Vom Einverständnis im Sonnenstaat, in Moskau und Umgebung.


Grad gelesen in: Campanella, Tommaso, Der Sonnenstaat (Civitas Solis):

“Der schuldig Befundene muß sich in diesem Falle mit dem Kläger und den Zeugen versöhnen, indem er ihnen, gleichsam als den Aerzten seiner Krankheit, Kuß und Umarmung gibt.(…)
Uebrigens wird das Todesurtheil an keinem Verurtheilten vollzogen, als bis dieser selbst durch überlegene Gründe zu der Ueberzeugung gelangt ist, es sei nöthig, daß er sterbe, und bis er dahingebracht worden ist, selbst die Vollziehung des Todesurtheils zu wünschen. (…)
Manchmal erhält ein Verurtheilter die Erlaubniß, sich selbst den Tod zu geben. In diesem Falle umgibt er sich rings mit kleinen Pulversäcken und zündet diese, nachdem er ermahnt worden, standhaft zu sterben, selbst an und verbrennt.”

Tommaso Campanella (Wikipedia):

“… begann am 18. Januar 1600 in Neapel der Hochverratsprozess gegen Campanella, in dessen Verlauf er unter schwersten Foltern ein volles Geständnis ablegte und daher mit dem Todesurteil zu rechnen hatte. Nach seiner Folterung zeigte er jedoch Anzeichen starker geistiger Verwirrung und legte am 2. April in seiner Zelle ein Feuer, dem er beinahe selbst zum Opfer fiel. Auch während des ersten Verhörs seines Häresieprozesses am 17. Mai 1600 erwies sich Campanella als nicht zurechnungsfähig und war trotz wiederholter grausamer Folterungen nicht geständig. Da eine daraufhin angeordnete ärztliche Untersuchung Campanellas Wahnsinn bestätigte, konnte er nach damaliger Rechtsauffassung nicht zum Tode verurteilt werden. Die Todesstrafe wurde am 13. November 1602 in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Campanellas Zustand bereits wieder soweit gebessert, dass er in der relativ milden Haft mehrere Schriften verfassen konnte, darunter Civitas Solis.”

Den Hinweis auf den “Sonnenstaat”-Abschnitt über das notwendige Einverständnis von Verurteilten mit ihrem Urteil und mit der Vollstreckung, fand ich im Nachwort zur Wiederauflage 1993 von Lion Feuchtwangers “Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde.” Verfasst hat dieses Nachwort Joseph Pischel, ein DDR-Literaturwissenschafter, zwei Jahre vor 1937 auf die Welt gekommen, der nach eigenem Bekunden diesen Text früher “als Ausdruck weltgeschichtlicher Weitsicht gerühmt” hatte. So stellt sich bei ihm auch nicht “Hochmut und Häme” ein, sondern das Bedürfnis, die Bedingtheiten dieser “Illusionen und Fehleinschätzungen Feuchtwangers”, die auch die seinen waren, zu ergründen. In einer der Schlüsselstellen von “Moskau 1937″ wird deutlich, wie im Bemühen, die Dramaturgie und den Ablauf des Zweiten Moskauer Prozesses (u.a. mit dem Angeklagten Karl Radek) zu verstehen, Feuchtwanger sich tief in dessen innerer Logik verstrickt:

“Auch der Angeklagte fühlt sich der Partei noch verbunden, und so ist es kein Zufall, daß der Prozeß von Anfang an jenen den westlichen Menschen befremdenden Charakter einer Diskussion trug. Richter, Staatsanwalt und Angeklagte schienen nicht nur, sie waren durch einen gemeinsamen Zweck verbunden. Sie waren wie Ingenieure, die eine neuartige, komplizierte Maschine auszuprobieren hatten. Einige haben an der Maschine etwas verdorben, nicht aus Bosheit, sondern weil sie eigensinnig ihre Theorien über die verbesserung der Maschine erproben wollten. Ihre Methoden haben sich als falsch erwiesen, aber die Maschine liegt ihnen nicht weniger als den andern am Herzen, und darum beraten sie jetzt gemeinsam mit den andern freimütig ihre Fehler. Was alle zusammenhält, ist das Interesse an der Maschine, die Liebe zu ihr.
Es ist dieses Grundgefühl, welches Richter und Angeklagte veranlaßt, so einträchtig zusammenzuarbeiten, …” (S. 99)

Angesichts dieses Textes sei daran erinnert, dass 1937 die deutschen SchriftstellerInnen der Emigration im Unterschied zu den Anfangsjahren nach der nazistischen Machtergreifung wohl endgültig wahrgenommen haben, dass Hitler nicht nur eine kurze Episode ist, sondern Teil einer faschistischen Offensive – beim Feuchtwangerbesuch tobte gerade der Spanische Bürgerkrieg mit massiver Beteiligung des faschistischen Italiens und Deutschlands auf Seite der Francotruppen und der anfangs zögerlichen Unterstützung der Sowjetunion für die Republikaner. Die Westmächte zeigten sich sehr zurückhaltend gegenüber dem faschistischen Ansturm (was sich an der Neutralität zu den spanischen Auseinandersetzungen zeigte und 1938 im Münchner Abkommen).
Hier griff die Argumentation der KPD und der Komintern, dass der Kampf gegen den Nationalsozialismus und Faschismus untrennbar mit dem Eintreten für die Sowjetunion verbunden sei, bei vielen Intellektuellen und Schriftstellern der Emigration. Vermutlich vor allem auch deswegen, weil damit das eingestandene oder uneingestandene Bedürfnis nach einer Vernunft der Geschichte angesprochen wurde, die quasi als Hegelsche List auf dem Ross eines Korsen daherkommt. Auch Bert Brecht und Ernst Bloch stolperten in diesem Gelände ziemlich erschöpft dahin und dorthin und hinterließen Peinlichkeiten.  Dass Feuchtwanger bei all seiner Bereitschaft, Stalin als neuen Weltgeist zu akzeptieren, dennoch nicht ganz auf individuelle Vernunft verzichtete, zeigen die drei Erwähnungen in den Tagebuchnotizen Dimitroffs:

18.12.36
– Feuchtwanger und Maria Osten bei uns.
Über den Prozeß:
unverständlich, warum die Angeklagten solche Verbrechen be-
gangen haben;
unverständlich, warum alle Angeklagten alles gestehen und dabei
wissen, daß ihnen dies das Leben kosten wird;
unverständlich, warum außer dem Geständnis der Angeklagten
keine Beweise vorgelegt wurden;
unverständlich, warum derart harte Strafen gegen politische Gegner, wo doch das sowjetische Regime so mächtig ist, daß ihm von denen, die im Gefängnis saßen, keine Gefahr drohte.

3.1.37
– Telefongespräch mit Woroschilow.
Feuchtwanger will mich und Stalin treffen. Sagt, daß er Sie getroffen hat, war er nicht zufriedengestellt durch das Gespräch?

2.2. 37
– Feuchtwanger bei mir (Komintern).
(In Begleitung von Maria Osten.)
Den stärksten Eindruck hat auf ihn gemacht: a) die Ausbildung und
der Wissensdurst der Jugend, b) der Plan zum Aufbau von Moskau.
Über den Prozeß:
Diversionsakte. Spionage, Terror – sind bewiesen.
Bewiesen ist ebenfalls, daß Trotzki inspiriert und geführt hat.
Die Übereinkunft von Trotzki mit Heß und den Japanern ist nur durch die Selbstbezichtigungen der Angeklagten belegt.
– Es gibt keinerlei Beweise!
Daß Radek und Sokolnikow nicht zum Tode verurteilt wurden, wird im Ausland als Beweis gewertet werden, daß sie absichtlich solche Aussagen gemacht haben, um ihr Leben zu retten.
Belastend ist der Eindruck, den die unflätige Beschimpfung der Angeklagten hervorruft. Das sind Feinde, die es verdienen, vernichtet zu werden. Aber sie haben nicht aus persönlichen Interessen gehandelt und hätten nicht als Schufte, Feiglinge, Reptilien usw.bezeichnet werden dürfen.

Trotz dieser Bedenken hat sich Feuchtwanger zu jener berüchtigten Broschüre “Moskau 1937″ entschlossent, die nicht einmal zur vollen Zufriedenheit der “Sowjetleute”, wie der Autor sie nennt, ausgefallen ist, bei den anderen SchriftstellerInnen der Emigration aber großes Entsetzen und helle Empörung ausgelöst hat. Der Grund dürfte neben sonstigen möglichen Motivlagen letztlich auf diesen Vernunftglauben zurückzuführen sein, dem er im 1952 erschienenen Roman “Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jaques Rousseau” wieder Ausdruck verleiht durch die Figur von Fernand, der als unschuldiges Opfer des revolutionären Terrors ins Gefängnis geworfen wurde und von dem Feuchtwanger schreibt:

“aber er hatte sich durchgekämpft, er hatte sich bewährt, er hatte sich in tiefster Not und angesichts des Todes einverstanden erklärt mit seinem Schicksal und sich der Republik, was immer sie tat, innerlich unterworfen” und weiters: “Ungerechtigkeit gegen einzelne war eine notwendige Folge der großen, letzten Gerechtigkeit, welche das Wesen der Revolution war” (zitiert nach Pischl)

Aus diesen stärker als alle Kerkermauern seienden “Gefängnisse des Inneren” (Peter Weiss) gabs für Feuchtwanger und viele andere in jener Zeit wohl kein Entrinnen.

Grad habe ich gesehen, dass Karl Schlögel in “Terror und Traum. Moskau 1937″ (von wo auch das Stalin-Feuchtwangerfoto stammt) dem Aufenthalt Feuchtwangers in der Sowjetunion ein ganzes Kapitel widmet und ebenfalls dessen Bedenken anhand von Dimitroffs Tagebucheintragungen dokumentiert (S. 123 f.) und von wo auch das Foto kopiert ist. Zu diesem schreibt Schlögel:

“Wie sie auf dem Photo aneinander vorbeiblicken, sieht man Feuchtwanger und Stalin an, dass jeder seine eigenen Absichten hatte: ein Intellektueller, der nichts aufzubieten hatte gegen den Faschismus als die Hoffnung auf eine wirkliche antifaschistische Gegenmacht und der dafür seine Autorität und Integrität aufs Spiel setzte – und zwar seine ganze. Ein Diktator, der sich auch zu einem Gespräch mit einem Intellektuellen bereitfand, den er für einen nützlichen Idioten gehalten haben mag, der ihm aber in der drohenden Gefahr für sich und die Sowjetunion nutzen konnte.” (S 125)”

Kommentar

  • (wird nicht veroeffentlicht)

XHTML: Dieser Code kann verwendet werden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>