Inquisitoren dank Machtverzicht

Monat_Orwell240Eigentlich suchte und fand ich im “Monat” etwas ganz Anderes, dabei ist mir aber dieser Satz von Orwell, welcher in einem Nachruf von François Bondy zitiert wurde, über den Weg gelaufen, und ich denke, das sollte er auch bei anderen tun:

„Es gibt Menschen, die überzeugt sind, daß Armeen und Polizei immer ein Übel sind, aber die dennoch viel unduldsamer und inquisitorenhafter denken als der Durchschnittsmensch, der glaubt, daß es gelegentlich nötig ist, Gewalt anzuwenden. Diese Leute werden einem nicht sagen: ,Tu dies und das, oder du kommst ins Gefängnis’, aber sie werden, wenn sie es können, in sein Hirn kriechen und seine Gedanken für ihn bis in die kleinsten Einzelheiten bestimmen. Überzeugungen wie der Pazifismus und der Anarchismus, die auf den ersten Blick wie ein restloser Verzicht auf Macht wirken, ermutigen eher diese Geistesart, denn, wenn du eine Überzeugung errungen hast, die frei vom Schmutz der normalen Politik scheint — ein Glaube, von dem du selbst keinen materiellen Nutzen erwarten kannst —, so beweist das doch bestimmt, daß du recht hast? Und je mehr du recht hast, um so natürlicher, daß alle andern dazu gedrängt werden müssen, haargenau so zu denken wie du.”

Aus: Lear, Tolstoi und der Narr. In: Rache ist sauer. Erzählungen und Essays. Darin stellt Orwell die These auf, dass es Tolstoi und König Lear an jener Bescheidenheit fehle, die Voraussetzung für die wahre Einsicht in die Psychologie der Macht sei; ihre kompromißlos-puritanische Strenge sei im Grund nur eine Flucht ins Nichts, vor der jeder normale und gesunde Mensch zurückschrecken müsse. Das hat was, denk ich mir an diesem Nachmittag in der AK-Bibliothek, als die Sonne endlich zu blenden aufgehört hat.

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