Es ist die Wahrheit, die erstarren lässt – Foucault zu Wissen und Terror.

“Nicht weil die Regierten nicht wissen, was vor sich geht, oder nicht weil einige von ihnen wissen, aber die anderen nicht wissen, sondern im Gegenteil, gerade weil und insofern sie wissen, insofern die Evidenz dessen, was vor sich geht, tatsächlich jedermann bewusst ist, genau insofern bewegen sich die Dinge nicht”

Damit referiert Foucault in “Die Regierung der Lebenden” die Definition des “Sozialistischen Systems” durch Solschenyzin. Dies im Unterschied zur Einschätzung von Rosa Luxemburg, welche das Wissen als Bedingung zur sozialen Revolution sieht:

“Wenn jedermann wüsste, würde sich die kapitalistische Ordnung keine vierundzwanzig Stunden halten.”

In der heutigen kapitalistischen Gesellschaft scheint eher das Modell Solschenyzin zum Tragen zu kommen: im Grunde wissen wir bereits alles, was die Leaks-Plattformen veröffentlichen und wofür Whistleblowers ins Gefängnis oder ins Exil gehen. Auch der gerade heute aktuelle Luxemburg-Leak widerlegt Rosa Luxemburg, denn er bietet im Kern nur allgemeines oder zumindest stark vermutetes Wissen: Dass in postdemokratischer (oder wie auch immer zu nennender) Verfasstheit der Regierungssysteme die Entscheidungsträger von Wirtschaft und Politik in enger Verschränkung die Modelle erstellen, welche die Ausplünderung der Länder und ihrer BewohnerInnen auf stillem Wege gewährleisten. Niemand, der nur kurz nachdenkt, wird daran zweifeln, dass der langjährige Ministerpräsident eines Landes, welches eine der ersten Adressen zur Steuervermeidung für international tätige Konzerne ist, ein maßgeblich Beteiligter war an diesen legalen Verbrechensmodellen. Ob der nun zurücktritt von seinem nunmehrigen EU-Kommissionschefsposten oder nicht, ändert an diesem Wissen nichts: “ insofern die Evidenz dessen, was vor sich geht, tatsächlich jedermann bewusst ist, genau insofern bewegen sich die Dinge nicht” Nach diesem Satz kommt Foucault zu der entscheidenden Stelle, auf die ich hinaus will:

“Das ist genau das Prinzip des Terrors. Der Terror ist keine Regierungskunst, die ihre Ziele, ihre Motive und ihre Mechanismen geheim hält. Der Terror ist exakt die Gouvernementalität in nacktem Zustand, in zynischem Zustand, in obszönem Zustand. Innerhalb des Terrors ist es die Wahrheit und nicht die Lüge, die lähmt. Es ist die Wahrheit, die erstarren lässt, es ist die Wahrheit, die sich durch ihre Evidenz, durch diese überall zum Ausdruck kommende Evidenz, unangreifbar und unvermeidlich macht.”

Ehe die Stimmung ob der Unabänderlichkeiten ins Novembrische kippt, sei daran erinnert, dass die sowjetischen Dissidenten keineswegs erstarrt sind, sowie ein damals junger Mann in einem anderen Land zum Thema etwas zu sagen hatte:


Die Zitate  stammen aus der  Vorlesung Foucaults am Collège de France vom 9. Januar 1980. Diese Vorlesungsreihe, welche an die Gouvernementalitätsvorlesungen anschließt, führt bis März 1980 und erschien in Frankreich unter dem Titel: “Du Gouvernement des vivants”. Zum Luxemburg-Leak siehe Hashtag #LuxLeaks (Twitter) und Facebook). Das Rosa-Luxemburg-Zitat konnte nicht gefunden werden. Die Ironie, dass das eine Luxemburg die andere Luxemburg widerlegt, ist unbeabsichtigt.

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