Ungute Situationen und eine situationselastische Lösung † Katechon (1)

Bei der Beschäftigung mit der Ideologiegeschichte des frühen Christentums – eine umfassende und aufschlussreiche Darstellung ist immer noch “Die Entstehung des christlichen Dogmas problemgeschichtlich dargestellt, Bern, Leipzig 1941” des Schweizer Theologen Martin Werner – stieß ich bald auf die mir bisher nicht bekannte Figur des “Katechons”. Im Nachvollzug der Karriere dieses Konstrukts begegnete ich manch paradoxaler Verbindung, unter anderem jener zwischen der Befürwortung diktatorialer Herrschaftsausübung und dem Glauben an einen real existierenden Aufhalter des real existierenden Antichrist, wie bei Carl Schmitt zu sehen ist. Die folgenden drei oder vier Blogbeiträge werden das Ergebnis meiner Mitschriften der benutzten Literatur zu diesem Thema sein – also für den Kundigen nix Neues, für weitgehend Ahnungslose, wie ich bis kurzem einer war, vielleicht ein Einstieg.

Die Vorgeschichte ist bekannt:

Ein junger Wanderprediger und Weltuntergangsprophet mit Erlösungsversprechen war zur falschen Zeit am falschen Ort und wurde als vermeintlicher Aufrührer von der Besatzungsmacht kurzerhand exekutiert. Seine Anhänger hatten sich die Erlösung allerdings anders vorgestellt, nämlich mit ihnen als den überlebenden Auserwählten und nicht als verlorenes Häuflein, während die Welt selber ungerührt weiter bestand. 
Im Zuge ihrer Trauerarbeit wiederbelebten sie ihr Idol für einige Zeit, ehe es nochmals, aber mit dem Versprechen verschwand, demnächst wiederzukommen und dann aber Erlösung für seine Anhänger und Verdammnis für die anderen! 
Im Gefolge eines gelungenen Events während des Wochenfestes (Schawuot) scheint für die Zurückgebliebenen mit neuem Mut und öffentlichem Bekennen eines Auferstehungswunders einiger Zulauf gekommen zu sein. Was vorher ein amorpher Haufen verängstigter Suchender war, begann Elemente einer neuen Sekte zu zeigen. Durch das Auftreten von Sektenmitgliedern in der zentralen Zeremonienstätte kam es allerdings zu Reibereien mit den Vertretern der althergebrachten Glaubensform. In einem Fall soll es sogar zu einem Lynchmord an einem der Youngsters gekommen sein. Denn die Mehrheitsreligiösen versuchten, der Ausbreitung dieser neuen Konkurrenz, die sowas wie eine Punkreligion predigte, einen Riegel vorzuschieben, orts- und zeitüblich Flucht-und-Sturz-des-Paulus-aus-Damaskus_90-Grad-rechts
auch mit Gewalt. In überlieferten Aufzeichnungen etliche Jahrzehnte nach diesen Ereignissen wird von einem der radikalsten Kämpfer gegen den neuen Glauben berichtet, dass er eines Tages vom Pferd gestürzt sei, was kurzzeitige Erblindung und wilde Traumgesichte nach sich gezogen habe. Dabei sei ihm der seinerzeit Hingerichtete erschienen und habe seine Auserwähltheit als Neu-Apostel kundgetan. Worauf der wieder Sehende sich berufen fühlte, möglichst viele Menschen ebenfalls zu der neuen Sekte zu „bekehren“. Im Unterschied zu den Anhängern der ersten Stunde machte er dies nicht nur unter seinen Landsleuten, sondern auch unter anderen Völkern des großen, sie politisch vereinenden Reiches. Dieser selbsternannte Apostel war natürlich Scha’ul, wurde auf griechisch Saulos genannt, weil Griechen kein sch sprachen, dafür aber gerne deklinierbare Endungen an Namen hängten. Seine griechisch geschriebenen Briefe unterzeichnete er mit einer lateinisch-griechischen Mischung: Paulos, woraus dann Paulus wurde (nach Klaus Wengst). Wegen seiner sich kulturell anpassenden Missionierungen unter Nichtjuden kam er seitens der ursprünglichen Anhängerschar des umgebrachten Propheten ziemlich unter Druck. Seine daraufhin teils sehr heftig formulierten Briefe sind die ältesten Dokumente der neuen Glaubensrichtung, in denen bereits einige Grundzüge einer Theologie entwickelt wurden. Nicht alle dieser überlieferten Schriften stammen von ihm, unter anderem auch jener Brief nicht, in dem ein paar Zeilen stehen, die über die folgenden Jahrtausende eine ganze Reihe von Theologen beschäftigte. Und nicht nur Theologen. Damit beginnt nun die eigentliche Geschichte vom Katechon.

 Der älteste von Paulus stammende Brief (1. Thessalonicher) ist noch voll eschatologischer Erwartung und es wird mehrfach an das baldige Nahen der Parusie erinnert. Doch das Ende kam nicht und nicht und Unruhe machte sich in den Gemeinden breit. In einem mit ziemlicher Sicherheit gefälschten Paulusbrief – Gerd Lüdemann spricht sogar von “der gröbsten Fälschung des neuen Testaments“, dem 2. Thessalonicher (siehe Text in linker Seitenleiste), wird nun als argumentative Überbrückungshilfe eine bestimmte zeitliche Abfolge des Endes der Zeiten konstruiert: Zuerst komme “der Abfall” und es erscheine ein “Mensch der Bosheit” auf der Bildfläche. Dieser erhebe sich über alles, setze sich in den Tempel Gottes und führe sich auch als Gott auf. Er werde viele verführen und ins Verderben stürzen. Bis dann endlich der echte Herr komme und “den Widersacher mit dem Hauch seines Mundes” töte.

Diese Story von der Zeitenabfolge mit einem globalen Widersacher, die sich später im Antichristabschnitt der „Johannes“-Schrift fortsetzt, war für den Erhalt der christlichen Gemeinden unumgänglich, weil nach und nach die Gemeindemitglieder starben ohne erlöst worden zu sein. Was naturgemäß auch die Frage aufwarf, wo sie sich bis zur Erlösung denn aufhielten (die Antworten darauf haben mit Paulus beginnend eine längere Geschichte, die für das Katechonthema unerheblich ist, und münden schließlich bei Tertullian im Fegefeuer). Aber noch drängender war eine festigende Antwort auf die Fragen nach dem Grund für die Verzögerung der versprochenen nahzeitlichen Wiederkunft des Hingerichteten plus Erlösung plus Himmel mit all den erhofften Features. Im ersten, dem echten Thessalonicher-Brief  des Paulus, war vom „Tag des Herrn“ die Rede (im Sinne des Endes aller Zeiten) gewesen, auf den es sich dringend vorzubereiten gelte. Dieser „Tag des Herrn“ war in zahlreichen gleichlautenden und ähnlichen Formulierungen alttestamentlich-jüdisch-apokalyptischer Topos, eine „absonderliche, teils skurrile Welt, die für die Zeitgenossen jedoch eminente Bedeutung und Wirkung hatte“, wie Wolfgang Trilling schreibt (S. 81), und damit im kollektiven Gedächtnis fest verankert war. Mit der Fixierung auf das nahe Kommen dieses Tages waren die Christen naturgemäß auch gegenüber den Andersgläubigen unter Zeitdruck geraten: entweder kam dieser Tag pronto, oder man musste einen guten Grund angeben für sein Ausbleiben. Insofern war die Idee des falschen Paulus’ recht genial, indem er in den heilsgeschichtlichen Ablauf  eine Pufferzone in Form von zwei Bedingungen für die Wiederkunft des Erwarteten einbaute:  zuerst musste, wie oben erwähnt, „der Abfall“ kommen. Dieser Begriff war in der alttestamentlichen Literatur eschatologisch aufgeladen und wurde dort zunächst als Abfall der Juden vom mosaischen Gesetz begriffen, mit all den bekannten göttlichen Rachereaktionen als Vorschein apokalyptischer Dimensionen. Im Verlauf der Jahrhunderte bildete sich daraus ein Geschichtsbild der jüdischen Apokalyptik, in dem die Zeiten bis zum Ende des Äons immer böser würden, bis hin zu einem universalen „Ab-Fall“ aller Menschen. Dies war kollektives Wissen der Juden und der Jeschusekte zu jener Zeit. Es konnte daher auf entsprechende Rezeption des Begriffes gebaut werden. Dieser Abfall wurde mit der Erscheinung eines das absolut Böse verkörpernden Menschen verknüpft, mit dem „Widersacher“ und der „Bosheit“. Da dieser universelle „Abfall“ zur Zeit der Abfassung der Schrift aber offensichtlich noch nicht gekommen war, weil die Gemeindemitglieder trotz gewisser Irritationen sich ziemlich brav und gläubig verhielten, die Ungläubigen vor ihrer Bekehrung dagegen noch gar nicht abgefallen sein konnten, schob sich mit solch einer Bedingung eine gestaltbare Zone zwischen dem Hier und Jetzt und dem Ende.

Dieser ersten Bedingung der Möglichkeit des Weltenendes gesellte der Briefschreiber noch eine Bedingung der Bedingung hinzu: Auch wenn sich der Widersacher bereits rege, in die reale Existenz treten könne er erst, wenn das ihn Aufhaltende, das oder der Katechon, „hinweggetan“ werde.  Wer oder was das sei, wüssten laut Brief zwar die Thessalonicher und Paulus, er oder es wird aber weder hier noch sonst wo genannt.

Die Abfolge des Heilsprozesses nach diesem gefälschten Paulusbrief wäre demnach so: Jeschu wird umgebracht, erweckt sich aber wieder zum Leben für kurze Zeit, ehe er wieder verschwindet mit dem Versprechen, wieder zu kommen, wenn

a) eine das Böse verhindernde Macht beseitigt wurde,
b) nachdem das Böse eine lange Zeit ungehindert regiert habe.

Dann aber sei es so weit. Blöd nur, dass Jeschu vergessen hatte, das auch so zu sagen, daher war 20 Jahre später ein gefälschter Brief notwendig. 

Seither zerbrechen sich Theologen die Köpfe über die Frage, was diese Abfolge mit den zwei Pufferzonen (Zeit des Aufhaltens des Antichrist und Zeit des Antichrist) vor der Erlösung  für einen Sinn mache und vor allem, welche Macht das Eintreten des Bösen und damit aber auch die Annäherung an die Erlösung verhindere. Wer oder was diese aufhaltende Macht denn eigentlich sei? Und ob dieses Katechon nicht selber böse sei, weil es die Parusie zeitlich nach hinten schiebe? Und was wollen die Christen eigentlich – baldige Erlösung oder Hinausschieben des voranzugehenden Unglückszeitalters? Mit den Jahrzehnten, den Jahrhunderten und schließlich nach zweitausend Jahren wurde die Beantwortung dieser Fragen nicht leichter, im Gegenteil. Davon sollen die demnächst folgenden Fortsetzungen handeln.

pfingstfeuer

 

 

 

 

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