Die Augen zu schließen ist nicht Besonnenheit, sondern Teil des Problems

Ich gebe es zu, ich hab ein Problem mit dem “Zivilgesellschaftlichen Aufruf zur Besonnenheit“.
aufrufzurbesonnenheitNatürlich bin ich mit dem (hoffentlich) Grundgedanken einverstanden, dass Hetze und Gewalttätigkeit gegen in Österreich lebende Menschen, weil sie Muslime sind, abzulehnen sind. Ebenso Diskriminierungen bei Arbeits- und Wohnungssuche u.a.
Wenn bei uns lebenden MuslimInnen für den Terror und die Morde der IS verantwortlich gemacht werden, ist das natürlich eine böswillige Unterstellung und dem muss entgegengetreten werden.

Doch der Aufruf schreibt nicht von den Taten der IS, sondern von “Gewaltideologien“, die “zu Gewalttaten aufrufen“. Dies werde “so sehr abgelehnt wie die “pauschale Verdächtigung oder Aburteilung von MuslimInnen”.
“Aburteilung”? Eine solche erfolgt bei uns entweder gerichtlich aufgrund von rechtsstaatlich legitimierten Anklagen und kann Gefängnisstrafe als auch Freispruch beinhalten. Gegen so etwas kann der Aufruf eigentlich nicht sein. Oder es ist eine illegale Aburteilungen (plus Vollstreckung?) gemeint, wie etwa Lynchjustiz. Es ist mir bislang nicht bekannt, dass so etwas in Österreich gegenüber MuslimInnen vorgekommen wäre. Auf alle Fälle ist dieses “Aburteilung” eine recht starke Formulierung für die hiesige Situation. Umgekehrt wird im Fall der IS eine schwächere Formulierung (Aufruf und nicht die Taten selber) verwendet. Sprachliches Ungeschick oder hintergründige Absicht?

Zurecht wird in dem Aufruf kritisiert, dass LehrerInnen verpflichtet seien, in “begründeten Verdachtsfällen Jihadismus-verdächtige Schüler” ihren Vorgesetzten zu melden. Nicht erwähnt wird, dass LehrerInnengewerkschaft, Elternvereine und Andere umgehend eine solche Schnellschuss-Maßnahme ablehnten:

“Nachhaltige Lösung statt Schnellschüsse”
Sabine Etl, Gruppentrainerin bei der Männerberatung und Lehrende am Universitätslehrgang “Muslime in Europa”, warnt davor, leichtfertig Schüler zu melden. Wichtiger sei es, die Beziehung mit dem Jugendlichen stets aufrechtzuerhalten, mit ihm in einen respektvollen Dialog zu treten und gegebenenfalls Experten hinzuzuziehen. Von der Politik fordert sie eine “nachhaltige Lösung statt Schnellschüsse”. Islamische Religionspädagogen müssten beispielsweise strukturell in den Schulverband integriert werden, um einen Austausch mit anderen Lehrern zu gewährleisten.

Wobei die Behauptung des Aufrufs, damit gehe eine Einschränkung der Religionsfreiheit einher, Unsinn ist. Außer es wäre damit gemeint, dass jihadistische Aktivitäten von Schülern legitimer Teil der Religionsausübung seien. Was ich nicht hoffe.
Weiters fehlt mir in diesem “Aufruf zur Besonnenheit”, in dem zwar von Atmosphäre der Panikmache und von Hysterie, sowie von Ausuferungen von Medien und Behörden, die das Gleichgewicht verlieren, die Rede ist, kein Wort aber darüber verloren wird, dass eine offene Diskussion von Säkularen und Religiösen über das Dispositiv Islam und den Grenzverlauf zwischen weltlicher Gewalt und spiritueller Religionsausübung durchaus notwendig ist.
So zu tun, als gäbe es kein Problem und es gäbe keinen Diskussionsbedarf, verhilft nicht wirklich zur Besonnenheit, sondern ist Teil des Problems.

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