Von der Gefährlichkeit des “hätte”

“Das Gefährlichste war das Wort ‘hätte‘. Es bedurfte einer schmerzhaften Wachsamkeit, nicht ‘hätte‘ zu sagen. Ich ging einmal an zwei Frauen vorbei, die am Straßengraben saßen mit dem Rücken zu mir. Es war eine Großmutter mit ihrer erwachsenen Tochter; vielleicht spielten auch ein paar Kinder um sie herum. Ich hörte nur die Worte der Alten: ich habe dir doch immer gesagt, du hättest! -, und da heulte die Tochter auf wie ein todwundes Tier. Und wenn sich heute einer im Gespräch auf das Gebiet des ‘hätte‘ zu verirren droht, ermahnt ihn der andere sofort mit scharfen oder bittenden Worten, davon aufzuhören; oder der Redende merkt es selbst und schließt ganz unvermittelt mit den Worten ab: Ach, das ist ja ganz gleichgültig.”

Nossack, Untergang

Im 1943 geschriebenen “Der Untergang” schildert Hans Erich Nossack nicht nur die Zerstörung Hamburgs, “sondern die einer ganzen Welt, die nicht wiedererstehen kann. In dieser Zerstörung ging für Nossack das alte Leben zu Ende. Er kam auf der anderen Seite des Abgrunds wieder zu sich, er schrieb(Aus d. Nachwort).”
In einem Brief an Hermann Kasack schreibt der Autor unmittelbar nach Fertigstellung des Berichts ähnlich wie in obigem Zitat aus dem Buch:

“Ich werde mich hüten, es jemand zu lesen zu geben. Nicht nur wegen der Intimität, sondern weil ich gar nicht beurteilen kann, ob es nicht schaden kann. Ich höre genau, wie vorsichtig die Menschen über das reden, was hinter ihnen liegt, und man muß diese Vorsicht achten. Man darf niemanden zwingen, sich umzudrehen; noch nicht, die Gefahr ist zu groß.”

Erschienen ist “Der Untergang” 1948 und erlebte bis in die 60er etliche Auflagen. Heute zählen der Autor und seine Werke eher zu den Vergessenen, siehe: »Zum Verzweifeln sind wir nicht ehrlich genug.«

 

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