Wenn wir alle gut wären

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das wünscht sie sich, jene deutschsprachige Romanautorin und Erzählerin, die heute 110 Jahre alt geworden wäre: Irmgard Keun. Und dann beginnt sie sich auszumalen, was das nach sich ziehen würde, angefangen von der Arbeitslosigkeit der Exekutive und der Gerichtsangestellten, und kommt in der gleichnamigen Satire aus dem Jahr 1954 zum Schluss, ein bißchen gut werden könne nicht schaden, aber übertreiben möge man es nicht.
Die auch literaturhistorisch überaus verdienstvolle Website “Duftender Doppelpunkt” hat im „Literaturquiz zur Bücherverbrennung 1933” eine kurze Lebensbeschreibung von Irmgard Keun zusammengestellt, die hier auszugsweise wiedergegeben wird:

“Die Protagonistinnen sind moderne, selbstbewusste Frauen. Sie entsprechen so gar nicht dem nationalsozialistischen Frauenbild, in dem Haushalt und Mutterschaft eine zentrale Rolle einnehmen.  Trotz alledem versucht man, die Autorin für die Sache des Nationalsozialismus zu gewinnen. Sie lehnt entschieden ab. Letztlich werden ihre beiden Bücher als Asphaltliteratur gebrandmarkt und gehen auf den Scheiterhaufen des Jahres 1933 in Flammen auf. 
„Mich macht das gottverfluchte Regime krank -die Luft ist vergiftet, man wagt nicht mehr zu atmen, geschweige denn zu denken. – Soweit ich –wenig genug – helfen kann, will ich helfen.“
(Aus einem Brief der Autorin an den Schriftsteller Martin Beradt, 1. April 1933, dem Tag des sogenannten ersten Judenboykotts). 
Wegen des Verbotes ihrer Bücher meldet sie Ende 1935 Schadenersatzansprüche beim Landgericht Berlin an. Die Antwort des NS-Staates wird ihr in Form von Verhaftung und Verhören präsentiert. Sie kommt frei und flieht. Ihr Mann bleibt und arrangiert sich mit dem Regime.” aus: Literaturquiz Teil 9

Auf der Auflösungsseite wird weiters auf umfangreiche Darstellungen und Linksammlungen zu Irmgard Keun verwiesen.

In Briefen an Hermann Kesten aus dem Jahr 1947 schildert die Autorin ihre Erlebnisse im Nachkriegsdeutschland. Aus dem Brief vom 23. August sei hier ein längerer Auszug zitiert, weil er sehr gut die Stimmung von deutschen LiteratInnen und Intellektuellen in den späten 40ern wiedergibt und den Hang zum Religösen thematisiert:

“War das schön, wenn wir wieder zusammensitzen könnten. Ich würd’s sogar mit lächelnder Fassung tragen, wenn auch Sie mittlerweile katholisch geworden sein sollten. Allerdings möchte ich dann auch, daß Sie zumindest Kardinal, wenn schon nicht Papst wären. Papst würde mich noch mehr beeindrucken. Ich würde “Heiliger Vater” zu Ihnen sagen, und Sie müßten mich mal mit Ihrem goldenen Telefon telefonieren lassen. Döblin wird General in der Schweizergarde, Bert Brecht könnte die Josefs-Legende von Thomas Mann für die Vatikan-Bühne dramatisieren, Kisch wird Leib-Nuntius und Wegbereiter des Konkordats mit Moskau, es gibt da noch allerhand Möglichkeiten. (…)
In Frankfurt hab ich einen Haufen früherer Bekannten wiedergesehen. Manche fand ich ganz nett, aber es dauert doch eine Weile, ehe ich hier in Deutschland zu jemand richtiges Vertrauen habe. Auffallend war, daß ich ununterbrochen auf Leute stieß, die entweder gerade katholisch geworden waren oder im Begriff waren, es zu werden – und zwar alle Arten von Leuten – Nazis, Anti-Nazis, halbe Nazis, ehemalige Konzentrationäre, Kommunisten, Deutsche Amerikaner, Juden, Protestanten – alle Arten. Ob sie glücklicher und besser dadurch geworden sind, konnt ich nicht feststellen. Es fehlt mir auch an Fähigkeiten zu begreifen, warum jemand auf einmal katholisch werden will. Ob’s die Reaktion auf Geschehenes ist oder die Ahnung kommender Katastrophen? Ich mußte so viel an Roth denken und wie er mich zeitweilig auf katholisch gemartert hat, die reine Inquisition. Entsinnen Sie sich noch? Bevor ich in Frankfurt war und dort die katholische Welle erlebte, war ich in Baden-Baden. Döblin erzählte mir, Roth sei ja gar nicht katholisch gewesen und auch nicht katholisch begraben. Er schien das immerhin wichtig und erwähnenswert zu finden. Na, und?
Anschließend geriet ich in Frankfurt in die katholische Überschwemmung. Die katholisch Bestrebten waren zum Teil recht erträglich. Ihre Toleranz entspricht ihrer Entfernung von absoluter Macht. Der eingebildeten, erkannten oder tatsächlichen Entfernung. Die Macht wünschen sie, um seelischen und körperlichen Schutz zu haben. Anschließend glauben sie selbst, religiöse Bedürfnisse zu empfinden und freuen sich dessen. Und zuerst gehen sie ein bißchen stolz und steif und verlegen daher wie Kinderchen, die ein schönes neues Kleid anhaben. Gut können sie nicht sein, da sie Macht haben wollen. Je mehr sie bekommen, um so weniger harmlos und tolerant werden sie sein. Wenn sie genügend Macht haben, werden sie wieder Hexen und Zauberer verbrennen. Und hinterher werden dann wieder welche sagen -“das sind Auswüchse, die haben wir nie gewollt, und die haben wir auch nie mitgemacht”. Vielleicht kommen sie dann vor einen interreligiösen Gerichtshof und werden ent-katholisiert. Mag’s sein, wie’s will – ob sie nun eine religiöse Erleuchtung haben oder sich elend vereinsamt fühlen oder göttliche Gnade über sie gekommen ist oder ob sie ein Ventil für dunkle Fanatismen brauchen oder da sein wollen, wo bereits viele andere sind – mit Gutsein oder Gutseinwollen hat das Sich-in-den-Schoß-der-Kirche-Stürzen nichts zu tun. Gut sein kann ich allein, und religiös sein kann ich nur allein. Der ganze Boden in Deutschland stinkt noch nach Mord und Leichen, und nun zieht sich ein Schleim von Frömmigkeit darüber hin. In der Ostzone beten sie andersrum. Alles in allem das alte deutsche Mix-Getränk – ein paar verschwommene Gefühle, Angst vorm Denken, ein bißchen Unterleib, ein bißchen Opportunismus, ein Schuß leichte Zweifel und ein doppelter Schuß Wut darüber – und das Ganze heißt dann Weltanschauung oder Idealismus oder idealistische Weltanschauung.”

Aus einem Brief an Hermann Kesten vom 23. August 1947. Abgedruckt in: Irmgard Keun: Wenn alle gut wären. Hrsg. v. W. Unger. DTV 1992.
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