Zwei Begegnungen mit Jacob Taubes

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Zufällig las ich heute in zwei Büchern über Begegnungen mit Jacob Taubes und finde, die beiden Beobachtungen sind es wert, hintereinander wiedergegeben zu werden.

Die erste Beschreibung stammt aus dem für alle Leseirren überaus anregenden Buch von Ulrich Raulff: “Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens“. Besonders hinweisen möchte ich dabei auf das Kapitel “Bibliothek als Biotop”, eine einzige Liebeserklärung an jene Stätte, wo die meisten, die ich kenne, gern sind oder gern sein möchten. Zitieren will ich aber aus einem anderen Abschnitt, jenem, in dem es um die Vorlesungen etlicher großer Denker geht, bei denen Raulff, der unter anderem Deleuze und Foucault ins Deutsche übersetzt hat, zugegen war. Und unter anderem auch bei jenen von Jacob Taubes:

jacob_taubes_1985“Taubes war ein Meister der Phrasierung. Wie er nachlässig einsetzte und seine Themen anspielte, wie er Läufe anlegte, Pausen, Brüche und Wiederholungen, das war Jazz. Nie zuvor hatte ich ein derartiges rhetorisches Ereignis erlebt wie diesen seltsamen Mann, in dem, wenn er zu sprechen begann, die jahrhundertealte Redekunst der Rabbinen, von denen er abstammte, zum Leben zu erwachen schien. Seine Sätze, allesamt druckreif, mochten sich über endlose Minuten hinweg entwickeln, am Ende erreichten sie doch, über enorme Ketten von Nebensätzen, Einschüben, Schikanen und Verzweiflungen, unfehlbar den Zielpunkt des passenden Verbs. Bekanntlich gleicht der deutsche Satz einem jener endlosen nächtlichen Güterzüge, die von einer einsamen Lokomotive an ihrem äußersten Ende geschoben oder gezogen werden. Wenn Taubes sprach, wurden seine Sätze von Mal zu Mal länger, das Ziehen und Schieben in ihnen erreichte ein ganz wunderbares und wahnsinniges, ganz kleistisches Unmaß, während seine Hörer, wofern sie nicht beizeiten ausgestiegen oder irre geworden waren, gebannt den Augenblick erwarteten, in dem der Zug wider alle Wahrscheinlichkeit doch noch sein Verb, seine Lok, seinen ultimativen Beweger finden würde. Im selben Maß, in dem man Taubes lauschte, begriff man, wo die wirklichen Gefahren des Geistes lauerten: nicht in den Schriften irgendeines radikalen Denkers, sondern in den abgründigen, immer vom Absturz gefährdeten Strukturen des deutschen Satzes.”

Der Halbsatz “seine Hörer, wofern sie nicht beizeiten ausgestiegen oder irre geworden waren” sollte beim Lesen der nächsten Beobachtung, die von Richard Faber in “Politische Dämonologie. Uber modernen Marcionismus” wiedergegeben wird, nach Möglichkeit präsent bleiben:

„Es gehört zu meinen lebhaftesten und bleibendsten Erinnerungen an ihn, wie er .damals’ auf das von ihm gehaßteste Buch zu sprechen kam – auf dem er pantomimisch auch herumtrampelte: Arnold Gehlens „Urmensch und Spätkultur” – und dann auf das geliebteste, die Auerbachsche „Mimesis”, die er in beide Arme nahm, um kosend mit ihr zu tanzen, als wäre sie eine ostjüdische Thorarolle. Ich übertreibe nicht.”

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