Sprache, jenseits von Unschuld

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Im Jahr 1947 fand in Berlin der Erste Deutsche Schriftstellerkongress statt. ersterdeutscherschriftstellerkongress240Diese Zusammenkunft von in der Nazizeit verfolgten und geflüchteten SchriftstellerInnen und solchen der “Inneren Emigration” war auch eine von SchriftstellerInnen, die in der Ostzone das neue, antifaschistische und friedliche Deutschland erstehen sahen und solchen, die eine “westliche Demokratie” höher schätzten. Diese vier Gruppen erschienen in allerlei Variationen – exilierte, antikommunistisch (gewordene) SchriftstellerInnen auf der einen, SchriftstellerInnen der “Inneren Emigration”, die sich dem ostzonalen Aufbau zur Verfügung stellten, auf der anderen und vice versa: Exilierte unf Kommunisten Gewordene und Gebliebene, sowie durchgehend antikommunistische “Innere Emigranten”. Diese unterteilten sich wiederum in solche, die sich während der Nazijahre makellose verhalten hatten, aber dennoch selbstkritisch waren, wie Ricarda Huch und Elisabeth Langässer und Nazis bzw. Nazinahe, die schier bruchlos zu westdeutschen “Demokraten” geworden waren. Von diesen letzten gab es aber, soweit ich sehe, niemanden bei diesem Kongress. Anwesend war allerdings eine hochrangige Schriftstellerdelegation aus der UdSSR, aus den USA standen diesen keine AutorInnen auf diesem Level gegenüber. Nur ein über Nacht zum Gegenpart gewordener amerikanischer Journalist, welcher heftige Attacken wegen des sowjetischen Vorgehens gegenüber missliebigen Kunstschaffende in der UdSSR vortrug. Womit der Eklat perfekt war. Manche sprachen davon, dass mit diesem Beitrag von Melvin J. Lasky sowie den geharnischten Repliken von Valentin Katajew und Boris Gorbatow der Kalte Krieg begonnen hätte. Was faktisch unzutreffend ist, aber auf die ideologische Bedeutung dieses Kongresses hinweist.

Zu dem Kongress gibt es jede Menge an Literatur, die Originalprotokolle waren aber lange nicht verfügbar.Rehmancover1-240
1990/91 erhält die Schriftstellerin Ruth Rehmann Gelegenheit, diese Protokolle in einem gerade organisatorisch und personell zusammenbrechenden ostdeutschen Archiv einzusehen. Das Buch “Unterwegs in fremden Träumen: Begegnungen mit dem anderen Deutschland” ist das Ergebnis davon. Darin setzt sich Rehmann nicht nur mit den ProtagonistInnen des Kongresses sowohl in biographischer als auch in künstlerischer Hinsicht auseinander, sondern bringt auch die zwei Umbrüche, die sie erlebt hat, dazu in Beziehung: Sie war in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Berlin und auch 1989/90, als die DDR zusammenbrach und kurz darauf es zu einer scharfen Polemik zwischen West- und OstautorInnen über das Ende der DDR-Literatur kam. Gleichzeitig sah Rehmann, wie die DDR-Institutionen zerbröckelten und von Westbevollmächtigten oder von Vertretern ehemaliger Blockparteien im Handstreich übernommen wurden. Am Beispiel des Archivs, in dem sie Einsicht in die Protokolle nehmen konnte, sah sie den Verfall und den rücksichtslosen Umgang mit dieser Institution, fernab von inhaltlichen Erwägungen, sondern ausschließlich geleitet von den Bedürfnissen der ideologischen und ökonomischen Sieger.
Ruth Rehmann setzt sich mit all diesen Erscheinungen in der ihr eigenen behutsamen Weise auseinander und spürt vor allem der immer wieder verräterischen Sprache nach. Insofern ein zeitnahes und zeitloses Buch. Im folgenden langen Zitat hört sie dem Klang einer Rede Johannes R. Bechers nach:

“Um meinem Mißfallen auf die Spur zu kommen, lese ich noch einmal, langsamer, genauer, horche in Worte und Wendungen hinein, woher sie kommen, wohin sie wollen, wozu sie so und nicht anders geführt, kombiniert, betont sind.

Auffällig ist, daß es kaum ein Wort gibt, das nicht durch die Hinzufügung von Silben, Attributen, Genitiv-Konstruktionen gestützt, gefüllt, gesteigert wird: überdeutlich, übermächtig, überlebendig; eindrucksvoller Beweis, leidenschaftliche Entschiedenheit, schwindelerregende Erfolge, aufrichtiger Wille, unsagbare Verbrechen, unaussprechliche Leiden; Tiefe der Menschenseele, Schrecken der Vergangenheit, Geist der Wahrhaftigkeit. Es wimmelt von Redensarten: Einzig und allein, ein-für-allemal, nie-und-nimmermehr, darf und muß, Recht und Pflicht, Irren und Wirren, Sein oder Nichtsein. In Luthersprache wird Zeugnis abgelegt: etwas tut not, etwas ist erstanden, es werde, jemand wird sehend gemacht, an jemandem wird gefehlt, etwas wird in die Macht gegeben (…)

Rede_von_Johannes_R._Becher240Die Art, wie Worte zur gegenseitigen Stärkung gepfropft und gebündelt werden, verrät das verzweifelte Verlangen, ein in Auflösung begriffenes System zu reparieren, Löcher zu stopfen, fliehende Bedeutungen festzumachen, stürzende Werte aufzufangen, gelöste Halterungen neu zu verankern. Wenn Sartre recht hat, daß Dichter ein gestörtes Verhältnis zur Sprache haben, dann versucht hier einer der begabtesten, seine Sprachstörung, sein Mißtrauen gegen Worte und ihre Fähigkeit, Wahrheit zu transportieren, durch mehr Worte zu besiegen – große, hohe, bedeutungsträchtige Worte, die sich in der Häufung gespenstisch entwerten, bis nichts mehr übrig ist als blecherner Falschmünzenklang. Haben die Zuhörer damals sie auch so gehört? Die Kommentare sprechen von tiefer Ergriffenheit.
Vielleicht muß man Hitler, Goebbels, Rosenberg gehört und gelesen haben, um zu begreifen, daß das Reinhalten der Sprache, das die Emigranten sich vorgenommen hatten, als sie Deutschland verließen, nicht funktionieren konnte. Der Infekt saß schon drin. Die Sprache des Dritten Reiches, aus den gleichen Erschütterungen hervorgegangen, auf die gleiche Weise zerrüttet und unglaubwürdig geworden, brachte ähnliche Wucherungen hervor. (…) Was immer die Inhalte und Ziele unterscheidet, ob Wahrheit oder Lüge gewollt war – die Sprache war die gleiche, alte Schläuche, ungeeignet zum Transport neuer Wahrheit.

In diesem Sprachschleim ist meine Generation aufgewachsen, mit solchen Worten ist sie begeistert und belogen worden, und das Schlimmste: Wir haben sie selbst gesprochen, auch wenn wir über die Nazis schimpften, und geschrieben in Aufsätzen und Briefen, auch wenn es Liebesbriefe waren. Ich weiß das. Ich habe die alten Briefe vom Speicher heruntergeholt, gelesen, geschaudert. Es steckt überall drin, bläst auf, vergiftet, versaut. So heftig könnte ich mich vor der Sprache des toten Johannes R. Becher nicht ekeln, wenn nicht Selbstekel dabei wäre, und vielleicht hatte Elisabeth Langgässer recht, als sie in ihrer Rede sagte, die Dichter sollten zunächst einmal schweigen.
Aber das taten sie natürlich nicht.”

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