Kirchenväter erklären alles Mögliche † Katechon (2)

Die im vorigen Beitrag referierte Deutung der Katechon-Stelle in 2 Thess 2,1-12  ist keinesfalls die einzige. Eine alternative Erklärung etwa vermutet als Grund für den Brief  die Warnung vor einer “eschatologischen Lähmung”, da angesichts des täglich zu erwartenden Endes der Aktivitätsgrad der Gemeindemitglieder vor allem auch durch vermehrte Verfolgungen sich dem Nullpunkt zu nähern schien. Ebenso gab es all die Jahrhunderte alternative Auffassungen über die Kraft oder die Person, für welche  ό Κατέχων oder τό Κατέχον stand, ebenso über die reale Gestalt des Antichrist.  Für die im Folgenden angeführten Interpretationen spricht, dass sie ideologiemächtiger waren als andere und bis hin zu Carl Schmitt reichen, wo sie als Unterfutter welthistorischer Betrachtungen dienten.

Wobei der Faktor “eschatologische Lähmung” für seine Politische Theologie eine besondere Rolle spielte. Davon in einem späteren Beitrag. Soweit ich weiß, ist die bis zu Schmitt reichende Traditionslinie von Erklärungen innerhab der heutigen Theologie ziemlich obsolet, allerdings scheint bislang keine Mastererzählung zur Verfügung zu stehen, es besteht nicht mal über den 2Thess als echten oder unechten Paulusbrief Einigkeit. Wobei die Trennlinie hier zwischen Philologen + Historikern und Theologen zu verlaufen scheint: diese sehen einen inneren und logischen Glaubenszusammenhang zwischen den beiden Briefen und neigen eher zur Verfasserschaft von Paulus auch beim 2. Brief, jene verweisen dagegen auf sprachliche Brüche und historische Ungereimtheiten

Für die jungen Gemeinden im römischen Weltreich war das Verhältnis der Christen zur römischen Obrigkeit eine existentielle Frage. Die Leitlinien dazu waren klar: Paulus und der Schriftsteller, der „Markus“ genannt wurde, vertraten eine hohe Akzeptanz der römischen Herrschaft:

„gebt dem Kaiser was des Kaisers ist“ und “Jedermann ordne sich den staatlichen Behörden unter, die Macht über ihn haben. Denn es gibt keine staatliche Behörde, die nicht von Gott gegeben wäre, die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt”.

Allerdings fällt der Verfasser der Johannes-Offenbarung dann ziemlich aus der Reihe, indem er gegen Ende des 1. Jahrhunderts das kaiserliche Rom als das Untier, als den Antichrist ansieht. Was naheliegt, weil zu seiner Zeit gab’s mit dem römischen Staat einigen Zores, da der Herrscher es den Christen u.a. nachtrug, dass sie die staatstreuen religiösen Zeremonien verweigerten. Somit hatte für Johannes die postkatechontische Epoche des Antichrist, die für Paulus noch nahe Zukunftsmusik war, schon und in anderer Weise begonnen.

 

So war die Sachlage aufgrund der schriftlichen und mündlichen Erzählungen, mit denen sich die kirchlichen TUIS des 2. und bis ca. Mitte des 3. Jahrhunderts auseinanderzusetzen hatten. Mit der Zeit wurde immer klarer, dass das römische Reich keineswegs gewillt war bald unterzugehen, sondern die Gefahr eines Untergangs vielmehr den christlichen Gemeinden durch diverse Sanktionen der römischen Obrigkeit drohte. Dem galt es gegenzusteuern, denn eine Apokalypse nur für Christen – so war das eigentlich nicht gedacht gewesen. Erinnerte ein wenig an die Situation der Apostel unmittelbar nach dem plötzlichen Tod ihres Anführers.

Die Grundargumentation, welches von den nicht zu Unrecht „apologetisch“ genannten Kirchenvätern vertreten wurde, bestand in einer gegenseitigen Kosten-Nutzen-Rechnung:

In Schriften an den römischen Kaiser wurde vorab mal die Treue der christlichen Untertanen beteuert. Dies  hatte allerdings durch die gleichzeitige Weigerung der Christen, den Kaiser als göttliche Macht anzuerkennen sowie den Göttern zu huldigen, keine überragende Durchsetzungskraft.

Der andere Ansatz ging von der Annahme aus, dass die Nichtchristen und die Obrigkeit wegen des fehlenden Erlösungsglaubens ein Interesse am Fortbestand der Welt hätten. Durch die Behauptung, dass nur durch die Gebete der Christen der Untergang verzögert würde, verschoben die apologetischen Kirchenväter wie Aristides von Athen und Justin der Märtyrer die aufhaltende Funktion vom römischen Imperium hin zu den Gebeten der Christen bzw. zu den Christen selbst:

„Darum nämlich um der zarten Saat des Christentums willen, das Gott als Grund für den Fortbestand der Natur ansieht, verzögert er den Untergang und die Zerstörung der ganzen Welt.“

Die Botschaft war klar: Wenn der römische Kaiser die Christen nicht in Ruhe ließ und das welterhaltende Gebet dadurch verhinderte, dass er die Christen vernichtete, schnitte er sich ins eigene Fleisch, weil die Welt dann sehr rasch unterginge. 

Diese bestechende Argumentation hatte einen kleinen Fehler: überzeugend konnte sie nur auf Christen wirken. Doch die römischen Kaiser waren damals noch keine solchen. Auch Marc Aurel nicht, an den sich Justin der Märtyrer quasi von Philosoph zu Philosoph wandte. Es dauerte nicht lange und Justin hatte sich seinen Beinamen redlich erworben.

Nach Justin versuchte der Judenhasser Bischof Melito von Sardes Marc Aurel von der Harmlosigkeit und Nützlichkeit der Christen zu überzeugen. Sein Ansatz war ein Zusammenführen der christlichen Heilsgeschichte mit dem römischen Reich:

Unsere religiöse Bewegung erwachte dereinst kräftig im Schoße von Barbaren, reifte unter der ruhmreichen Regierung deines Vorgängers Augustus unter deinen Völkern zur Blüte und brachte vor allem deiner Regierung Glück und Segen.“

Somit ist Rom nicht mehr das Untier und der Antichrist wie bei Johannes und auch nicht mehr Rahmen oder Zwischenstation der Heilsgeschichte, sondern bereits Teil des Erlösungswerks. Melito hat seine letztlich erfolglose Intervention übrigens überlebt.

 

Irenäus von Lyon dagegen konstruierte eine Art politisch-soziologische Geschichte, die mit dem paradiesischen „Sündenfall“ begann:

„Da nämlich der von Gott abtrünnige Mensch so verwilderte, daß er selbst seinen Blutsverwandten als Feind betrachtete und in allerlei Unruhe und Menschenmord und Geiz ohne Scheu sich erging, so legte Gott ihm die Furcht vor den Menschen auf, da er die Furcht vor Gott nicht kannte. Menschlicher Gewalt unterworfen und menschlichem Gesetze verbunden, sollten sie in etwa wenigstens zur Gerechtigkeit gelangen und sich gegenseitig zügeln, indem sie das Schwert vor ihren Augen fürchteten (…) Also sind die irdischen Reiche zum Nutzen der Völker von Gott auf gestellt, und nicht vom Teufel, der doch niemals ruhig ist und demgemäß auch nicht will, daß die Völker in Ruhe leben. Die irdische Herrschaft fürchtend, sollen die Menschen sich nicht nach Art der Fische gegenseitig verschlingen, sondern durch die Bestimmungen der Gesetze die vielfache Ungerechtigkeit der Heiden hinten anhalten. Und in diesem Sinne sind die, welche von uns Steuern fordern, Diener Gottes, indem sie hier zudienen.“

Um also dem selbstzerstörerischen menschlichen Treiben Einhalt zu gebieten, hatte Gott seinen Geschöpfen die Obrigkeit geschenkt, so wie er Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies mit wärmenden Tierfellen bedacht hatte. War damals zwar kein Ersatz für das Paradies gewesen, aber eine Milderung der rauen Lebensumstände, so wie die Obrigkeit durch das ihr vorbehaltene Gewaltmonopol eine Milderung des „bellum omnium contra omnes“ darstellte. Grossheutschi  (dem ich in diesem Beitrag im Wesentlichen folge) hat dieses Hobbes-Wort selbst in seiner Darstellung der Argumentation des Irenäus verwendet und damit zurecht eine Vorform des „Leviathan“ in der Schrift dieses Kirchenvaters angedeutet.
Die letztlich von Gott eingesetzte Obrigkeit war eine „heidnische“, welche die „Heiden“ in ihre Schranken wies und dadurch auch die Christen vor Übergriffen schützte. Eine christliche Obrigkeit wurde als unnötig angesehen, weil die Christen dank ihres Glaubens eh eine top Lebensführung hatten. 

Soweit Irenäus, der damit wahrscheinlich als erster Christ weltliche Herrschaft positiv beurteilte und nicht als des Teufels Werk wie weiland Johannes aus Patmos, sondern im Gegenteil als Werkzeug Gottes. Diese Obrigkeit war in jenen Zeiten immer noch das römische Kaisertum, dessen noch folgende Dauer unabsehbar war und christlicherseits seine Begrenzung nur im apokalyptischen Zeitenende hatte. Gegenüber der zeitnahen Endzeitvision dehnte Irenäus die Ereignisse zeitlich aber erheblich aus, sodass die prognostizierten Katastrophen auf ziemlich später bis ganz auf spät verschoben wurden. Auffallend ist, dass er nie direkten Bezug auf die Katechon-Stelle im 2. Thessalonicher-Brief nahm. Vielleicht deshalb, weil dort der Katechon den Charakter eines Hindernisses hatte, das erst weggeräumt werden müsse, Irenäus sich dagegen tendenziell eher häuslich im durchs römische Gewaltmonopol geschützten Äon einzurichten dachte.

Der oder das Katechon wurde bisher also dargestellt als

  • Staudamm, welche den Antichristen und die Flut der Apokalypse hemmt (Paulus),
  • die Existenz der Christen bzw. deren Gebete, welche das römische Reich schützen (Aristid und Justin),
  • Rom als Teil des Erlösungswerkes (Melito),
  • Römische Staatsgewalt als Schutzfunktion gegenüber “Heiden” (Irenäus).

 

 

Hippolyt war ein Schüler des Irenäus und schrieb um 200 den „Antichrist“. Er hing eher der Lesart des Johannes an, konnte aber auch dem sich gemütlich einrichten Wollens im römischen Staat einiges abgewinnen. Um diese zwei Gedanken zu vereinen, hatte er einige exegetische und logische Probleme zu bewältigen, die mittels Umdeutungen und dank einer gewissen Lässigkeit gegenüber offenkundigen Widersprüchen „gelöst“ wurden. Letztlich war bei ihm Rom zwar eine dämonische Macht im Sinne von Johannes‘ Babylon, die aber nur in einem losen und widersprüchlichen Zusammenhang mit dem Antichristen stand. Aufgrund einer ambitionierten Berechnung der Zeit von der Erschaffung der Welt bis zur universellen Eschatologie wurde diese in eine viele Generationen ferne Zukunft verschoben, sodass die gegenwärtige Generation halbwegs beruhigt sein konnte, dass sie und ihre unmittelbaren Nachkommen das Weltenende nicht mehr erleben würden. Aber – weil bekanntlich der Teufel nicht schläft – wurden die Gläubigen von Hippolyt sicherheitshalber zum fleißigen Gebet aufgefordert, damit der Antichrist nicht während der Lebenszeit der gegenwärtigen Generation kommen möge. Somit wurde der Katechon als Aufhalter des Eintreffens der ewigen Seligkeit letztlich als positiv bewertet.

 

 

Mit Tertullian trat nun eine neue Generation und eine völlig andere Herangehensweise an, um dem Problem des Aufhalters Herr zu werden. Erstens war Tertullian ein in Karthago um 160 geborener Römer – im Unterschied zu den oben behandelten Kirchenvätern, welche dem griechischen Kulturkreis entstammten. Des Weiteren  war er ein Jurist und ging die Angelegenheit auch auf juristische Weise an, was die Beweisführungen umfänglicher und den Text trockener machte. Tertullian bot in fast gleichzeitig produzierten Schriften zwei Varianten an: In der internen, für den Unterricht von Katechumenen bestimmten, brauchte es naturgemäß keiner Rechtfertigung des Glaubens. Vielmehr wird auf die christliche Hoffnung auf die Wiederkehr des Herrn fokussiert, somit auf die Vollendung des Reiches Gottes, welches so bald als möglich eintreten möge. Der Obrigkeit gegenüber aber betonte Tertullian dagegen die Sozialverträglichkeit der Christen und wie andere vor ihm, den Anteil der christlichen Gebete an der Fortexistenz  des weltlichen Reiches. 

 

Zusammenfassend: in einem sichtlich dunkel gehaltenen Abschnitt eines Briefes schreibt ein Pseudopaulus von einer das Ende der Welt aufhaltenden Macht. Die frühen Theologen bewerten diese Macht entweder religiös motiviert als negative Macht, welche das ersehnte Ende hinauszögert oder aus politischem Interesse als positive Macht, die mit dem römischen Reich identifiziert wird, welche die derzeit lebenden Menschen vor der Endkatastrophe schützt. Die zweite Interpretation wurde nach und nach zur vorherrschenden innerhalb der Christengemeinden. Das nahende Ende rückte mit den Jahrzehnten immer mehr in den Hintergrund und der Diskurs darüber an den Rand des Gemeindelebens. Die Bindung dieser Theorie an ein Fortbestehen des römischen Imperiums schien lange Zeit recht robust zu sein…

… doch dann kam das Jahr 476.

untergang_des_roemischen_reiches400

wird fortgesetzt.
Bisher gebloggt: Ungute Situationen und eine situationselastische Lösung – Katechon 

 

 

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