Soldaten holen die Bücher, stecken sie in die Hosen…

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1948, ich war ein junger Schnurz, bekam ich ein besonderes Stipendium der hebräischen Universität … Ich war in Jerusalem, das war die Zeit nach der Teilung der Stadt, wo die Bibliothek der Universität als Enklave oben war, unzugänglich. (…)
Also, es war mir das Problem des Gesetzes bei Descartes nicht klar, und ich erinnerte mich aus Studentenzeit … daß beim Schmitt in der Verfassungslehre es einen Exkurs über ,nomos’ gibt. Ich ging zur Bibliothek und füllte einen Zettel aus, mir per Eildienst, weil ich ja vortragen mußte, das Buch von Schmitt zu besorgen. Na, der guckt mich an, der Beamte, mit Genuß und Sadismus, ha, das dauert drei Monate bis so ‘n Zettel bearbeitet wird. Was heißt drei Monate? In drei Monaten ist doch das Semester vorbei, hilft mir doch nichts. Ich geh zum Oberbibliothekar und krieg’ dieselbe Antwort. Vornehmer, freundlicher, er erklärt mir, wie das ist: Soldaten fahren da in die Enklave, holen die Bücher, stecken sie in die Hosen, bringen sie runter, und so weiter. Nun gut, dann nicht. Kann ja nicht zaubern, und ich war resigniert.
Drei Wochen später, keine drei Wochen, krieg’ ich einen Anruf von der Bibliothek vom Oberbibliothekar: “Kommen Sie, das Buch ist da!” Ich hab’ nicht gefragt, warum, wieso, ich war froh, das Buch ist da. Ich bin also hingegangen, und damit mir der Kamm nicht schwillt, daß er etwa das Buch für mich geholt hat, erzählte er mir die Geschichte, was passiert ist. Ein Tag, nachdem ich den Eilantrag stellte, kam ein Anruf von dem Justizministerium, Pinchas Rosen (früher: Fritz Rosenblut), er braucht die Verfassungslehre, um an der Verfassung Israels, die es bis heute nicht gibt (und nicht geben wird, weil zwischen der Orthodoxie und den Säkularisten nicht eine Verfassungsformel zu finden ist), daran zu arbeiten. Ich war baff. Rosen hatte es schon in die Bibliothek zurückgeschickt, “Jetzt kannst du’s haben”. Ich war dankbar.

Aus Jacob Taubes: Die Politische Theologie des Paulus. S 133 ff. = Anhang „Die Geschichte Jacob Taubes – Carl Schmitt“.

 

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