Von den schweigenden Überlebenden 1945 ff

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Lange Zeit herrschte die Idee vor, dass die Uberlebenden geschwiegen hätten. Zu großen Teilen war das ein beruhigender Mythos. Die Schwierigkeit zuzuhören hatte sich in die Sprachlosigkeit der Zeitzeug_innen verwandelt, als hätte sich das Schweigen der Zeitgenossinnen auf die Überlebenden übertragen, gleichwohl diese seit Ausgang des Krieges versucht hatten, zu reden, zu schreiben und zu veröffentlichen. In der Zeit von Sommer 1945 bis Sommer 1948 wurde in Frankreich ein Buch pro Woche zu diesem Thema veröffentlicht: Die angebliche Sprachlosigkeit ist ein Mythos. Wie Simone Veil 1990 sagte: “Niemand wollte uns zuhören. Was wir sagten, war zu hart.” 1946 schien die Sache bekannt, man hatte “zu viel” über die Deportation gesprochen. Das Gefühl der Übersättigung, das unsere Zeit zu charakterisieren scheint, wirkte schon damals. Weit davon entfernt, eine nachweisbare Menge oder eine objektive Tatsache zu sein (“zu viele Bücher” etc.), ist dieses Gefühl vielmehr dem Objekt der Untersuchung selbst geschuldet, und zwar heute, wo die Shoah zu trivialen Überlegungen instrumentalisiert wird, in noch größerem Ausmaß.

Von Georges Bensoussan: Eine unvergleichbare Geschichte? in: Umstrittene Geschichte. Ansichten zum Holocaust unter Muslimen im internationalen Vergleich. Hrsg. v. Günther Jikeli u.a.

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