Vom einzigen Witz im Neuen Testament

Bekanntlich war der selbsternannte Apostel Paulus von Tarsus sehr umtriebig unterwegs und tourte auch durch Kleinasien, wo er unter anderem bei einem keltischen Stamm, der seit Jahrhunderten in Galatia siedelte – einer Gegend um Ankara zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer – eine (Heiden)christengemeinde gründete. Dem Kompromiss des so genannten Apostelkonzils entsprechend durften diese dem Heidentum abgerungenen Christen weitgehend ihren bisherigen Gepflogenheiten leben und mussten sich vor allem nicht beschneiden lassen, um in die christliche Gemeinde aufgenommen zu werden. Eines Tages erschien allerdings eine Gruppe von Judenchristen bei den Galatern und versuchte jüdische Bräuche und eben die Beschneidung einzuführen. Das war ein direkter Bruch der Abmachung, denn Petrus, Jakobus und die Ihren sollten unter den Juden missionieren und Paulus unter den Heiden. Keiner sollte den anderen dreinpfuschen. Leicht verständlich also, dass Paulus, als er davon erfuhr, voll explodierte und den schärfsten von ihm überlieferten Brief an die Galater schrieb.   

Der Kirchenhistoriker Hans Campenhausen meint dazu in “Aus der Frühzeit des Christentums”, S. 102:

Es gibt bei Paulus m. E. nur eine einzige Stelle, wo er, zum höchsten Zorn gereizt, einen grausigen “Witz” macht; das ist Gal. 5, 12. Paulus empfiehlt den Beschneidungsaposteln eine noch gründlichere Verstümmelung, nämlich die “Verschneidung”:  1)

Sollen sie sich doch gleich verschneiden lassen, die euch aufhetzen! Gal 5, 12

Im Griechi­schen findet sich hier nicht, wie ausnahmsweise im Deutschen, ein Wortspiel; der Gedanke der “Steigerung” ergibt sich rein von der Sache her. So gesehen, handelt es sich aber um einen “blutigen” Witz. Mag die Zusammenstellung der Beschneidung mit der Ver­schneidung in einem juristischen Text auch einmal ernsthaft be­gegnen, hier handelt es sich natürlich nicht um eine Erörterung wirklich bestehender Möglichkeiten, sondern um einen gänzlich irrealen, höhnisch gereizten Wunsch – das Äußerste, was sich in dieser Richtung überhaupt wagen und sagen läßt. Die Vorkämp­fer des heiligsten Sakraments jüdischer Religion sind danach be­reits auf einem Wege, der bei dem in Israel von jeher verurteilten Greuel der Kastration endet; Paulus bezeichnet sie in ihrem Eifer für die Beschneidung gleichsam als halbe Kastraten. 

Wie Campenhausen weiters zurecht meint, sei dieser Witz keineswegs mit Humor zu verwechseln, Humor finde man in den Schriften der frühchristlichen Zeit nicht. Vielmehr fungieren solche Witze auch in der Zeit nach Paulus vor allem als Zuspitzung und Verächtlichmachung der Gegner in polemischen Auseinandersetzungen. Erst als es mit dem Mönchstum abgesicherte und abgeschlossene Gemeinschaften gab, war der Nährboden für Verschmitztheit, Ironie und Sarkasmus, kurz für humorvolle Anmerkungen bereitet. 
Damit ist aber nicht gesagt, dass es in der mit frühchristlichen Erscheinungsformen konfrontierten jüdischen oder “heidnischen” Bevölkerung nicht zu humorvollen Bemerkungen über die Auferstehungsprediger gekommen wäre. Im Gegenteil, dies ist als sicher anzunehmen, aber halt nicht überliefert.2) 

Eine andere Art von Humor lieferte später der nachmalige Kirchenvater Hieronymus, der seine langjährige Lebensgefährtin Paula als “Schwiegermutter Gottes” bezeichnete, als deren Tochter Nonne und somit “Braut Christi” geworden war. Ansonsten pflegte Hieronymus aber auch den eher blutigen Witz, gekoppelt mit Verleumdungen und Verwünschungen der jeweiligen Gegner.

Der Witz des Paulus  hat  in einem späteren Jahrhundert eine grotesk-tragische Spiegelung. Origines, der von der katholischen Kirche nicht sonderlich geliebte christliche Weise, war in seiner Jugend nur deshalb dem Martyrium entgangen, weil er sich genierte, nackt auf die Straße zu laufen und sich den Häschern auszuliefern (seine Mutter hatte ihm, um eben das zu verhindern, die Kleider versteckt). Zur Askese neigend, zog er aus den Zeilen im Matthäusevangelium Mts 19,12 “Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.” einen recht voreiligen Schluss und entmannte sich. Paulus hätte dies sicherlich nicht lustig gefunden.

 


1) Verschiedene Übersetzungen:
Diese Leute, die Unruhe bei euch stiften, sollen sich doch gleich entmannen lassen. Einheitsübersetzung.
Sollen sie sich doch gleich verschneiden lassen, die euch aufhetzen! Luther 1984
Meinetwegen können sie, die euch beunruhigen, sich auch verschneiden lassen. Elberfelder
O daß sie auch abgeschnitten würden, die euch verwirren! Schlachter 2000
Sollen doch jene Leute, die euch aufhetzen, so konsequent sein und sich nicht nur beschneiden, sondern auch gleich noch kastrieren lassen! – (Wörtlich: All die euch aufhetzen, ´aus der Gemeinde` herausgeschnitten werden / sich selbst ´aus der Gemeinde` herausschneiden. Vergleiche 5. Mose 23,2, wonach Selbstverstümmelung den Ausschluss aus dem Volk Gottes bedeutete: “Kein Entmannter oder Verschnittener soll in die Gemeinde des HERRN kommen” Neue Genfer Übersetzung
Wenn die Leute, die euch aufhetzen, schon so viel Wert aufs Beschneiden legen, dann sollen sie sich doch gleich kastrieren lassen! Gute Nachricht Bibel

 2)Ein schwacher Widerhall von Volkshumor ist vielleicht in der Apostelgeschichte 2,13 zu finden, wo am Pfingstmorgen angesichts des (von Lukas zur Xenoglossie stilisierten) glossolalischen Gestammels von Petrus und den Seinen von den Zuhörenden spitz angemerkt wird, dass da jemand schon am frühen Morgen betrunken zu sein scheint. Könnte aber sein, dass die aus der Diaspora nach Jerusalem gekommenen Juden bloß das Galiläisch der Apostel für Lallen hielten und auf diese Weise die “G’scherten” verspotteten.

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