Über den Besitz von Wahrheit und proaktives Verstummen

Gerd Lüdemann zitiert in “Die Auferstehung Jesu. Historie, Erklärungen, Theologie” zustimmend Karl Jaspers und meint, in der Begegnung mit vielen Theologen in Universität und Kirche eine ähnliche Erfahrung gemacht zu haben:

“Zu den Schmerzen meines um Wahrheit bemühten Lebens gehört, daß in der Diskussion mit Theologen es an entscheidenden Punkten aufhört, sie verstummen, sprechen einen unverständlichen Satz, reden von etwas ande­rem, behaupten etwas bedingungslos, reden freundlich und gut zu, ohne wirklich vergegenwärtigt zu haben, was man vorher gesagt hat, – und haben wohl am Ende kein eigentliches Interesse. Denn einerseits fühlen sie sich in ihrer Wahrheit gewiß, erschreckend gewiß, andererseits scheint es sich für sie nicht zu lohnen um uns ihnen verstockt scheinende Menschen. Miteinan­der sprechen aber fordert Zuhören und wirkliche Antwort, verbietet das Schweigen oder das Ausweichen auf Fragen, fordert vor allem jede Glau­bensaussage, die doch in menschlicher Sprache vollzogen, auf Gegenstände gerichtet, eine Erschließung in der Welt ist, auch noch wieder in Frage stel­len und prüfen zu lassen, nicht nur äußerlich sondern auch innerlich. Wer im endgültigen Besitz der Wahrheit ist, kann nicht mehr mit dem andern richtig reden, – er bricht die echte Kommunikation ab zugunsten seines geglaubten Inhalts.“ (Karl Jaspers, Der Philosophische Glaube, 1948)

Otto Günther, Disputierende Theologen, 1876
Otto Günther, Disputierende Theologen, 1876

Ohne die von Jaspers kritisierte Haltung der Theologen relativieren zu wollen und noch ehe ich mich zu fragen beginne, was es denn für einen Sinn hätte, überhaupt mit Gläubigen zu diskutieren – noch dazu mit solchen, deren berufliche Existenz an ihrem Glauben hängt -, fällt mir auf, dass dieses Jaspersche und Lüdemannsche Gefühl mich schier ein Leben lang begleitet hat. Egal, ob im religiösen, politischen oder zwischenmenschlichen Bereich und mit unterschiedlichsten GesprächspartnerInnen bin ich immer wieder an einen Punkt angelangt, an dem das bislang eloquente Gegenüber mit einem unverständlichen Satz oder schweigend verstummt und sich mit seiner Glaubensgewissheit ummantelt. Schlimm genug, doch die heute dominante Gesprächsverweigerungspraxis ist noch ärgerlicher, nämlich als proaktives Verstummen mittels eines Schwalls von sinnlosen und ablenkenden Satzfolgen in der Absicht, den Anderen seinerseits zum erschöpften Schweigen zu bringen. Und leider, zumindest in meinem Fall, zumeist mit Erfolg.
Damit könnte die Umrandung dieses hübschen Zitats beendet sein, doch erinnere ich mich auch an Situationen, in denen ich den Part des mit absoluter Gewissheit Gesegneten inne hatte und Andere zum resignierten Schweigen brachte. Nicht meiner Argumente wegen, beileibe nicht.

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