Zivilisation in Gänsefüßchen und doch kein Schierlingsbecher für Derrida

In der mehr als lesenswerten Biographie von Benoît Peeters hab ich einen Hinweis (S. 638) auf den Wirbel gefunden, den 1992 die geplante Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge an Derrida unter der Professorenschaft vorwiegend aus dem analytischen Eck ausgelöst hatte. In einem Offenen Brief sprachen sich damals 18 Professoren gegen die Verleihung aus und schrieben unter anderem:

“Mr. Derrida scheint es gelungen zu sein, eine Art Karriere auf dem aufzubauen, was uns als Übertragung von Finessen und Spielereien ähnlich denen des Dadaismus und der konkreten Poesie in die akademische Sphäre erscheint. Unter diesem Gesichtspunkt hat er gewiss beträchtliche Originalität bewiesen. Doch eine solche Ehrbarkeit macht aus ihm noch keinen glaubwürdigen Anwärter auf ein Ehrendoktorat.” (Übersetzung H. Brühmann)

Bis auf dem letzten Satz könnte man ja durchaus zustimmen, nicht zuletzt, weil der Text der Professoren selbst etwas Dadaistisches an sich hat (siehe linke Leiste). Dem Kommentar von “Nörgler” unter einem empfehlenswerten Artikel zu Derrida ist daher zuzustimmen: “Wenn man solche Gegner hat, braucht man keine Freunde mehr.”

In Interviews und Stellungnahmen während der Anti-Derrida-Kampagne kamen noch etliche Äußerungen der “Herren der offiziellen Diskurse” (Bersarin) an den Tag, jener des Ästhetik-Professors und Paläokonservativen Roger Scruton aus London, der “Puren Nihilismus” in den Ideen Derridas erblickte, dessen Dekonstruktion “die gesamte Zivilisation in Gänsefüßchen” setze (Der Spiegel vom 13. April 1992). Um Das Denken Derridas zu stigmatisieren, wurde dafür die Formel “logical phallusies” erfunden. Und Howard Erskine-Hill rief, dass eine Verleihung eines Doktors honoris causadarauf hinausliefe, einen Pyromanen zum Direktor der Feuerwache zu ernennen.” Die Zeitschrift Observer vergleicht die Wirkung von Derridas Werk mit dem damals noch jungen und weitgehend als rätselhaft empfundenen “Computervirus”. Nebenbei wird noch erwähnt, dass man den Philosophen in Prag wegen Drogenhandels inhaftiert gehabt hätte, obwohl es sich längst herausgestellt hatte, dass dies eine abgekartete Aktion der Geheimpolizei des CSSR-Regimes gegen den Unterstützer der tschechoslowakischen Dissidenten gewesen war.

© Stefan Micheel

Die Philosophien Sarah Richmond bemerkte etwas abschätzig über diese britischen Akademiker, dass sie der Meinung seien, Derridas Ideen bedeuteten “Gift für den Geist junger Leute”. Peeters nahm diese Stelle aus dem “Spiegel”-Artikel in sein Buch auf und vergaß nicht darauf hinzuweisen, dass Sarah Richmond damit “ohne es zu bemerken” das Argument wiederhole, das sich 25 Jahrhunderte zuvor gegen Sokrates gerichtet hatte. Allerdings hat er dabei übersehen, dass die Philosophin, eine ausgewiesene Derrida-Kennerin, voll bewusst diese Anschuldigung verwendete, um herauszustreichen, wes Geistes Kind jene Derrida-Gegner seien. Einen anderen Vergleich stellte die FAZ an, nämlich den mit der Ablehnung von Walter Benjamins Habilitation durch die Universität Frankfurt 1927.

Mit 336 gegen 204 Stimmen wurde Derrida schließlich zum Doktor honoris causa erwählt. Bei der Verleihungs-Zeremonie flüsterte ihm Prinz Philip kurz zu: “Ich selber versuche mich in der Familie seit einiger Zeit an der Dekonstruktion.”