Von der Straße aufgelesen: Der neue Leiter der Büchereien.

Dieser Beitrag besteht wie bereits “Der letzte Monatsbericht” fast vollständig aus Zitaten aus Heimo Grubers Buch “Bücher aus dem Schutt” und aus seiner “Kurzen Geschichte des Wiener Öffentlichen Bibliothekswesens“.

Bei der Bildung der provisorischen Stadtverwaltung wurde der erfahrene Volksbildner Viktor Matejka, der den größten Teil der NS-Diktatur in KZ-Haft verbringen musste und sich nach der Befreiung der KPÖ angeschlossen hatte, zum Stadtrat für Kultur und Volksbildung ernannt. Zu dieser Verwaltungsgruppe 11 gehörten auch die Städtischen Büchereien, die im April 45 ein desolates Bild boten. Das dichte Netz der Arbeiterbüchereien war innerhalb eines Jahrzehnts auf 23 Zweigstellen geschrumpft. Auf den Buchbestand hatten die Säuberungsaktionen durch Austrofaschismus und Nationalsozialismus verheerende Auswirkungen gehabt: ein großer Teil der Bücher war wegen nazistischer Kontaminierung unbrauchbar und ein Ersatz stand damals nicht in Aussicht. Auch der bauliche Zustand der Zweigstellen war zum Teil katastrophal. Was aber vor allem fehlte, waren Menschen, die frei von nazistischer Gesinnung waren und für wenig bis gar kein Geld ein unerhörtes Maß an Einsatzbereitschaft und Initiative zu entwickeln vermochten, um möglichst bald einen regulären Büchereibetrieb sicherzustellen.

stbschildAm 24. April 1945, also heute vor 70 Jahren, ging Viktor Matejka zu Fuß ins Rathaus. Unterwegs traf er in der Währingerstraße Albert Mitringer, der während des Ständestaates Mitarbeiter des Wiener Volksbildungsreferenten Lugmayer gewesen war und in der NS-Zeit im Wohnungsamt arbeiten musste. Matejka erzählte dem ahnungslosen Mitringer von der Übernahme der Stadtratsfunktion und ersuchte ihn, mitzukommen:

“So engagierte ich als neuer provisorischer Stadtrat auf der Straße einen ersten Mitarbeiter. Er ging mit mir zum Rathaus, Eingang Lichtenfelsgasse. Dort saß auf dem Randstein ein alter Bekannter, den ich seit dem Ende Österreichs nicht mehr gesehen hatte. Es war der Lyriker und vor 1938 arbeitslos gewesene Bankbeamte Rudolf Felmayer. ‘Ihr kommt beide mit!’ Mitringer und Felmayer sollten in meinem Büro einen Wirkungsbereich erhalten.”

Mitringer ging anschließend in die Zentrale der Büchereien in der Schmidgasse im 8. Bezirk, um die Arbeit aufzunehmen. Vordringlichste Aufgaben waren die Wiedereröffnung der Zweigstellen und die Säuberung des Buchbestandes von nationalsozialistischer Literatur (40% des Geamtbestandes).

Nkinderbuechereioch im April ersuchte ein von Stadtrat Matejka unterzeichnetes Plakat die Wiener Bevölkerung um Buchspenden und um die Bekanntgabe von Buchbeständen in leerstehenden Wohnungen geflüchteter Nationalsozialisten. Ein ebensolcher Appell erschien im “Neuen Österreich” am 19. 5. 1945.
Der Spendenaufruf brachte einen Zugang von 4000 Büchern, und aus den Wohnungen geflüchteter Nationalsozialisten wurden Bücher von den BibliothekarInnen größtenteils mit Handwagen abgeholt. Damit begann die Aktion “Sicherstellung”. (Über die späteren Folgen dieser Maßnahmen wird in einem weiteren Blogbeitrag berichtet werden.)

personalDa die SPÖ einen leitenden Posten in den Büchereien beanspruchte und Mitringer kein Parteimitglied war, wurde Dr. Rudolf Müller im Juni 1945 stellvertretender Leiter und Personalreferent der Büchereien. Seine erste Aufgabe als Personalreferent war die Überprüfung der aus der NS-Zeit verbliebenen BibliothekarInnen. Von den 87 haupt- und nebenamtlich Beschäftigten des Jahres 1944 waren 1946 noch 41 im Personalstand übrig. Die frei gewordenen Posten sollten unter anderem durch frühere ArbeiterbibliothekarInnen besetzt werden, die in einem Brief an die SPÖ-Sektionen aufgefordert wurden, sich für den Dienst bei den Städtischen Büchereien zu melden, was auch eine ganze Reihe von ihnen taten.
Ein besonderes Spezifikum der Leitungsperiode von Rudolf Müller war die als praktische Literaturförderung gedachte Beschäftigung von AutorInnen als BibliothekarInnen. Unter den schreibenden MitarbeiterInnen waren neben anderen Christine Busta, Rudolf Felmayer, Gerhard Fritsch, Karl Anton Maly, Walter Buchebner, Franz Hiesel, Wilhelm Meissel, Eva Loewenthal, Herbert Wadsack, Margret Neuhauser-Körber, Paula Weinhengst, Richard Kovacevic tätig, die auf diese Weise ihr literarisches Schaffen mit einem Brotberuf absichern konnten.

hierarchTrotz des unermüdlichen und oft unkonventionellen Einsatzes des Stadtrats Matejka für die Büchereien hatten diese innerhalb des bürokratischen Systems des Wiener Magistrats von Anfang an einen schweren Stand.

Rudolf Müller berichtete rückblickend, dass die Büchereien lange Zeit auf Unverständnis führender Magistratsstellen stießen und meinte, dass die Städtischen Büchereien nach dem Krieg so etwas wie “das jüngste, ungeliebte Kind der Gemeinde” waren.

du bist hierDaran hat sich, außer die Politik will sich grad mit was Faserschmeichlerischem schmücken, nichts geändert. So ist das Büchereienbudget im internationalen Vergleich recht peinlich und die Büchereien sind bis heute im Unterschied etwa zu Sportamt, Marktamt, Wien-Bibliothek oder Stadt- und Landesarchiv keine eigene Magistratsabteilung, sondern nur eine von drei nachgeordneten Teildienststellen des ihrerseits nachgeordneten Fachbereiches “Büchereien, Musikschulen, Modeschule” in der MA 13. Hierarchielevel der Leitung der Büchereien entspricht in etwa der eines Sportplatzwartes im Sportamt.

 

 

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