… der Akt muß dem Verdächtigen nachfolgen, wo immer er sich befindet.

Franz Kain In Grodek kam der Abendstern

Franz Kain schildert in “In Grodek kam der Abendstern” die letzten Tage Georg Trakls, der als “Medikamenten-Akzessist” im 1. Weltkrieg eingezogen worden war, aus der Sicht seines “Pfeifendeckels” Mathias Roth.

“Der da die erste Meldung gemacht hat über den Schlappschwanz Trakl, was hat er gemeint? Hat er gemeint, es müsse dafür gesorgt werden, daß dieser konfuse Apotheker einer solchen für ihn geradezu tödlichen Situation nicht mehr ausgesetzt werden soll? Oder hat er nicht vielmehr gemeint, daß so ein Jammerlappen bestraft gehört, bevor er noch andere ansteckt mit seiner Mutlosigkeit?
Die Meldung ging an irgendeinen Stab, und die Angst Trakls vor einer Ausweitung der Angelegenheit bis zum Kriegsgericht war durchaus berechtigt. Wenn nämlich die Militärgerichtsbarkeit auch in die Verwaltung hinein ihre Fäden hat, um »russophile« Element unter der Bevölkerung ausfindig zu machen, um sie der Militärgerechtigkeit, also dem Erhängen an einem Baum zuzuführen, dann kann man sich vorstellen, daß das Interesse dieses Zweiges der K.u.K. Militärmaschinerie für Vorgänge innerhalb der Truppe noch größer gewesen ist. Der Akt Trakl begann also anzuwachsen und ein geheimnisvolles Eigenleben zu gewinnen, wie es eben Kaderakten eigen ist. Ist einmal ein solcher Akt angelegt, dann ist auch sein automatisches Wachstum schon vorprogrammiert. Wer mutlos vor dem Feind ist, der hat sicherlich auch andere Gebrechen. Und so ein Kaderakt hat eine große Speicherkraft. Da muß man doch ein wenig genauer hinschauen, wenn solche gefährlichen Anzeichen von Wehrkraftzersetzung vorliegen. Da muß man zunächst eine begleitende Obsorge einrichten und der Akt muß dem Verdächtigen nachfolgen, wo immer er sich befindet. Sollte einmal im Zuge ungeordneter Verhältnisse bei der Durchführung von Rückzügen und anderen Elementarereignissen an einem Ort, einem sicheren natürlich, dieses Leumundszeugnis liegen bleiben müssen oder vorausbefördert werden, dann müssen auf jeden Fall die Fäden zu dem Akt erhalten bleiben, wie ein Haarröhrchensystem, zur Ernährung des Ganzen, damit die Zufuhr, wenn auch sparsam, so doch auf alle Fälle weiterfließen kann. Die Beobachtung, die geheime Perlustrierung und die Auswertung neuer Ergebnisse muß also garantiert sein, denn so ein Feldzug, auch wenn er gelegentlich ungeordnet verläuft, hebt die Gerechtigkeit nicht auf. So ein dichtender Apotheker, ohnehin von vornherein verdächtig, muß natürlich auch in bezug auf seine Vor-Zeit durchleuchtet werden, denn so einer kann ja schon als ausgesprochener Zersetzer ins Heer gekommen sein.”

Siehe zu Georg Trakl im 1. Weltkrieg auch die Erzählung “Der Medikamentenakzessist. Erdachte Szenen aus einer Biographie” von Peter Schünemann. Von diesem stammt zum selben Thema auch “Tod in Krakau” – wahrscheinlich im Erzählband “Brief aus dem Meer”

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