Können Bücher schädlich sein?

Share

Marie Jahoda geht in dem 1954 abgeschlossenen Forschungsbericht obiger Frage unter psychologischen Gesichtspunkten auf empirischer Grundlage nach, verweist aber zuvor auf Auffassungen von Aristoteles und Plato zum Thema, welches letztlich die Frage von Zensur oder nicht Zensur beinhaltet. Plato war hier sehr rigide:

“Sollen wir einfach zulassen, daß Kinder alle müßigen Geschichten hören, die müßigen Personen einfallen mögen, und Ideen in sich aufnehmen, die zum Großteil das genaue Gegenteil jener sind, die uns als für sie wünschenswert erscheinen, wenn sie erwachsen sind?”

erfahrunggegenschmutzundschundAuf diesem Level waren und blieben bekanntlich die Vorkämpfer gegen “Schmutz und Schund” hierzulande in den 50ern, denen es nicht einfiel, ihre Behauptungen über die schädliche Wirkung von “untergeistiger Lektüre” als Ursache für Jugendkriminalität empirisch zu untermauern. Jahoda weist in diesem Bericht nach, dass es da auch nichts zu untermauern gibt, unter anderem auch deswegen, weil kriminell gewordene Jugendliche diejenigen sind, die am wenigsten lesen und daher durch “unterwertige Lektüre” auch nicht negativ beeinflusst werden könnten.
Ist alles Schnee von gestern, auch das folgende Zitat eines Bostoner Bürgers, der 1810 (!) unter dem Pseudonym Nemo Nobody ins seiner Wochenschrift “Something” publizierte und das Romanlesen an sich schon für sittengefährdend hielt. Jahoda führt dieses Zitat in den Anmerkungen als Kuriosität an. Interessanterweise erinnert es in Diktion und Behauptungsgewalt ziemlich genau an den Tonfall jener Publikationen, die sich in den 50ern gegen die Welle von “Schmutz und Schund”, die angeblich über Österreich hereinbrach, stemmen zu müssen glaubten.

“Ein weit gefahrener junger Mann könnte sagen, zeigt mir irgendeine junge Frau, die beständig Romane liest, und ich werde sie verführen; und so grauenerregend die Aufgabe auch wäre, sie wäre rasch vollbracht. Man untersuche die allgemeinen Auffassungen sogar junger Männer, und man wird feststellen, daß Frauen, je mehr sie der Lektüre von Romanen verfallen sind, desto geringer in ihrer Sittsamkeit eingeschätzt werden; man untersuche die Meinung der Älteren, und man wird sehen, daß die also Verfallenen für unvernünftig gehalten werden. Eine Hingabe an das Lesen von Romanen läßt auf einen Geist schließen, dessen Leistungsfähigkeit vermindert ist und der sich mit Nichtigkeiten abgibt; diese Hingabe schwächt die Energien des Geistes, statt ihn zu fördern, und verleitet ihn dazu, sein Wesen an Phantome zu vergeuden, statt die wirklichen Dinge zu fördern”

Share

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.