Ein unbescholtener lutherischer Gelehrter

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Ich denke, es sollte seiner gedacht werden, des Hermann Samuel Reimarus, welcher jahrzehntelang im Verborgenen an einer radikalen Bibel- und Dogmenkritik arbeitete, die nach seinem Tod  von Gottfried Ebrahim Lessing fragmentarisch herausgegeben wurde, was umgehend zum heftigen Fragmenten­streit führte;  die einen David Friedrich Strauß für sein Leben Jesu kritisch betrachtet anregte und auf die sich noch Albert Schweitzer in seiner Geschichte der Leben-Jesu-Forschung bezog.

Heute vor 320 Jahren ist Reimarus geboren worden.

Antifragmente“Parallel zu dieser offiziellen Biographie des Hermann Samuel Reimarus wird ab den 1730er jahren ein bibelkritisches, von Reimarus stets sorgfaltig verborgenes Interesse greifbar. Über gut dreißig Jahre hin lässt sich Reimarus’ geheime Ausarbeitung der späteren “Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes” nachweisen. Sie begann in den 30er Jahren mit einem groß angelegten Gliederungsentwurf und fragmentarisch erhaltenen Vorarbeiten, weitete sich in den 50er jahren zu einer ebenfalls fragmentarisch greifbaren zweiten Fassung aus und näherte sich schließlich während der 1760er jahre der heute bekannten Endfassung der “Apologie” an. Aus den 30er jahren erhalten sind ferner zwei pseudonyme Rezensionen zur Wertheimer Bibel und aus den 40ern ein Fragment, in dem sich Reimarus mit Johann Konrad Dippels Kritik der Versöhnungslehre befasst. Hier zeigt sich in Umrissen das große kritische Werk, an dem Reimarus über dreißig jahre insgeheim gearbeitet hat. Die Öffentlichkeit erfuhr von diesem Werk nichts, nur einem kleinen Kreis sehr guter Freunde gewährte Reimarus Einblick in seine “Apologie”. Er starb am 1. März 1768 in Hamburg als unbescholtener lutherischer Gelehrter und Rektor des Akademischen Gymnasiums, ohne dass je ein Wort über das geheime kritische Werk aus seinem Mund in die Öffentlichkeit gedrungen wäre.” (aus: Dietrich Klein: Hermann Samuel Reimarus)

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