Das Lesemal für die Bücherverbrennung in Bonn

skks61TitelDer folgende Text ist ein Auszug aus dem Artikel “Ein „Lese-Mal“ als Denkmal | Das Denkzeichen für die Bücherverbrennung in Bonn”  von Jürgen Repschläger, Antiquar und kulturpolitischer Sprecher der Linksfraktion in Bonn. Darin beschreibt er nicht nur die von etlichen Querelen und Blockaden begleitete Entstehungsgeschichte des Bonner Mahnmals zur nazistischen Bücherverbrennung 1933, sondern verweist auch auf die Lebendigkeit dieser “Lese-Zeichen” heute. Erschienen ist es in kunststadt stadtkunst Nr. 61 – 2014, S. 23. Das Heft zum Downlad (PDF 4,5MB). 

Jahrestage, zumal wenn es runde sind und es sich zudem noch um welthistorische Ereignisse handelt, sind immer Anlass zu allerlei Gedenkaktivitäten. Der Anlass für das Denkzeichen, von dem hier die Rede sein wird, ist der 80. Jahrestag der Bücherverbrennung auf dem Bonner Marktplatz am 10. Mai 1933.

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 sahen sich unter anderen jüdische, pazifistische, sozialdemokratische und kommunistische Schriftsteller/ innen einer verstärkten Verfolgung ausgesetzt. Diese fand einen ersten Höhepunkt am 10. Mai 1933 in einer von der “Deutschen Studentenschaft” organisierten Kampagne, die sie als “Aktion wider den undeutschen Geist” bezeichnete. Gestartet wurde die Kampagne am 12. April 1933 mit der Verbreitung eines Plakates, das 12 propagandistische Thesen zum Inhalt hatte. Zudem wurden in Vorträgen in den Universitäten sowie durch Tageszeitungen und Rundfunk Studierende und die Öffentlichkeit über die Ziele der Kampagne “aufgeklärt” und die betroffenen Schriftsteller/innen und Autor/ innen diffamiert.
Darüber hinaus forderte die “Deutsche Studentenschaft” alle Studierenden auf, aus ihren privaten Bibliotheken und denen ihrer Bekannten die unerwünschten Bücher zu entfernen und in einem nächsten Schritt ebenso in öffentlichen Bibliotheken zu verfahren.
Auch die Bonner Studentenschaft beteiligte sich an der Kampagne und veröffentlichte zudem ihrerseits Aufrufe in der lokalen Tagespresse.
Auf Anordnung des damaligen Bonner Oberbürgermeisters Ludwig Rickert wurden in Bonn Bücher aus den öffentlichen Bibliotheken unter Beteiligung städtischer Polizeikräfte entfernt.

Am Tag der Bücherverbrennung selbst, am 10. Mai 1933 beteiligte sich dann ein Querschnitt der Bonner Bevölkerung aktiv oder durch Zuschauen an der Verbrennung der Bücher.

Angemerkt sei noch, dass zwei Professoren, der Germanist Hans Naumann und der Kunsthistoriker Eugen Lüthgen, im wahrsten Sinne des Wortes Brandreden hielten. Wie zu sehen ist, waren mit Oberbürgermeister, Politik, Universität, Presse und Bürgerschaft alle Ebenen der Stadt beteiligt.

Der Bonner Bürger Wolfgang H. Deuling hatte die Idee und ergriff die Initiative, Frau Dorothee Pass-Weingartz von den Grünen/Bündnis 90 erwirkte den entscheidenden Antrag, der schließlich zur Beschlusslage erhoben wurde
Der Bonner Bürger Wolfgang H. Deuling hatte die Idee und ergriff die Initiative, Frau Dorothee Pass-Weingartz von den Grünen/Bündnis 90 erwirkte den entscheidenden Antrag, der schließlich zur Beschlusslage erhoben wurde

Die Initiative zu einem Denkzeichen am historischen Ort, dem Bonner Marktplatz vor dem alten Rathaus kam allerdings von einer Privatperson: Wolfgang Deuling.
Die erste Idee, einen Bürgerantrag im Bürgerausschuss zu stellen, verwarf Deuling. Er hielt es im Sinne der Verkürzung politischer Entscheidungswege für sinnvoller, sich an die Ratsmehrheit aus CDU und Grünen zu wenden. Diese Initiative mündete in einem Antrag, der vom Kulturausschuss im Juni 2010 einstimmig beschlossen und vom Stadtrat bestätigt wurde.
Mit diesem an und für sich positiven Beschluss fingen die Schwierigkeiten an. Zwar wurde beschlossen, mittels einer öffentlichen Ausschreibung Entwürfe für ein Denkzeichen einzuholen und nach Eingang durch das Einsetzen einer Jury zu einer Auswahl zu kommen, doch der entscheidende Satz in dem Beschluss lautete:
Die Finanzierung des Erinnerungsmales erfolgt privat“.
Eine Beteiligung der Kommune käme auf Grund der Haushaltssituation nicht in Frage, auch die Universität könne man städtischerseits nicht ins Boot holen, da es sich nicht um eine kommunale Institution handeln würde. Auch die Stellungnahme der Verwaltung war eher unverbindlich und signalisierte nicht gerade eine praktische Unterstützung des Projektes:

“Die Verwaltung befürwortet die Verwirklichung eines Erinnerungsmales zum Gedenken an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Bonner Marktplatz. Hinsichtlich Größe und Aufstellungsort des Erinnerungsmales müssen jedoch die bisherigen Nutzungen des Marktplatzes sowie die Belange und Einrichtungen des Bonner Wochenmarktes berücksichtigt und abgestimmt werden. Im Hinblick auf das historische Umfeld des Marktplatzes und den das Erscheinungsbild des Platzes prägenden Obelisken sollte das Denkzeichen keine platzprägende Wirkung entfalten.”

Alle Versuche aus dem politischen Raum und von Initiativen aus Teilen der Bürgerschaft, die Stadt auf Grund ihrer historischen Verantwortung zu einem finanziellen Engagement zu bewegen, schlugen fehl. Angesichts der deutschen Geschichte und der in vielen Reden und Feierstunden immer wieder beschworenen Verantwortung für das lebendig halten der Erinnerung muss hier von einem Versagen der Stadt und der Mehrheit der politischen Parteien gesprochen werden.
Es blieb also zunächst dem Initiator und einigen Mitstreiter/ innen vorbehalten, sich um Spenden für das Projekt zu bemühen.
Nachdem der Oberbürgermeister und der Rektor der Universität einen wenig wahrnehmbaren Aufruf zu Spenden veröffentlicht hatten, wurde beschlossen, im Vertrauen auf die eingehenden Gelder die Ausschreibung zu starten. Über eine Broschüre: “Einladung der Stadt Bonn zur Teilnahme an einem Wettbewerb zur Schaffung eines Denkzeichens an die Bücherverbrennung in Bonn am 10 Mai 1933 auf dem Marktplatz vor dem alten Rathaus”, sollten Entwürfe gewonnen werden. Gleichzeitig wurde eine Jury benannt. (…)

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Die Künstler Künstler Andreas Knitz und Horst Hoheisel bei der Eröffnung

(…) [Der letzlich erfolgreiche] Vorschlag arbeitete mit in den Boden des Marktplatzes eingelassenen bunten Schutzumschlägen der verbrannten Bücher. Diese Arbeit wirkte grell und im Erscheinungsbild sehr dominant. Die Auswahlrunde konnte sich schnell und einvernehmlich auf [diesen] gemeinsamen Entwurf der Künstler Andreas Knitz und Horst Hoheisel verständigen. Der Entwurf setzte sich von den übrigen Arbeiten insofern ab, dass er zwei Elemente einer lebendigen Erinnerungskultur miteinander verbinden konnte. Zum einen eine ganzjährige, also kontinuierliche Erinnerung durch die Präsenz im Stadtbild, zum anderen durch die Möglichkeit eines sich immer wiederholenden Rituals in den Folgejahren an historischer Stätte. Nach dem Vorbild der Stolpersteine des Kölner Bildhauers Gunter Demnig werden in das vorhandene Pflaster des Platzes Bronze-Bücher der von den Nationalsozialisten verbrannten Ausgaben verlegt. Die Buchrücken schließen mit der Pflasterung ab. Auf ihnen sind Titel und Autor/innen der verbrannten Bücher zu lesen. Die zunächst zufällig auftauchenden Lese-Zeichen verdichten sich an der Stelle vor der Rathaustreppe, wo die Bücher verbrannt wurden. An dieser historischen Stelle ist in Form einer Büchertruhe ein wasserfester Archivbehälter eingelassen. Seine Inschrift benennt das Ereignis und die Autor/innen der verbrannten Bücher. In diesem Archiv werden reale Bücher aufbewahrt. Die Idee dieser Konzeption ist, dass Erinnerung Rituale braucht, damit sie immer wieder neu belebt wird. Die in das Erdreich eingelassene Archivtruhe, von der nur der Messingdeckel zu sehen ist, bleibt das Jahr über verschlossen. Nur am Jahrestag wird die Truhe geöffnet und die Bücher der verbrannten Autor/innen werden herausgenommen. Während der jährlichen Gedenkzeremonie wird aus den Büchern zitiert, anschließend werden sie an die Teilnehmenden verschenkt. Die Symbolik besteht darin, dass die Werke, die ein für allemal ausgelöscht werden sollten, in die Bücherregale zurückkehren. Das Archiv wird mit neuen – gespendeten – Büchern wieder aufgefüllt und bis zum nächsten Jahrestag wieder verschlossen. Diese Idee macht das Denkzeichen nicht nur lebendig, es ermöglicht auch unterschiedlichsten Akteur/innen das jährliche Gedenken zu gestalten. So wird die Veranstaltung in diesem Jahr von einer Schulklasse vorbereitet, die Bücher kommen aus einem Antiquariat. Im nächsten Jahr ist es vielleicht eine Friedensinitiative und die Bücher kommen aus einem Nachlass oder einer Privatbibliothek. Das Denkzeichen lebt von seiner Dauerpräsenz und vom jährlichen öffentlichen Ritual.
Vom Ergebnis her eine faszinierende Idee und eine gelungene Umsetzung. Bleibt nachzutragen, dass die Finanzierung durch die Spenden einiger weniger nicht gelungen wäre, wenn die Landeszentrale für politische Bildung nicht den Hauptanteil der Kosten übernommen hätte. Der Kontakt zur Landeszentrale lief dann immerhin über das Bonner Kulturamt. Die Inanspruchnahme dieser Mittel hatte aber einen kleinen kommunalen Eigenanteil zur Voraussetzung. So kam die Stadt Bonn doch noch dazu etwas beizusteuern.
Die übergroße Mehrheit der 504 Professor/innen und 3786 wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen der Universität sahen sich zum Spenden nicht in der Lage.
Lediglich der ASTA der Uni Bonn beteiligte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Das waren aber noch nicht alle Irritationen um das Denkzeichen. Es blieb ja noch die feierliche Einweihung. Diese war seitens der Stadt ursprünglich weitestgehend als Saalveranstaltung geplant. Lediglich der Akt der Enthüllung sollte – und dies konnte ja auch gar nicht anders sein – im öffentlichen Raum stattfinden.
Eine Saalveranstaltung mit begrenzten Kapazitäten hätte aber Teile der interessierten Bonner/innen ausgeschlossen. Zudem hätte man sich der Möglichkeit beraubt, dass zufällig anwesendes “Laufpublikum” – es handelt sich schließlich um einen touristisch stark besuchten Platz – dem Geschehen beiwohnt. Und überhaupt: Kunst im öffentlichen Raum, zumal ein solches Denkzeichen, das erinnernd und mahnend zugleich in die Gesellschaft hinein wirken soll, durfte nicht hinter verschlossenen Türen eingeweiht werden. Um es zu wiederholen: Vom Ergebnis her ein Beispiel für kreative und lebendige Gedenk- und Erinnerungskultur, aber zur Erinnerungskultur gehört eben auch die Erinnerung an den Prozess, wie mit der Erinnerung umgegangen wird.

Foto und ©: Andreas Knitz, Horst Hocheisl
Foto und ©: Andreas Knitz, Horst Hocheisl

 

 

 

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