Stab” gegen Austausch eines Ausweises entgegenzunehmen. Daher sind auch eher keine leeren Fächer mit Ausweisen zu finden. Bis zu den Lesesälen ist übrigens plaudern erlaubt, genauso wie vor der Sintflut ;-)

2. Gegen zu langes Wegbleiben vom Arbeitsplatz schützt eine Kartonuhr, auf der der Zeitpunkt des Verlassens des Arbeitsplatzes zu vermerken ist – und auch kontrolliert bzw. sanktioniert wird durch Entfernen der Arbeitsmaterialien und Freimachen des Arbeitsplatzes für andere. Allerdings besetzen Etliche gleich nach der Öffnung um 9 Uhr ihren Lieblingsplatz, um hernach noch zu frühstücken. Auch ich bin so einer. Wüßte nicht, was dagegen sprechen sollte.

Ich habe den Lesesaal mit den grünen Leselampen und den zugezogenen Vorhängen geliebt. Nie quälte mich Zwielicht, es herrschte unbedingte Stille … Die meisten Plätze besetzt mit lesenden Menschen, der eine oder die andere hatte schon einen Laptop dabei, aber als Arbeitsinstrument, Energieversorgung vom Akku, nicht aus einer Bibliothekssteckdose. In allen Servicebereichen herrschte eine gewisse Großzügigkeit.

3. In den Lesesälen ist es auch heute ruhig. Gelegentlich gibt zwar ein Laptop Startklänge von sich, ist störend, aber passiert in allen Lesesälen der Welt, dauert aber immer nur kurz. Selten jault ein Handy auf, die Besitzer stürzen dann schuldbewusst aus dem Saal. Passiert auch überall. Modern Times eben. Na und? Wenn zwei oder mehrere zu laut zu flüstern beginnen, dann funktioniert ziemlich schnell die soziale Kontrolle mittels eines pssst, psssst und die Flüsterer verstummen oder eilen nach draußen.

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4. Dass nunmehr die meisten Arbeitsplätze Steckdosen für Laptops haben, sehe ich als einen Fortschritt gegenüber der steckdosenlosen Zeit an. Nie mehr leerer Akku mitten im genialen Aufsatz ;-)

Heutzutage betrete ich durch die Sicherheitsschleusen, die jeden und jede abweisen, der/die keinen gültigen Plastikkartenausweis hat …

5. Dass es heute Sicherheitsschleusen gibt, ist ein Schicksal, welches die Nationalbibliothek mit fast allen Bibliotheken und auch mit der Hauptbücherei und anderen größeren Büchereien teilt. Was der Artikelschreiber dagegen einzuwenden hat, ist mir rätselhaft, bewahren diese Schleusen ihn doch möglicherweise vor dem Verlust eines Buches, das er gerne gehabt hätte.

6. Dass man nur mit gültigem Leseausweis durch die Schleusen darf, ist ebenfalls ein Feature und kein Bug angesichts der Mengen an Touristen, die sich in der Vorhalle aufhalten und rechts zur Ausstellung bzw. zur Information wollen. Ohne die Eintrittsschleuse würde es in den Lesesälen tatsächlich zu Zuständen kommen, die Herr Z. jetzt schon herbeifantasiert.

das … mit Getränke-, Kaffee- und Fressautomaten vollgestellte, den Charme der Lounge eines Selbstbedienungshotels verströmende Bibliotheks-Entree am Heldenplatz, wo es in der Tat zugeht wie in einer Bahnhofswartehalle: auf dem Boden leere Wurstsemmelpapierln, Plastikflaschen, die wenigen Mistkübel überquellend, ununterbrochenes Handyläuten, in Fauteuil-Rondos laute Unterhaltungsfetzen.

7. Die Lounge der Nationalbibliothek ist tatsächlich nicht der letzte Schrei der Gemütlichkeit. Dass es Automaten und keine Theke mit Bedienung gibt, bedauere ich als Altersgenosse von Herrn Z. ebenfalls, aber besser Automaten als gar nichts. Man kann unter der Woche aber bis 15 Uhr das Buffet im Untergeschoß aufsuchen, wo einem menschliche Hände die gewünschten Speisen und Getränke überreichen.

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Handys sind in den Pausenräumen erlaubt, also hört man gelegentlich auch ein Läuten und die Menschen unterhalten sich miteinander, zumeist leiser, manchmal etwas lauter. So what. Herumkugelnde Wurstsemmelpapierln habe ich noch keine gesehen, aber vielleicht war dies just bei einem Besuch des Herrn Z. einmal der Fall gewesen. Manche Menschen ziehen offenbar das Wurstsemmelpapierlkugeln geradezu an. Flaschen kugeln in der Regel auch nicht herum, sondern stecken in Behältern zur Aufbewahrung, weil bekanntlich in den Lesesälen keine Getränke und kein Essen mitgenommen werden darf. Dagegen wird auch Herr Z. nichts haben.

Apropos Lesesaal. Die grünen Leselampen sind längst entfernt, grässliches Zwielicht quält meine leidenden Augen. Im Sommer ist es heiß, im Winter pfeift der Wind durch, zu hören ist das klassische Sausen, begleitet von einem nun auch schon ein paar Jährchen durch den Lesesaal flutschenden Aufzugsgeräusch, mit seinem ständigen Stop-and-go-Getöse schwer an den Nerven eines um Konzentration kämpfenden Lesers zerrend.

biblio68. Es gibt weiterhin Leselampen, wenn auch keine grünen, aber auch Deckenlichter, die gleichmäßiges Licht auf Arbeitsplatz werfen. Mir jedenfalls angenehmer als das begrenzte Leselampenlicht. Vielleicht weniger lauschig. Wer das braucht, kann in die Wienbibliothek gehen, auch eine empfehlenswerte Bibliothek.

9. Im Sommer gibt es eine gut funktionierende Klimaanlage – welche dies in diesen heißen Tagen auch unter Beweis stellte, die auch im Winter für gleichmäßig angenehme, gelegentlich fast zu hohen Temperaturen sorgt. Den Unterschied merkt man, wenn man in die Vorhalle – die mit den Touristen – geht. Dort, wo es im Unterschied zu drinnen in den Bibliotheksräumen auch Wind gibt, der aber wohl nur selten pfeift.

10. Aufzugsgeräusch kann für jene, die im Zeitschriftensaal in der Nähe sitzen, tatsächlich störend für die Konzentration sein. Daher meide ich nach Möglichkeit diesen Bereich. Abhilfe gibt es via Ohrenstöpsel oder Kopfhörer. Das ist was ganz Modernes, Herr Z! Sowas kann man an den Laptop anschließen und es kommt Musik raus, die für andere aber nicht hörbar ist. Nochmals: Modern Times.

Apropos Leser: Mittlerweile sind die IT-Geräte abgesiedelt. Wohin? Ich weiß es nicht. Freie Plätze zuhauf, weil sich der Abzug der Freunde und Freundinnen des Internetcafé-Betriebsklimas nicht durch Hereinlocken neuer Leser kompensieren lässt. Trotz der Erweiterung der Öffnungszeiten.

11. Dass die “IT-Geräte” abgesiedelt seien, ist wiederum pure Fantasie des Herrn Z. In den letzten 5 Jahren, da ich die NB benütze, sind sie auf mindestens jedem zweiten Platz zu finden, auch auf meinem. So wie auch auf den meisten Plätzen Bücher liegen. Und wenn nicht? Die Nationalbibliothek bietet eine Menge Archiv- und Onlinetextdienste an, die nur vor Ort abgerufen werden können. Außerdem sollte erlaubt sein, nur mit Laptop über Arbeiten zu sitzen, ohne Bücher dabei haben zu müssen, und ist es auch. Ich komme gelegentlich sogar mit eigenen oder Büchern aus anderen Bibliotheken und nutze die Stille und gerade angesichts der Sommerhitze das angenehme Raumklima in den Lesesälen.

12. In diesen 5 Jahren beobachte ich im Unterschied zu Herrn Z. auch ein stetiges Ansteigen der BenutzerInnenzahlen, sodass es gut ist, schon um 9 Uhr oder spätestens bis halb 11 sich einen Platz ergattert zu haben. Einen wahren Boom löste die Sonntagsöffnung aus, an vielen Sonntagen sind die Leseäle sehr bald randvoll und BenutzerInnen lagern sich an allen möglichen und unmöglichen Plätzen zum Studieren. Man könnte dies malerisch nennen, ich meine, es fehlt in Wien an Sonntags-Arbeitsplätzen in Bibliotheken und Büchereien. Der Bedarf steigt offenbar.

Das einst freundliche Personal ist heute gefrustet, in sich gekehrt, verrichtet, wie man meinen möchte, Dienst nach Vorschrift. Es wird ihnen nicht leicht gemacht.

13. Das Personal ist in der Regel freundlich bis sehr freundlich und zumeist sehr entgegenkommend. Nicht immer alle. So wie in allen Institutionen der Welt, in denen es u.a. Aufgabe des Personals ist, Verstöße gegen Ordnungen zu ahnden. Wie das Freimachen von zu lange verlassenen Arbeitsplätzen, s.o.
Auch ich hatte bereits einen Zusammenstoß mit einem Mitarbeiter, als ich (nachdem es mir ein anderer Mitarbeiter auf mein Befragen erlaubt hatte) Zeitungen mit meiner Digi fotografierte. Dies ist aber in der Nationabibliothek im Unterschied zu anderen Bibliotheken verboten. Nun gut, der Umgangston hätte besser sein können, aber formal war der Bibliotheksangestellte im Recht und ich will seither schon lange bei der Bibliotheksleitung anregen, zumindest im Zeitschriftensaal das blitzlose Fotografieren zu erlauben. Sollte ich endlich tun ;-)

Womit ich beim Kapitel Fernleihe angelangt wäre. Da die Literatur in Wien nicht mehr greifbar ist, muss ich immer öfter auf die Fernleihe ausweichen. Das war früher eine eigene Stelle, besetzt mit zwei äußerst kompetenten Damen, bei denen man unter ihrer Mithilfe Scheine ausgefüllt hat und sofort Bescheid wusste, dort und dort gibt es den Text, ja, mit dieser Institution arbeiten wir zusammen, Kostenpunkt sowieso. Diese Stelle und das gesamte Prozedere wurden abgeschafft und ins Internet verlagert. Fernleihe nur mehr möglich über ein Internetfenster der Nationalbibliothek.

14. Dass die Fernleihe nicht mehr mittels Ausfüllens von Scheinen und mit der Notwendigkeit der Hilfe durch BibliothekarInnen gemacht werden muss, sondern viel schneller und unkomplizierter via Internetportal – was wünscht Bibliotheksbenutzer mehr?

Grundsätzlich habe ich mit dem Internet kein Problem. Wenn ich aber dann die Auskunft erhalte, über Fernleihe bestellte Texte seien nach Eintreffen bei der Buchausgabe und nur dort zu bezahlen und entgegenzunehmen, fühle ich mich gefrotzelt: Diese Regelung bedeutet für mich mindestens eineinhalb Stunden Anreise hin zu einer Institution, die mich erst durch zweifelhafte Wahrnehmung ihrer Aufgaben zum Ausweichen auf die Fernleihe zwingt, um mich dann auch noch zu umständlicher An- und Abreise zu nötigen.

15. Dass bestellte Medien und auch solche aus der Fernleihe vom Buchausgabeschalter abzuholen sind, scheint mir nicht wirklich überraschend zu sein. Will Herr Z. sie an seine persönliche Adresse geschickt bekommen? Könnte er ja anregen, wird aber wohl aus guten Gründen abgelehnt werden.   

Das wollte ich einmal zum Thema Nationalbibliothek gesagt haben. ■
Peter Zakravsky, Jahrgang 1952, Dr. phil., lebt als freier Journalist in Groß-Enzersdorf bei Wien.
(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 25.07.2015)

Könnte es sein, dass es einen Unterschied ausmacht, ob man mit hoher Bereitschaft zum Nörgeln die Bibliotheksräume betritt oder seit Kindheit eine Liebe zu Bibliothekseinrichtungen hat?

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2 Kommentare

  1. Die Absiedlung der IT-Geräte, wie von Herrn Z. verordnet, bezog sich wohl auf die Zeit, als bedingt durch den Umzug der Wirtschaftsuniversität auf deren neuen Campus Massen an WU-Studierenden sowohl an der Nationabibliothek alls auch der Bibliothek der Technischen Universität als Übergangslösung breitmachten. Die Bibliothek der TU hat dadurch etwa die Kartonuhren eingeführt, um sicherstellen zu können, dass auch wirklich niemand zu lange ohne tatsächliche Aktivität die Plätze in der Bibliothek belegt. Einen Engpass bei der Platzvergabe gab es dennoch oft genug; der Umstand, dass WU-Studierende üblicherweise zum Lernen in die TU-Bibliothek (und ÖNB) kamen, sorgte für Unmut, da sie auf diese Weise Studierenden, die spezifischer TU-Literatur bedurften, die Plätze wegnahmen.
    Durch den erfolgten Umzug der WU hat sich dieses Problem eines Sommers aber wieder in Wohlgefallen aufgelöst und die Benützungsräume der TU und ONB wurden um viele der nur mit Laptop und/oder Skripten beladenen WU-Studierendenkontingente ärmer.
    Ich schätze, dass sich der Kommentar von Herrn Z. auf dieses Ereignis bezog.
    Dass der Presse-Artikel in vielerlei Hinsicht, wie in diesem Blogeintrag schön herausgekehrt, auf Nörgelei denn auf fundierte Kritik (derer in der ÖNB in vielerlei Manier angebracht ist) reduziert scheint, bleibt dennoch der Eindruck.

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