Niedergang des Aufhalters, Antichristen allerorts † Katechon (3)

„Wir wissen nämlich, dass die der ganzen Welt drohende Endkatastrophe und das Ende der Zeiten mit all seinen dräuenden Schrecken nur duch den Fortbestand des römischen Imperiums aufgehalten wird. Weil wir nun diese Zeiten nicht miterleben wollen und deshalb um ihren Aufschub beten, sind wir auch Freunde Roms und seiner dauernden Wohlfahrt. … Wir verehren in den Kaisern das Recht Gottes, denn Gott hat sie über die Völker gesetzt! Wir wissen, dass in den Kaisern Gottes Wille beruht, darum wollen wir, dass heil sei, was Gott gewollt hat.“ Tertullian, Apologetikum.

Der vorige Beitrag endete mit Hyppolit und Tertullian, die ca. ein Vierteljahrtausend vor dem Untergang Westroms als der befürchteten Apokalypse trennte. Beide hatten keine sonderliche Lust den Untergang zu erleben, sondern wollten noch vorher nach einem möglichst erfüllten Leben sterben, dann aber via Freispruch im Endgericht diretissima in den Himmel! Bei der Angst vor den Wirrnissen ist Johannes Chrysostomos ganz bei ihnen. Doch im Unterschied zu diesen fürchtete sich der 407 noch rechtzeitig verstorbene Kirchenvater nicht nur vor dem Chaos und der Gewalt der letzten Tage, sondern auch vor dem danach folgenden göttlichen Gericht selbst. Paul Metzger vermutet, dass dahinter die veränderte kirchliche Lage stecke, da die Kirche nicht mehr verfolgte Minderheit, sondern Großkirche und insofern als corpus permixtum die selig machende Heiligkeit für alle Kirchenmitglieder nicht mehr garantiert sei. Folgerichtig war für Chrysostomos ebenfalls Rom der Katechon der Wahl. Dies verteidigte er auch gegenüber Severian von Gabala (gest. nach 409), der als einer der Wenigen in der Alten Kirche den Heiligen Geist als Katechon ansah und der “Geist der Bosheit” vulgo Antichrist seiner Meinung nach in den Häresien loderte, damals aktuell waren es die Marcioniten. Also ein Match guter Geist gegen böser Geist. Chrysostomos, was Goldmund heißt und als Beiname für Redefertigkeit verliehen worden war, donnerte also gegen Severian:

Aufhalter sei das Römische Reich und nicht der Heilige Geist, wie manche meinten, denn dann wäre er schon hervorgetreten und Paulus hätte es unverblümt gesagt. Aber das mit dem Römischen Reich musste Paulus im Dunkeln halten, damit nicht Verfolgungen entstünden, wenn dem Reich sein Ende prophezeit würde. Wenn Paulus sagte, dass die geheime Bosheit sich schon rege, dann sei damit nicht der Antichrist gemeint gewesen, sondern Kaiser Nero. Aber nur als Abbild des Antichristen! Weil der Antichrist trete offen und schamlos hervor, Nero aber agierte verstohlen. Jedenfalls würde das Römische Reich durch den Antichristen zerstört und dieser durch Jesus mit dem Hauch seines Mundes. Das gehe doch ganz klar aus Daniel hervor! Ende der Debatte!

Auch Theodor von Mopsuestia (gest. 428) verwarf die Deutung des Katechons als Heiliger Geist, weil dieser nicht, wie es im 2 Thess stehe, aus dem Weg geräumt werden könne, sondern sein Wirken niemals aufhöre.

Theodors eigener Vorschlag scheint mir für damals neu zu sein: der Katechon sei der Wille Gottes, das Katechon Gottes Heilplan.

Ob damit die vollständige Christianisierung der Welt gemeint war oder die bloße Verlautbarung der christlichen Botschaft an den letzten Heiden, ehe der Antichrist lospreschen kann, erschließt sich mir hier nicht. Tendiere zur bloßen Kenntnisnahme (“sie haben ihre Chance gehabt, die Heiden”) als Bedingung der Möglichkeit des Endspiels.

Theodoret von Kyrus (gest. 457) meinte wie sein Lehrer Theodor, dass das Katechon Gottes Ratschluss sei und kombinierte dies mit der Missionierung der “Heiden” als katechontische Funktion.

Der Kirchenlehrer Augustinus (gest. 430), der eigentlich zu allem was zu sagen gehabt hatte, kapitulierte dagegen vor dem Katechon-Problem mit einem resignierenden: “Ego prorsus quid dixerit me fateor ignorare“, was in meiner freien Übersetzung “Wos was i, wos der wü!” lauten würde. Allerdings katapultierte sich Augustinus damit direkt in den Erkenntnislevel des 20. Jahrhunderts, wo etwa J. Schmid in einem schönen Zirkelschluss meinte: “Der Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels ist unauffindbar verloren und alle Versuche, es zu lösen, beweisen nur, dass dem so ist.” (“Der Antichrist und die hemmende Macht” 1949. Zitiert nach Metzler S. 2).

Ansonsten gab es noch ein paar geistig kleinwüchsigere TUIS in jenem 5. Jahrhundert, die voneinander abschreibend einander vor allem an Flachheit und Fadheit überboten.

 

 

Aber nun zum Untergang des Weströmischen Reiches 476. Mit diesem geriet auch die Bestimmung des Katechons in die Krise. Die Eroberung Roms war zwar für die Bevölkerung alles andere als lustig, doch bewegte sich die Herrschaft der Ostgoten im Rahmen der damals üblichen Gepflogenheiten. Apokalypse war das jedenfalls nicht. Aber da war ja noch Byzanz als Nachfolger und Erbe des kaiserlichen Roms. Es konnte zur Not auch die Rolle des Katechonten übernehmen. Erlangte aber keine besondere Bedeutung mehr, denn mit der Lockerung der Bindungen von West und Ost und mit der Übertragung der römischen Kaiserkrone auf Franken (Karl der Große plus Nachfolger) konnte von einem Römischen Reich, wie in den neutestamentlichen Schriften und denen der Apologeten behandelt, eigentlich nicht mehr die Rede sein. Die TUIS hatten also wieder zu tun. Allerdings taten sie nicht wirklich was, sondern wiederholten die Behauptung, dass Rom, was immer es auch darstellte, der Katechon sein müsse, welcher den Antichristen aufhalte (z.B. Haimo von Auxerre, gest. 878).

Adso von Montiér-en-Der (gest. 992) behandelt den Antichrist differenzierter. Er spricht von “antichristlichen Dienern”. Solche seien Antiodius, Nero, Domitian gewesen. Auch jetzt gebe es viele Antichristen. Überhaupt seien Menschen, die wider die Gerechtigkeit lebten, Diener des Antichrists und des Satans. Der Antichrist selber werde aus dem Volk der Juden geboren, aus dem Stamm Dan. Die Würde des römischen Reiches bestehe in den Königen der Franken weiter. Damit hatten diese die Katechonten-Rolle übernommen.

Otto von Freising (gest. 1158) sieht dies ähnlich: Katechonten sind für ihn die Staufer, insbesondere Friedrich I., indem sie das römisch-deutsche Reich vor allem in seiner spirituellen Ganzheit (Herrscher+Papst+Christenheit) sichern. In diesem spirituellen Sinn erfüllen auch die christlichen Orden eine katechontische Funktion.

antichrist3Im 1160 entstandenen “Ludus de Antichristo”, jenem “großartigsten Drama des Mittelalters” werden Eschatologie und Politik, Kaiser (Friedrich I.) und Antichrist in einen großen heilsgeschichtlichen Zusammenhang gebracht, wobei der Kantechont der Kaiser ist und das Gottesvolk die Deutschen sind.

Für  Thomas v. Aquin (gest. 1247) dagegen lebte das Imperium Romanum keineswegs im römisch-deutschen Reich weiter. Aber ganz untergegangen konnte es auch nicht sein, weil dann wäre der Antichrist schon erschienen. Mönchische Schlauheit wusste einen Ausweg: Das Imperium Romanum war von einem zeitlichen zu einem geistigen Reich geworden. In zeitlicher Hinsicht war es längst untergegangen, in geistiger Hinsicht existierte es als Glaube der römischen Kirche weiter. Und erst der Abfall nicht nur von dem zeitlichen, sondern auch von dem geistigen Imperium Romanum führe zur Erscheinung des Antichristen.

Und das wars auch schon für lange Zeit. Bis zur Reformation.

 

Luther sah seine Gegenwart als die letzte Epoche, in der der heimlich schon lange herrschende Antichrist offenbar geworden sei. Viele hätten ihn zwar schon früher erkannt und angegriffen, doch erst das Evangelium der freien Gnade Gottes treffe ihn entscheidend. Damit habe der Endkampf begonnen, in dem Christus den Antichrist – er nannte ihn darum manchmal Endchrist – endgültig vernichten werde. Für Luther, vor allem in seiner späteren Zeit, war das gegenwärtige päpstliche Rom der Antichrist ohne wenn und aber. Zwar stimmten die Protestanten den Kirchenvätern zu, welche dem seinerzeitigen römischen Reich die Funktion des Katechons zugebilligt hatten. Auf dem Weg vom realpolitischen Untergang der Welthauptstadt zur geistigen kirchlichen Metropole und in der Folge zur Degeneration der Katholischen Kirche bzw. des Papsttums war Rom vom Aufhalter zum eigenen Überwinder, dem Antichristen geworden.

 

Calvin tanzte ein wenig aus der Reihe. Zwar sah er diese Deutung als eine mögliche an, wollte aber auch eine aus der Thessalonicherstelle herauszulesende Alternative nicht außer acht lassen bzw. schien sich eher für diese zu erwärmen: das Aufhaltende war, dass das Licht des Evangeliums noch nicht alle Völker der Welt erreicht hätte, erst wenn dies vollbracht sei, dann würde Gott dem Satan/Antichristen freie Hand lassen. Hier hat das Katechonische keinerlei positive Bedeutung mehr, weil es ja einen nicht erwünschten Zustand beschreibt, die unvollendete Missionierung. Da Calvin gleichzeitig auf die Identifizierung des Antichristen mit dem Papsttum besteht, kommt er in eine logische Sackgasse: einerseits existiere noch die Zeit des Aufhalters des Antichristen, andererseits sei der Antichrist bereits gekommen. Grossheutschi vermutet, dass für Calvin mit der protestantischen Verkündung und Verbreitung der Wahrheit bereits die Vollendung der Aufhalterfunktion erreicht sei und somit der Weg frei für den Antichristen auf dem Papstthron. Was das nächste logische Problem nach sich zieht: der Antichrist hatte bereits das Papsttum gekapert, ehe noch Luther reformatorisch unterwegs war. Damit würde der Katechon aber erst nach dem Antichristen eintrudeln, zu einem Zeitpunkt, da es ihn gar nicht mehr geben sollte. Logik ist nicht unbedingt eine religiöse Kategorie.

 

In den Glaubenskriegen und später wurde es zur Gewohnheit taxfrei jeden Unliebsamen zum Antichristen zu erklären:

Für die Waldenser, zeitweise die Franziskaner im Gefolge Joachim von Fiores, für John Wiclif war der Antichrist wie für Luther und Melanchton der Papst. Dass einzelne katholische Exegeten ihrerseits Luther und den Protestantismus als Antichrist ansahen, war wohl naheliegend.
Aber auch Mohammed und der Islam sowie die Türken in den Türkenkriegen durften sich mit diesem  Titel schmücken.
Was in einem christlichen Umfeld “natürlich” nicht fehlt, ist auch im Falle von Antichrist und Katechont angewandter Antijudaismus: Whitby (gest. 1726), Clericus, Schöttgen u.a. sahen im jüdischen Volk den Antichrist und als Katechon fungierten die Gebete der Christen. Wollen wir diese Arschlöcher rasch vergessen.

Eine durchaus originelle Sichtweise: die Kinder werden schuld sein! Katechontische Wirksamkeit würde in diesem Fall wohl nur eine allgemeine Empfängnisverhütung mit sich bringen. Gott wäre aber eher not amused, vermute ich.

In der “Praktischen Erklärung des Neuen Testaments” (1859) meinte Heinrich Leonhard Heubner, dass der Sündenmensch/Antichrist nicht ein Individuum, sondern ein Kollektivum sei, nämlich die sich schon vorbereitende zukünftige Generation des vollkommenen theoretischen und praktischen Atheismus. Als Katechon habe in den ersten Jahrhunderten der christlich-apostolische Geist gewirkt, ab dem 4. Jahrhundert die politische Macht, welche das Christentum begünstigte. Wenn nun auch diese Macht von jenem atheistischen Zeitgeist ergriffen werde, dann komme das Böse zum Ausbruch und werde eine Zeitlang triumphieren.

 

Man sieht, im 19. Jahrhundert wird die Beschäftigung mit Antichrist und Katechont zunehmend lächerlich. Im Gefolge der Leben-Jesu-Forschung verschwanden mit der historisch-kritischen Bibelforschung auch diese  beiden Black-Boxes für ungehemmte theologisch-politische Projektionen in den Schubladen mythischer Figurationen.

Ende der Geschichte? Nö. Denn dann kam Carl Schmitt.

Wird fortgesetzt.

 

 

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