Die eine Welt der Vielen und die vielen Welten des Einen

doderercover240Heute beim Bücherflohmarkt einer Freundin habe ich natürlich nach Lust und Laune herumgeschmökert und unter anderem das gefunden:

“Vor etwa zwei Jahren mag das gewesen sein, in einer von Freunden der Literatur, nicht bloß von Buchkäufern frequentierten Buchhandlung in der Wollzeile zu Wien, wo ein Bekannter mich, als wie einen Experten, fragte, worin denn die von ihm wie von anderen Lesern mehr gefühlte als klar erkannte Bedeutung Heimito von Doderers eigentlich bestehe. Ich, durchaus kein Experte, sondern eben so bloß ein Liebhaber, holte also aus weit überfragtem Verstande einige Argumente herbei.”

So beginnt Herbert Eisenreich sein Vorwort zu “Wege und Umwege”, einer Sammlung von Ausschnitten aus Romanen Doderers. Und er schreibt unter anderem:

“Viele Schriftsteller, selbst sehr be­achtliche, leben literarisch in der Einschicht : Giono unter seinen Bauern, Monique Saint-Helier in den Ru­inen der Aristokratie, Hemingway im Krieg, beziehungs­weise in dessen zivilisatorischen Surrogaten, Herzma­novsky-Orlando in einem mystischen Biedermeier, Mauriac in jenem Winkel des Sündenpfuhls, in den ge­rade noch ein blasser Strahl der Gnade hereinbricht … Doderers Werk begreift viele Welten in sich; es spannt den Bogen vom Prinzen bis zum Bohemien, vom Bank­haus bis zum Stundenhotel, vom Tennisplatz bis zur blutigen Revolte, vom Kinderglück bis zur fundamen­talen Fremdheit der Geschlechter, von der Kaffeehaus­tratscherei bis zur Geschichtsdeutung, von Naturalis­mus und Psychologie bis zum Surrealen und zur Vision, vom Skurrilen bis zur nackten Tragik.”

Ursprünglich sollte das Vorwort übrigens A.C. Kiehtreiber aka A.P.Gütersloh schreiben, dem war Doderer aber nach Jahrzehnten eines freundschaftlichen Lehrer-Schüler-Verhältnisses schon recht zuwider geworden, nicht zuletzt wegen der literarischen Erfolge des jüngeren Doderers. Offiziell begründete Gütersloh seine Absage das Vorwort zu schreiben mit der Arbeit an seinem Roman “Sonne und Mond”. Dieser wurde zwei Jahre nach Erscheinen dieses Doderer-Kompilats veröffentlicht und Doderer erkannte sich darin in der Figur des “Ariovist von Wissendrum” böse karikiert wieder:

“Herr von Wissendrum, wann immer angetroffen und womit immer berührt, läßt so­fort einen dichten und disziplinierten Reigen von außerordentlich richtigen, oft auch sehr schönen Gedanken auftanzen, zu dem der Tschinellenklang seiner Stimme die erregende barbarische Musik macht. Nach dieser Musik schwingt er seinen häßlichen Körper wie den Schellenbaum hin und her […] Dem Mann ist es wirklich Ernst mit dem Ernste, er ist wirklich ergriffen. Allerdings – und das ist der Pferdefuß seiner Me­taphysik – von sich selbst.”

Die Begeisterung über diese Charakterisierung hielt sich bei Heimito von Doderer in Grenzen. In einer Tagebuchnotiz ließ er aus seinem Adelsdünkel heraus den “bürgerlichen” Literaten und Maler Gütersloh tief fallen, in eine “proletarische” Gesinnung sozusagen:

„Der Proletarier ist seiner Natur nach Kapitalist. Er übersieht keine kleinste Staffel zu seinem Vorteil, der für ihn natürlich immer den Nachteil des anderen bedeutet. (Deshalb citiert etwa A. P. Gütersloh mich niemals in „Sonne und Mond”, wenngleich er von mir geschaffene Ausdrücke gebraucht – und ich ihn fast in jedem meiner Bücher unter irgendeinem Vorwand nenne). (Commentarii 1963, 31. Jänner)“

und wenig später schließt der gekränkte Autor ab:

“Eine Revision – eine vor allem auch rückblickende – meines gesammten Verhältnisses zu G. wird notwendig sein, wenn sie auch nur begrenzte Ergebnisse liefern kann.”

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