Carl Schmitt als Großraumpfleger in neuen Zeiten † Katechon (6)

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Der letzte Teil endete mit der Invasion der Alliierten in der Normandie, ein Ereignis, welches Carl Schmitts Reflexionen im “Beschleuniger wider Willen …” über die angeblich irrelevante Rolle der USA in diesem Krieg nicht gerade stützte. Seine auch mit dem damaligen Wissen groteske Fehlprognose zeigt, wie sehr Schmitt auch nach seiner politischen Entmachtung einen Sieg der Nazis erwartete und erhoffte. Bedeutender ist, was aus seinem Artikel über den unfreiwilligen Beschleuniger USA in die Zeit nach dem Sieg der Allierten, also ins Nachkriegsdeutschland mitgenommen wird. Hier bieten sich als direkte thematische Fortsetzung der „Nomos der Erde“ (PDF) an, welches 1950 erschienen ist. Ergänzt durch Schmitts in der Untersuchungshaft verfasste Schrift „Ex Capitivitate Salus“ und durch das tagebuchartige „Glossarium“. Doch auch 1942 erscheint noch ein Buch zum “Raumproblem”.

Land und Meer“ wurde auf Anregung Ernst Jüngers für Schmitts 11jähriger Tochter Anima geschrieben, welches die Weltgeschichte als eine „Geschichte des Kampfes von Seemächten gegen Landmächte“ darzustellen versuchte. Die historische Relevanz einer solchen Sichtweise darf bezweifelt werden, insofern Schmitt die Definitionen als wesensmäßig und nur sekundär geographisch auffasste. Britannien hätte sich demnach in freier Wahl und nicht wegen seines Inselstatus als Seemacht bestimmt. Die wesensmäßige Entscheidung für Land- oder Seemacht impliziert auch spezifische Politik-, Religion- und Ideologieformen. So schreibt Schmitt in seinen Schriften den Seemächten “unbedingten Fortschrittswillen”, “grenzenlosen Universalismus”, “uferlose Meeresbezogenheit des englischen Völkerrechtsdenkens”, Calvinismus und  die (kontrafaktische) “jüdische Landlosigkeit” zu. Dass der väterliche Erzähler gleich zu Beginn “den Menschen” als “Landwesen” bestimmt, zeigt, wo die Sympathien liegen und wer der Feind ist. Bei einer derart mythischen und theologischen Aufladung kann der Katechon nicht weit sein. Und tatsächlich, er bleibt auch dem Kind nicht erspart:
landundmeer1Byzanz wird als Katechont bezeichnet, weil es mehrere hundert Jahre lang eine Ausbreitung des Islams nach Südeuropa und weiter verhinderte. Dass laut Schmitt damit auch eine „Ausrottung der antik-christlichen Kultur“, insbesondere Italiens als Herzen der christlichen Kultur, abgewendet worden sei, widerspricht den realen geschichtlichen Abläufen, wie man an jenen Teilen der iberischen Halbinsel sowie an den anderen von Christen und Juden besiedelten Gebieten ersehen kann, welche unter islamische Herrschaft fielen. Doch brauchte Schmitt den durch das Katechon-Konstrukt zum Antichristen hochstilisierten Feind, um sein dualistisch-eschatologisches Geschichtssystem zu bewahren.
Ein weiterer historischer Schauplatz in “Land und Meer” war der Gegensatz der Calvinisten als – wie bereits erwähnt – Repräsentanten der Mächte zur See und der katholischen Jesuiten als jener für das Land. Spanien wurde taxfrei zur Landmacht erklärt, Britannien und Holland als dazu antagonistische Seemächte bestimmt. Und „Deutschland“ sei das Schlachtfeld dieser Auseinandersetzungen gewesen, nämlich während des 30jährigen Krieges. Diesen aber hätte ein deutscher Katechon sehr lange aufgehalten. Gemeint war Kaiser Rudolf II.
Mit dem Ausbruch des Krieges wäre aber nach der mittelalterlichen Auffassung des Katechons das Zeitalter des Antichrist und der Apokalypse angebrochen, gefolgt von der zweiten Ankunft des Gottessohnes. Statt ihm kam aber der Westfälische Friede. Durchaus Grund zur Freude für die gepeinigten Menschen in Europa, aber Parusie schaut anders aus.

 

Bei “Land und Meer” wird offenkundig, wie beliebig und unbekümmert um historische, aber auch theologische Wertigkeiten Schmitt den Katechonbegriff verwendet. Einerseits wird er als das Um und Auf historischer Theologie, wie Schmitt sie betreibt, eingeführt, andererseits als Jakob-geh-her-da zweitrangiger und zum Teil marginaler geschichtlicher Ereignisse eingesetzt. In Zusammenhängen, bei denen es auch fürs Schmittsche Theologiegebäude eigentlich keines Katechonten bedürfte. c3Im Gegenteil, durch solche Profanisierungen desavouiert er ungewollt seinen eigenen, im Offenbarungsmilieu angesiedelten Begriff eines endzeitlichen Aufhalters. Denn nicht mal der politisch-historische Theologe Schmitt hätte wohl behauptet, dass die Machenschaften der Jesuiten und Kaiser Rudolfs Reichspolitik Angelegenheiten endzeitlichen Ausmaßes gewesen seien. Meine Vermutung ist, dass es Schmitt vor allem darum ging, so wie es ihm bei anderen Begriffen gelungen war, auch den Katechon-Begriff sozusagen landläufig zu machen. Dazu bedurfte es häufiger Nennung bei allen Gelegenheiten. Allerdings scheint er den Bogen dabei überspannt zu haben, wenn sogar sein treuer Schüler Günter Maschke den Katechon als carte blanche bezeichnet hat, wie bereits erwähnt wurde oder noch erwähnt werden wird.    

 

Eine kleine Apologie des nazideutschen Eroberungskrieges baute Schmitt auch noch ein. Und zwar als Variante der Klage aus der Aufstiegszeit des wilhelminischen Imperialismus, wonach Deutschland im Wettlauf um die Kolonien zu kurz gekommen wäre, oder wie es Bülow ausdrückte, der „Platz an der Sonne“ vorenthalten worden sei, nämlich dass Deutschland im 30jährigen Krieg

„zum Schlachtfeld eines ihm innerlich fremden, überseeischen Landnahmekrieges wurde, ohne selbst an der Landnahme beteiligt zu sein.“

Großheutschi fragt zurecht, welches „Deutschland“ denn da gemeint sein sollte, da das nachmalige deutsche Reichsgebiet damals „in der politischen Wirklichkeit ein bunter Teppich bereits weitgehend selbständiger Fürstentümer und Städte“ gewesen sei und daher als politisches Machtzentrum, welches über ausreichende Ressourcen für überseeische Landnahmen verfügte, nicht existent war; der Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ hatte in diesen dezentralen Machtsphären recht wenig zu reden. Die Funktion einer derartigen Umbiegung der historischen Realität dürfte, und hier ist wieder Großheutschi zu folgen, in einer indirekten Legitimierung von Deutschlands Drang nach „Lebensraum“ gewesen sein.

 

 

Aber 1945 ist Nazideutschland endlich besiegt und Herr Schmitt muss sich neu orientieren. Denn nach dem Krieg schauts ein wenig anders aus. Ziemlich apokalyptisch jedenfalls, da der Katechon Deutschland versagt hatte. Denn für Schmitt hatte die Naziherrschaft und der millionenfache Judenmord bekanntlich nichts Apokalyptisches an sich gehabt. Erst der Sieg der westlichen universell-ethischen Alliierten und der atheistischen Sowjetunion drohte die apokalyptischen Reiter loszulassen. Deutschlands Katechontenrolle war ausgespielt und Churchill plus Roosevelt zeigten sich nach Schmitts Meinung zu schwach, um als neue Katechonten dem Bolschewismus entgegenzutreten, unter anderem deshalb nicht, weil die USA und der Westen durch ihre mechanistisch-funktionalistische und politikfreie Lebensweise selbst Verursacher und Teil apokalyptischer Entwicklungen geworden seien.

 

In der Nachkriegszeit wird Carl Schmitt zweimal als mutmaßlicher Wegbereiter der Naziherrschaft inhaftiert und schreibt „in der Weisheit der Zelle“ so allerlei auf, was nach seiner Veröffentlichung unter dem Titel „Ex Captivitate Salus“ („Befreiung aus der Gefangenschaft“) von manchen, wie etwa Jacob Taubes, in literarischer und geschichtsphilosophischer Hinsicht maßlos überschätzt und, etwa von Alfred Andersch, mit ehrlicher Selbstbesinnung verwechselt wird. Tatsächlich ist es eine gar nicht so vorsichtig formulierte, teilweise unverschämte Rechtfertigungsschrift, in der keine Spur von Reue oder Bedauern über die eigene Rolle vor und in der Nazizeit oder über die Millionen Opfer der Nazis und schon gar nichts zur Shoah zu finden ist. Im dritten Abschnitt dieses schmalen Bandes entwickelt Schmitt an Tocqueville eine weitere Katechon-Erscheinungsform. Tocqueville habe nach Schmitt die aktuelle Weltlage vorweggenommen, die auf eine vollständige Demokratisierung via USA und absolute Zentralisierung via UdSSR hinauslaufe, welche letztlich als antichristliche Mächte die Welt beherrschten. Da Tocqueville aber nicht „den Glauben an den Gott als Herrn der Geschichte hatte“, wie Schmitt meinte, sei er kein „christlicher Epimetheus“ (= Selbststilisierung Schmitts nach dem Krieg, siehe dazu linke Seitenleiste) geworden:

„Ihm fehlte der heilsgeschichtliche Halt, der seine geschichtliche Idee von Europa vor der Verzweiflung bewahrte. Europa war ohne die Idee eines Kat-echon verloren. Tocqueville kannte keinen Kat-echon. Statt dessen suchte er kluge Kompromisse.“

Allerdings habe Tocqueville damit aber auch Europa als heilsgeschichtlichen Ort aufgegeben. Was dem französischen Adeligen wohl nicht so schwer gefallen ist, da er „vor dem wissenschaftlichen Agnostizismus kapitulierte“, wie Schmitt meinte. Somit mit der Heilsgeschichte im Politischen sowieso nichts im Sinne gehabt hatte. Sein Pech, denn sonst hätte Schmitt ihn vielleicht gar wie Hegel zum Katechon ernannt. Aus dem Text ist zu entnehmen, dass sich Schmitt offenkundig mit dem französischen Denker parallelisierte. Daher kann man einen Schritt weitergehen und das im „Ex Captivitate Salus“ Ungesagte aussprechen: Da Schmitts Durchdringung der Gegenwart mindestens ebenso weltmächtig wie Tocquilles Analyse in vergleichbarer historischer Situation sei, jener aber im Unterschied zu diesem über das Wissen vom Katechon als unabdingbare geschichtliche Konstante verfügte, liege auf der Hand, dass er, Carl Schmitt, gewesener Preussischer Staatsrat, derzeitiger christlicher Epimetheus und letzter Vertreter des „Ius Publicum Europaeum“, der aktuelle Katechon sei. Doch vorerst musste er schauen, aus dieser verdammten Zelle rauszukommen und verfasste daher auf Geheiß des vernehmenden Anklägers Robert Kempner eine Verteidigungsschrift, die zum Besten gehört, was an Selbst-Exkulpierungsliteratur je geschrieben wurde – demnach sei er auch in der Nazizeit nichts als ein Zeitdiagnostiker und im Grunde Verfolgter des Regimes gewesen. Der Text hatte Erfolg: Schmitt wurde „in die Sicherheit des Schweigens“ entlassen, veröffentlichte bald darauf seine Aufzeichnungen aus der ca. einjährigen Haft und schrieb hernach in sein tagebuchartiges „Glossarium“ so einiges auf, was bei der Veröffentlichung nach seinem Ableben den immer mehr werdenden Schmitt-Apologeten zum Teil im Hals stecken blieb.

 

Eine größere Schrift wurde 1950 veröffentlich, „Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum“ – eine Anknüpfung an die Großraumtheorie aus „Beschleuniger wider Willen“ und „Land und Meer“. Reinhard Mehring meint, dass sich der „Nomos der Erde“ „1950 als eine spekulative Endgeschichte des Abendlandes im Spiegel der Völkerrechtsgeschichte lesen“ lasse, worauf auch ein eigener dem Katechon gewidmeter Abschnitt, betitelt mit „Das christliche Reich als Katechon“, hinweist. Das folgende Zitat zeigt schön den privattheologisch determinierten Blick Schmitts:

Der mittelalterlichen Einheit der christlichen Reiche „ist es wesentlich, dass es kein ewiges Reich ist, sondern sein eigenes Ende und das Ende des gegenwärtigen Äon im Auge behält und trotzdem einer geschichtlichen Macht fähig ist. Der entscheidende geschichtsmächtige Begriff seiner Kontinuität ist der des Aufhalters, des Kat-echon. „Reich“ bedeutet hier die geschichtliche Macht, die das Erscheinen des Antichrist und das Ende des gegenwärtigen Äon aufzuhalten vermag. (…) Das Reich des christlichen Mittelalters dauert solange, wie der Gedanke des Kat-echon lebendig ist.“

Bis hierher ließe sich diese Heraufbeschwörung eines endzeitlich orientierten Geschichts- und Selbstbildes christlicher Herrscher noch als eigenwillige Wiedergabe mittelalterlicher Mentalitätsgeschichte lesen. Das eigentlich Eingemachte Schmittscher (Heils)-Geschichtskonzeption findet sich aber in den unmittelbar darauf folgenden Zeilen:

„Ich glaube nicht, dass für einen ursprünglich christlichen Glauben ein anderes Geschichtsbild als das des Kat-echon überhaupt möglich ist. Der Glaube, dass ein Aufhalter das Ende der Welt zurückhält, schlägt die einzige Brücke, die von der eschatologischen Lähmung alles menschlichen Geschehens zu einer so großartigen Geschichtsmächtigkeit wie der des christlichen Kaisertums der germanischen Könige führt.“

Die Ausschließung einer anderen Geschichtsdeutung als die via christlichem Glauben und dies wieder nur durch Zugrundelegung der Katechonfigur verätzt alles Weitere, was Schmitt zu historischen Abläufen zu sagen hat. Zu ein-deutig und ein-fältig wird allein auf heilsgeschichtliche Relevanz rekurriert. Alternative Sichtweisen, ob christliche oder nichtchristliche, also wissenschaftliche, können nur des Teufels sein. Und der Mann meint das wörtlich! 

mastaendeZur „eschatologischen Lähmung“: Wie erinnerlich gibt es eine wenn heute auch umstrittene Deutung, dass Paulus den Katechon deswegen erfunden habe, um zu verhindern, dass die christlichen Brüder und Schwestern in Erwartung des nahen Endes nur noch vor sich hin beteten und damit in Tatlosigkeit versumperten. Wenn Schmitt nun für die Zeit der christlichen Reiche und überhaupt für die Weltgeschichte die Gefahr einer „eschatologischen Lähmung“ heraufbeschwört, dann setzt er stillschweigend voraus, dass noch im Mittelalter der Glaube an eine nahe Wiederkunft des Herrn vorherrschend gewesen wäre. Was aber nicht zutrifft, wenn man von den immer wieder aufkommenden chiliastischen Strömungen absieht. Doch wurden diese seit dem 3. Jahrhundert von der katholischen Kirche als Häresien bekämpft. Also weit und breit keine Gefahr einer Lähmung mit Blick auf die Endzeit. Dafür sorgte schon die recht proaktive Perfomance mittelalterlicher Herrscher. Gelähmt konnten daher eher die Objekte dieser Aktivitäten werden, und zwar durch Schwertstreiche oder Knüppelhiebe im Verlauf einer der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen, falls sie nicht eh gleich sozusagen im Handstreich „vor das Antlitz des Herrn“ gebracht wurden.
Ein langjähriger stockkonservativer spanischer Schüler und Briefpartner von Schmitt, Alvar d’Ors i Perez-Peix, hat – trotz aller Ehrfurcht vor seinem Meister – aus realkatholischer Sicht eine entschiedene und nachvollziehbare Widerlegung der Annahme einer „eschatologischen Lähmung“ angesichts der Erwartung des nahenden Endes geschrieben. Darin weist er zurecht darauf hin, dass ja auch die Menschen im Bewusstsein ihrer persönlichen Sterblichkeit nicht von einer Lähmung befallen werden, noch weniger solche, die diese Sterblichkeit mit einem Heilsversprechen verknüpfen, Christen also. Im übrigen sei es für einen Katholiken sowieso angebracht, nicht auf das Hinauszögern der Parusie zu setzen, sondern auf diese zu hoffen. Schmitt schwieg dazu.

 

 

Noch kurz zum „Nomos der Erde“ selbst. Vordergründig eine Analyse der Veränderungen der Kräfteverhältnisse in der Welt nach 1945, wo all das eingetreten ist, wovor sich Schmitt zusammen mit den Nazis gefürchtet hatte. Hintergründig ideologisch eine Freisprechung des Hitlerschen Angriffskrieges und Desavouierung der allierten Kriegsführung. Einerseits durch eine Polemik gegen die nach dem 2. Weltkrieg sich durchsetzende Ansicht, dass Angriffskriege per se schon Kriegsverbrechen seien, andererseits durch eine Delegitimierung des Begriffs “gerechter Krieg”. Einen solchen gebe es prinzipiell nicht, und insbesondere nicht bei einem militärisch überlegen geführten Luft- und Bombenkrieg, der nicht das Land im Sinne alter Kriegsführung einnimmt und die Bevölkerung beschützt (was angesichts des real existiert habenden nationalsozialistischen Vernichtungskrieges zynisch paradoxial ist), sondern Land verwüstet und Bevölkerung eliminiert. Damit kann natürlich der Krieg der Alliierten gegen das Deutsche Reich kein gerechter gewesen sein. Schreibt Schmitt nicht. Brauchte er auch nicht, weil es von allen verstanden wurde und im Nachkriegsdeutschland und -österreich sowieso hegemoniale Ansicht war.

 

Wird fortgesetzt.

 

 

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