Herr Foucault trifft Theologen

Der zweite Teil der Vorlesungen zur “Geschichte der Gouvernementalität” hatte “Die Geburt der Biopolitik” als Titel und Thema. In Wahrheit behandelte Michel Foucault aber sehr ausführlich den (Neo)liberalismus, weil dessen Verstehen seiner Meinung nach als allgemeine Funktionsweise zum Verständnis der “gouvernementalen Vernunft” unumgänglich wäre. Somit war diese Vorlesung nach seinen eigenen Worten eine zu ausführlich geratene Einleitung zur Biopolitik geworden. Mit Recht konnten die HörerInnen von der folgenden Vorlesung eine Fortsetzung der “Biopolitik” erwarten. Und sie staunten nicht schlecht, als sie stattdessen mit eingehenden Erörterungen von spätantiken christlichen Schriftstellern, sowie einer erneuten Diskussion von Sophokles’ “Ödipus” konfrontiert wurden. Dazu gibt es eine Vorgeschichte.

“Der Umständlichkeit des Betriebs der Bibliothèque Nationale überdrüssig, entschließt er [d.i. Foucault] sich ab Sommer 1979 nunmehr die Bibliotèque du Saulchoir der Dominikaner, rue de la Glacierè im 13. Arrondissement, aufzusuchen. Dort befinden sich in einem kleinen Lesesaal, der auf einen hübschen Garten im Innenhof zeigt, frei zugänglich die großen Reihen klassischer und patristischer Texte, die er für die Abfassung seines [geplanten] Buches benötigte. Er verbrachte dort ganze Tage, immer am gleichen Tisch nahe dem Fenster sitzend.
Foucault begnügte sich nicht damit, die Kirchenväter zu lesen. Er suchte auch das Gespräch mit Spezialisten für Religionsgeschichte und -philosophie, um seine Sichtweise mit der ihren zu konfrontieren.”(1)

Ein junger Jesuit, James Bernauer, der gerade an einer Dissertation über “The Thinking of History in the Archeology of Michel Foucault” arbeitete, vermittelte ein Treffen mit Theologen. Dieses fand am 6. März 1980 am Sitz der Jesuiten, 42 rue de Grenelle, statt. Bernauer hatte einige Tage zuvor den Theologen (bis auf einen alles Jesuiten) einen Text zur Verfügung gestellt, in dem er kurz die in der Vorlesung behandelten Autoren und Themen darlegte:

“Vielen unter seinen Hörern müssen die Vorlesungen, die Foucault dieses Jahr von Januar bis März hielt, vorgekommen sein, als seien sie von jemand anderem geschrieben worden. Die Mitwirkenden waren sicher neu: Philo von Alexandria, Hermas, Justinian, Tertullian, Hippolyt, Cyprian, Origines, Hieronymus, Cassian. Dies waren keine Gestalten, mit denen Foucault identifiziert wurde […] Denken und Praxis wurden ständig in seiner Vorlesung vorgestellt und seine Fragen an sie spiegeln seine gegenwärtige Beschäftigung mit der Theologie im Allgemeinen und der pastoralen Theologie im Besonderen wider.”(2)

Foucault stellte als erste Frage die nach den Ursprüngen des Begriffs des debitum [coniungale], der Verpflichtung von Ehegatten, den Geschlechtsverkehr zuzulassen. Entgegen der Meinung eines der Anwesenden bezweifelte Foucault, dass sie aus dem kanonischen Recht hervorgeht. Er sprach auch über Tertullian, Cassian und andere in der Vorlesung untersuchte Autoren. Nach den Erinnerungen Bernauers sei der Austausch der Einschätzungen zwar offen und herzlich gewesen, doch habe er das Gefühl gehabt, dass

“die Theologen Foucaults Sichtweise dieser Themen dennoch einigermaßen absichtlich nicht wirklich verstanden.”(3)

Männer in Harware StoreDie Begegnung zwischen Foucault und den Jesuiten dürfte in etwa so verlaufen sein, als ob er, der mit freiem Auge als Intellektueller zu identifizieren war, in einer Eisenhandlung mit den Verkäufern und den anwesenden männlichen Kunden über seine Vorstellungen zur Funktionsweise etlicher Werkzeuge und zur Gestaltung irgendwelcher Konstruktionen zu diskutieren versuchte. Wobei es da möglicherweise zwar lauter zugegangen wäre als bei den Kirchenmännern, doch ohne vorgetäuschtes Missverstehen.

 

 


(1), (2), (3) Foucault, Regierung der Lebenden S. 451, und Anm. 81

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