Mit Gott und Reich gegen Apocalypse Now † Katechon (4)

Die Deutschbaltin Anna Lydia Katterfeld, die von sich gegenüber Gott den vollen “Gehorsam bis in die kleinsten Dinge des Lebens hinein” forderte, zeigte sich tief beeindruckt von diesen so um 1919 herum formulierten Sätzen des Pfarrers Elieser Traugott Hahn:

Hahn, Elieser Traugott

“Es habe den Anschein, als ob wir der Vollendung und Ausreifung der Sünde im Antichristentum und Antichristen entgegengehen, denn die Auflösung der aufhaltenden Mächte (Religion, Familie, Ehe, Staatsleben, Rechtsordnung), die mit der französischen Revolution begonnen hat, kulminiert in der gegenwärtigen Zersetzung der schöpfungsgemäßen Sittlichkeit”

Ähnlich apokalyptisch tönte es um diese Zeit auch von Seiten der orthodoxen Kirche Russlands,

„die das Ende der Geschichte als das Abendrot einer in Sünden verstrickten Welt“

erlebte. Die Pfarrerstochter Anna Lydia machte sich diese Anregungen zu eigen und fand im Zuge der Revolution und der nachrevolutionären Wirren im Baltikum ebenfalls

„erschütternde Beispiele für das Emporsteigen der widergöttlichen Mächte“.

Damit gab sie eine nach dem Ersten Weltkrieg weit verbreitete Tendenz in christlichen Kreisen wieder, die politische Gegenwiderchristuswart mit Hilfe biblischer Texte eschatologisch zu interpretieren und aus den Erfahrungen

„der von Gott verordneten Leiden die Zeichen der Letztzeit herauszulesen.“

In ihrem Buch „Im Zeichen des Widerchristus. Ausblicke in die Endzeit [auch unter: Tagebuchblätter aus der Letztzeit]“ entwirft Anna Lydia das apokalyptische Bild eines terroristischen Staates, der den Menschen vergötze. Überraschend hellsichtig hinsichtlich kommender Entwicklungen wird ein „deutsch-gläubiges“, „altgermanisches Heidentum“ prognostiziert, welches eine „Herrenmoral“ an die Stelle einer christlichen „Sklavenmoral“ bringen wolle und damit, wie im Neuen Testament angekündigt, dem Ende der Geschichte vorausgehe. In diesem Sinne sah sie auch ihre Tätigkeit in der “Heimatmission” als eine die Kräfte des Antichristen aufhaltende Anstrengung, welche sie mit zahlreichen Schriften zu verstärken suchte.

Einige Jahre später allerdings wurde Anna Katterfeld von einem anderen Vortragenden  beeindruckt, welcher dem

“verneinenden, Gott feindlichen, materialistischen, ans Stoffliche gebundenen Geist des Marxismus den bejahenden, auf den ewigen Schöpfungsordnungen ruhenden, auf Hochziele gerichteten Geist des Nationalsozialismus”

entgegenstellte. Wieder war die Katterfeld Feuer und Flamme und

„je mehr sie von Hitler hörte, desto lieber wurde er ihr“.

lichtergrossstadt

Mit der Zeit erfuhr diese Liebe angesichts des unübersehbaren nazistischen Terrors eine gewisse Abkühlung. Aber noch im 1937 gedruckten Erzählband „Lichter im Dunkel der Großstadt“ bekundete die Autorin ihre Begeisterung für Hitler. Damit war es spätestens aus, als ihr Mädchenbuch „Ursulas Fahrt ins Leben“, welche das Nachkriegsbaltikum zum Inhalt hatte (mit A.L.Schlageter als jugendlicher Mittelpunkt der Verehrung), aber auch mit einer Verteidigung des christlichen Glaubens gegenüber neuheidnischen Ansichten aufwartete, auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ landete.

 

 Der Lebensweg dieser unbedeutenden  Autorin christlicher Biographien und autobiographisch geprägter Erbauungsschriften, die in ihrer Gesamtheit von einem Literaturhistoriker als “Urquell erbaulicher Penetranz” bezeichnet wurden, führt an ähnlichen Markierungen vorbei wie der von Carl Schmitt: das Leben als Glaubenssache, Deutschland über alles plus Eschatologismus als Determinante des Historischen. Auch wenn Katterfeld protestantisch und Schmitt katholisch betete.  Im Unterschied zu der letztlich naiven Verehrerin Hitlers war Schmitt nie ein Fan des Emporkömmlings gewesen, auch wenn er sich anlässlich des Machtantritts der Nazis vom “überwältigende(n) Eindruck der enormen Kraft, die Hitler zeigte”, durchaus beeindrucken ließ. Zuvor aber hatte Schmitt als Berater und juristischer Beistand der Präsidialkabinette von Brüning, Papen und Schleicher an einer anderen Variante autoritärer Staatsführung unter Ausschluss der Nationalsozialisten mitgewirkt, welche bekanntlich nicht erfolgreich war, sondern eher noch die Tür für Hitler geöffnet hatte.

War für die Baltin dann doch ihr Christentum einer der Gründe für den späten Bruch mit dem Naziregime (heimlich natürlich), so ging Schmitt mit fliegenden Fahnen in dieses Lager über und hielt ihm eine verächtliche Treue auch nach seiner Demontierung durch die SS. Genau genommen auch nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Für ihn war im Grunde das eigentlich Schreckliche am Nationalsozialismus, dass er als Katechon gegenüber den Mächten des Antichrists – westlicher Liberalismus und bolschewistischer Osten – versagt hatte.

 

Katterfeld und Schmitt waren in ihrer eschatologischen Verfasstheit allerdings keine singulären Erscheinungen im Deutschland nach 1918.

Mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches nach dem verlorenen Krieg und angesichts der “Gotteslästerung von Versailles” (Theodor Haecker) entwickelte sich eine vor allem im katholischen Bereich wirkende Ideologie einer Rückbesinnung auf das 1806 mit tatkräftiger Hilfe Napoleons eingeschläferte  “Heilige Römische Reich Deutscher Nation” als (katechontische) Alternative zur Weimarer Republik. Dies klingt in einer Schlüsselpublikation dieser Zeit mit dem menschen- und demorkatieverachtenden Titel “Die Herrschaft der Minderwertigen, ihr Zerfall und ihre Ablösung durch ein Neues Reich” etwa so:

“Soweit des Verfassers Blick reichte, konnte er feststellen, dass gerade das deutsche Volk das leise Wehen eines neuen ‘Heiligen Geistes’ am lebhaftesten spürt … War wirklich mit dem Dahinschwinden des mittelalterlichen Reiches seine geschichtliche Großaufgabe erfüllt?”

Edgar Julius Jung, der drei Jahre zuvor zusammen mit anderen Rechtsextremen einen Politiker ermordet hatte, verfügte offenbar über diesen soweit reichenden Blick.  Sein Buch war so was wie der Auslöser der später so genannten “Konservativen Revolution” und wurde als “das nationale  Gegenstück zum Kommunistischen Manifest” gefeiert. Im Unterschied zu den meisten Angehörigen dieses Agglomerats völkischer, demokratiefeinlicher Reaktionäre war Jung voll christlich geprägt und daher auch und besonders innerhalb der Reichs-Aficionados sehr angesehen. Eine Teilmenge von Jung zu Schmitt bestand auch in der Beratung Papens durch die beiden, wobei Jung Reden für den Politiker schrieb, “die weit über Papens Bildungssubstanz hinausgehend … eigenwillige staatsphilosophische Formulierungen” (Theodor Heuss) enthielten. Jung wurde übrigens im Zuge der Junimorde von 1934 ebenfalls umgebracht, weswegen ihn das Pfälzische Pfarrerblatt als “christlichen Märtyrer” bezeichnet, die Monarchieliga gar als einen “Märtyrer des Sacrum Imperium“. Beides nicht seinerzeit, sondern unlängst, im 21. Jahrhundert.

 

Die mehrheitlich katholischen Reichsritter leiteten ihre Ablehnung von Demokratie und Volkssouveränität von der Bibel und den katholischen Dogmen ab und sahen Deutschland (bzw. Österreich) mit  einer besonderen Berufung in der Welt- und Heilsgeschichte ausgestattet. Sie agierten in den verschiedensten Netzwerken, hievten einander in Positionen und hatten zumeist einen immensen Drang zur Entäußerung ihres Innersten. Daher schwoll innerhalb weniger Jahre die Anzahl mehr oder weniger ulkiger Publikationen auf einen stattliches Haufen an. In den Jahren zwischen 1918 und 1934 erschienen tonnenweise Reichssehnsucht und christliches Sendungsbewusstsein, etwa so:

“Auf das Ganze musst du horchen, auf den Schicksalsschlag des Jahrhunderts, auf die leise klingende Sehnsucht der Volksseele, auf die Fittichschläge der Adler, die schon majestätisch nahen, auf die Lichter der Morgenröte, die im Dämmer um die Spitzen der Türme fließt, zagend noch und doch aufgehend zu einem großen Tage. Die Pforte der Zukunft bekränzt sich mit Lorbeer und neuem Schmuck.” (Friedrich Muckermann)

Oder, wieder Jung:grosz1

“Die Erde stöhnt unter der Last seelischer Unfruchtbarkeit. Sie will erlöst werden. Wehe dem deutschen Volke, wenn seine Schöpferkraft an dieser Aufgabe zerbricht, oder – wenn es sie gar nicht sehen will.”

Das mehrheitlich deutschsprachige Restl des Habsburgerreiches stimmt sich indes nicht gerade bescheiden gar auf einen welthistorischen Ostersonntag ein:

“Österreich schläft nur. Es ist nicht tot … Österreich ist der Menschensohn Europas. …” (Ernst Karl Winter, 1921)

Diese nahe am Dichterischen vorbei schrammenden Ergüsse gab es in allen möglichen und einander oft widersprechenden Varianten. Doch, wie Klaus Breuning, aus dessen Standardwerk “Die Vision des Reiches“, die obigen und weiteren Zitate stammen, ausführt, gibt es trotz aller Unterschiede sechs Gemeinsamkeiten:

  • Rückgriff auf das Sacrum Imperium,
  • antirepublikanischer und antiwestlerischer Affekt,
  • die Verketzerung der Ideen von 1789,
  • das Traumbild eines organischen oder theologisch-überhöhten Staates,
  • die Topoi vom Volk der Mitte und
  • von der deutschen Sendung

Dazu kommt noch eine formale Ähnlichkeit all dieser Schriften:

“die ideologisch überhöhte und pathetische Sprache als ein bezeichnendes Kriterium für die irrationalen und gefühlsbetonten Tiefen, aus denen solche Visionen aufsteigen konnten.”

 

An sich war die Katholische Kirche in der Weimarer Zeit erklärte Gegnerin des Nationalsozialismus. Vor dessen Machtergreifung. Aber auch unmittelbar danach gab es noch Aktionen wie den offenen Brief vieler katholischer Standesorganisationen gegen die verfassungswidrige Auflösung des Reichstages und zuvor der preussischen Regierung. Anknüpfend an den von den Nazis proklamierten Kampf gegen den Bolschewismus warnen die Unterzeichner, dass jene selber in ihren Wortprägungen den Bolschewismus und dessen Losungen nachahmten. Und stellen fest: “Wir erfahren es: Bolschewismus kann auch werden unter nationalem Vorzeichen“. Alle katholischen Kräfte wurden aufgeboten, um einen Wahlurnensieg Hitlers zu verhindern. In dieser Phase erschienen faktisch auch keine Beiträge zur Reichsideologie. Irgendwie waren alle schmähstad.

Doch mit dem “Tag von Potsdam” am 21. 3. 1933, an dem sich Hitler am Grabe Friedrichs II. ehrfürchtig vor dem in der Generalfeldmarschallsuniform des Kaiserreiches verkleideten Hindenburg verneigte, weiters mit der Regierungserklärung vom 23. 3. und mit der durch den Reichstag erfolgte Annahme des Ermächtigungsgesetzes sowie durch den Abschluss des Konkordats  schwenkte das katholische Episkopat in eine nazifreundliche Haltung um. Für alle sichtbar dokumentiert wurde dies von der Fuldaer Bischofskonferenz, die unter Bezug auf Hitlers Erklärungen vom 23. 3. ihre früheren allgemeinen Verbote und Warnungen gegenüber dem Nationalsozialismus zurücknahm.

Bald war es im katholischen Bereich Mainstream, was der Generalvikar Steinmann so im August 33 vor der katholischen Jugend dahersagte:

“Was wir alle ersehnt und erstrebt haben, ist Tatsache geworden: wir haben ein Reich und einen Führer, und diesem Führer folgen wir treu und gewissenhaft.”

Flott entstanden nazikatholische Zeitschriften und Schriftenreihen wie etwa “das Deutsche Volk” oder “Reich und Kirche”. Sich dem neuen Regime anschmiegende katholische Publizisten hatten alle Schreibhände voll zu tun. Nach und nach oder auch blitzschnell sahen viele der Reichsideologen im sogenannten “Dritten Reich” den Wiedergänger ihres “Sacrum Imperium”. was karrieretechnisch kein Fehler war. Allerdings mussten sie bald einsehen, dass der nationalterroristische Hitlerstaat nur wenig mit ihrer Reichsidee am Hut hatte, da für ihn die zu erobernden Gebiete nicht als Teil des Reiches, sondern als auszuplündernde Kolonialisierungsmasse angesehen wurden.

Manche sagten sich von selber los und begaben sich in die sogenannte “Innere Emigration”, andere wurden geschasst wie Carl Schmitt, wenige beteiligten sich am Widerstand.

(wird fortgesetzt)

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