Von der Pflicht zum Zeremoniell

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papstfuessekuessen

“In Bologna wurden antike Kulissen aufgerichtet. Zwanzig Kardinäle und 400 päpstliche Wachen empfingen im Dezember 1529 den Kaiser Karl V., als er die Stadtgrenzen Bolognas erreichte. Der Kaiser seinerseits hatte Leibwachen, Reiter und Träger mitgebracht, die den Baldachin hielten, unter dem er in voller Rüstung und mit Zepter in der Hand saß.”(1) 

“Als der Kaiser an der Porta San Felice ankam, da ward ihm unser Herr am Kreuz furgehalten, den küßte er, darauf ward ausgeworfen Münz, viel Geld, eitel Dukaten und Kronen und Doppeldukaten; dies Werfen währet länger denn ein halbe Stund mit eitel Gold; nachmals in der ganzen Stadt warf man Geld aus, eitel Münz, auch etlich Kronen in Gold, daß man schätzt, bis in 3000 Dukaten sei ausgeworfen worden. Als dann der Kaiser auf dem Platze vor der Kirche S. Petronio ankam, ging er unter einem goldenen Baldachin auf die vor der Kirche errichtete Tribüne, auf der ihn der Papst, umgeben von 25 Kardinälen, erwartete, fiel vor dem Papst auf beide Knie und küßte ihm sein Füß, stand dann auf und küßte ihm die Hände und nachmals an die Backen, kniete dann wieder auf der rechten Seite des Papstes nieder und blieb in dieser Stellung, bis die andern Herrn alle dem Papste die Füß küßt haben. Darauf stand der Papst auf und küßte den Kaiser dreimal an sein Backen, bat auch den Kaiser,

“er solle es nit fur ubel haben, daß er ihm die Füß hat lassen kussen, es sei nicht sein Wille gewesen, aber die Ceremonien wöllen’s also haben, wann ein Kaiser die Kron holet”(2)

 ***

 “Was ist es, das Macht und Herrlichkeit [la gloria] so innig miteinander verbindet?” fragt Agamben in “Herrschaft und Herrlichkeit” S. 235 und setzt fort:

Theatrum Ceremoniale Historico-Politicum
Johann Christian Lünig, Theatrum Ceremoniale Historico-Politicum, 1720

“Wenn die Macht ihrem Wesen nach Tatkraft und Effizienz ist, weshalb müssen ihr ritualisierte Akklamationen und Lobpreisungen dargebracht werden, weshalb müssen sie überladene Kronen und Tiaren tragen, weshalb sich von einem umständlichen Zeremoniell und einem unabänderlichen Protokoll gängeln lassen – mit einem Wort, weshalb muss etwas, das in seinem Wesen Wirksamkeit und oikonomia ist, hieratisch in der Herrlichkeit erstarren?”

Diese Pflicht zum Zeremoniell, zur “Herrlichkeit”, könne aber nicht allein das Streben, den Untergebenen Ehrfurcht und Gehorsam einzuflößen, sein. Ebensowenig tauge die funktionale/soziologische Deutung, dass das Zeremoniell eine Art symbolischer Inszenierung der gesamten Gesellschaft sei, als Erklärung. Wie auch jene durchaus originelle der “spätbarocken Antiquare”, die im Zeremoniell eine Folge der Erbsünde sähen, die nicht nur die Ungleichheit hervorbrächte, sondern auch so etwas wie ein teatrum ceremoniale (siehe J.C.Lünig) geschaffen habe, in dem die Mächtigen die Zeichen ihrer Niedertracht zur Schau stellten.

In Wirklichkeit sei das Zeremoniell, die Darstellung der Herrlichkeit, deswegen nötig, weil dahinter – nichts sei. Der Thron der Herrschaft sei leer. 

Dies korrespondiert mit dem Ansatz Foucaults in “Die Regierung der Lebenden“, dass Manifestationen von (Regierungs-)Wahrheit, welche wesentlich Ausdruck von Herrschaft seien, vorwiegend dann notwendig wären, wenn die Wahrheit in Wirklichkeit keine ist.

 


(1) Uwe Birnstein: Toleranz und Scheiterhaufen: Das Leben des Michael Servet. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012   

(2) Agamben zitiert auf S. 235 Ernst Kantorowicz, Laudes Regiae S. 180, welcher dieses Zitat wiederum von Luther, Briefwechsel, S. 275f her hat.
Dort wird es mit dem oben wiedergegebenen zeitgenössischen Flugblatt verglichen, welches die Erzählung, die Luther von Michel v. Kaden übermittelt bekommen hat, bestätigt.

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