Darauf riß Eva mit einem Taschenmesserchen die Stella von meinem Mantel – Dresden (2)

Wir setzten uns am Dienstag abend gegen halb zehn zum Kaffee, sehr abgekämpft und bedrückt, denn tagüber war ich ja als Hiobsbote herumgelaufen, und abends hatte mir Waldmann aufs bestimmteste versichert (aus Erfahrung und neuerdings aufgeschnappten Äußerungen), daß die am Freitag zu Deportierenden in den Tod geschickt (“auf ein Nebengleis geschoben”) würden, und daß wir Zurückbleibenden acht Tage später ebenso beseitigt werden würden da kam Vollalarm. “Wenn sie doch alles zerschmissen!” sagte erbittert Frau Stühler, die den ganzen Tag herumgejagt war, und offenbar vergeblich, um ihren Jungen freizubekommen. – Wäre es nun bei diesem ersten Angriff geblieben, er hätte sich mir als der bisher schrecklichste eingeprägt, während er sich jetzt, von der späteren Katastrophe überlagert, schon zu allgemeinem Umriß verwischt.
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Jemand rief: “Hierher, Herr Klemperer!” In dem demolierten Aborthäuschen nebenan stand Eisenmann sen., Schorschi auf dem Arm. “Ich weiß nicht, wo meine Frau ist.” – “Ich weiß nicht, wo meine Frau und die andern Kinder sind.” – “Es wird zu heiß, die Holzverschalung brennt … drüben, die Halle der Reichsbank!” Wir rannten in eine flammen umgebene, aber fest aussehende Halle. Die Bombeneinschläge schienen für hier vorüber, aber ringsum flammte alles lichterloh. Ich konnte das Einzelne nicht unterscheiden, ich sah nur überall Flammen, hörte den Lärm des Feuers und des Sturms, empfand die fürchterliche innere Spannung. Nach einer Weile sagte Eisenmann: “Wir müssen zur EIbe herunter, wir werden durchkommen.”
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klemperer-tagebuecher280Es wurde heller, und ich sah einen Menschenstrom auf der Straße an der EIbe. Aber ich getraute mich noch immer nicht hinunter. Schließlich, wohl gegen sieben, die Terrasse – die den Juden verbotene Terrasse – war schon ziemlich leer geworden, ging ich an dem immerfort brennenden Belvedere-Gehäuse vorbei und kam an die Terrassenmauer.  (…)
Da tauchte Eisenmann mit Schorschi auf. Seine andern Angehörigen hatte er nicht gefunden. (…) Wir müßten unsre Leute zu treffen versuchen, ich müßte den Stern entfernen, so wie er den seinen schon abgemacht hätte. Darauf riß Eva mit einem Taschenmesserchen die Stella von meinem Mantel.
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Nach wenigen Schritten hörte ich über mir das bösartig stärker werdende Summen eines rasch näher kommenden und herunterstoßenden Flugzeugs. Ich lief rasch auf die Mauer zu, es lagen schon mehr Menschen dort, warf mich zu Boden, den Kopf gegen die Mauer, das Gesicht in die Arme gelegt. Schon krachte es, und Kiesgeröll rieselte auf mich herab. Ich lag noch eine Weile, ich dachte: “Nur jetzt nicht noch nachträglich krepieren!”
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Immer wieder bewegt mich die doppelte Gefahr. Die Gefahr der Bomben und der Russen teile ich mit allen andem; die der Stella ist meine eigene und die weitaus größere. Das fing in der Terrornacht an; erst schlug ich die Decke darüber. Am Morgen sagte mir Eisenmann: “Sie müssen ihn abnehmen, ich habe es schon getan.” Ich machte den Mantel frei. Waldmann beruhigte mich: In diesem Chaos und bei Vernichtung aller Amtsstellen und Verzeichnisse … Übrigens hätte ich gar keine Wahl; mit dem Stern würde ich sofort ausgesondert und getötet. Dem ersten Schritt folgten zwangsläufig die anderen. In Klotzsche die Aufnahmeliste mit Victor Klemperer senz’ altro. Erst vorsichtig von mir nur diktiert. Später bei Ausgabe von Essenmarken von mir unterschrieben. Danach brauchte ich Versorgungsschein. Jetzt auf zwei Ämtern in Stadt Klotzsehe genaue Angaben und Unterschriften. Ich saß in Restaurants, ich fuhr Eisenbahn und Trambahn – auf alles das steht im 3. Reich für mich der Tod. … Dann bei der Aufnahme des Nationalen die in Klotzsche nicht gestellte Frage: Religion? – Evangelisch. “Sie sind nicht jüdischer Abstammung oder Mischling?” “Nein.” …. Ich stehe dem Tod genauso nahe wie in der Bombennacht. –
(…)
Immer wieder gehe ich meine Chancen durch: Meine Flüchtlingsspur ist verwischt, es herrscht ein viel zu großes und ständig wachsendes Chaos, als daß man mir nachforschen dürfte. Wiederum: Jede Bewegung kann mir in jeder Stunde den Tod bringen. Und wie lange noch? Wir erfahren wenig,

Aus den Aufzeichnungen Victor Klemperers über die Bombardierung Dresdens, welche ihm das Leben rettete.

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