Bis 150 Büchern genügt ein Heft mit steifem Einband

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Sammeln Sie Bücher oder Ziegelsteine?
Eine Hausbibliothek braucht Liebe

Es soll Leute geben, die hinter den leeren rot-goldenen Klassikerrücken ihrer Bücherbestände den einzigen Geist verbergen, den sie im Bücherschrank suchen – Kirschgeist etwa und Enziangeist. Diese Hottentotten wollen wir dem Suff überlassen, statt von ihnen zu reden. Dagegen wollen wir den wirklichen Bücherfreunden mit ein paar Ratschlägen zur Seite stehen:

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Bild-Telegraf, 21. Juli 1956, S. 8

Die Frage der Anordnung sollte einem Bücherkenner, der eben Bücher und nicht Ziegelsteine sammelt, kein Problem sein. Nur bei ganz ausgefallenen Formaten sollte die Größe eine Rolle spielen. Von Leuten, die ihre Bücher nach der Farbe (auch das gibt es!) oder nach dem Autorenalphabet zusammenstellen, wollen wir ebenfalls schweigen. Die einzig organische und intelligente Art des Arrangierens ist die nach Sachgruppen, wobei man eventuell den fremdsprachigen Texten, wenn es wenige sind, eine Gesamtgruppe zugesteht.
Wie man die Gruppen zusammenfaßt, ist mehr oder weniger Geschmacksache. Eine Art der Einteilung wäre folgende: Ausgesprochene Klassiker. Moderne Romane. Lyrik. Humor. Dramen. Wissenschaftliches (Geschichte, Geographie, Astronomie, Mathematik, Medizin etc.). Wörterbücher. Bildwerke. Zeitschriften (womöglich gebunden, zumindest aber geordnet). Ohne eine Gruppe “Verschiedenes”, in welcher man die diversen Einzelgänger zusammenfaßt, wird man allerdings kaum auskommen. 

Höchstes Gebot: Ordnung

Man kann sich aber auch an die Autoren selbst als an die verschiedenen Zentren halten und alle Werke, gleichgültig welcher Sparte sie angehören, zusammenreihen. Hier wird man gut daran tun, die Gruppen nach der Nationalität des Autors zu bilden: Österreicher, Deutsche, Franzosen, Amerikaner, Engländer, Russen etc.

Jemand, der seine Bücher schätzt, wird auch im Finstern – dies ist keine Übertreibung – jedes Buch zu finden wissen. Ordnung ist also eine Selbstverständlichkeit, kaum des Betonens wert. Lassen Sie lieber ihre Socken und Schals in der Wohnung umherliegen als ihre Bücher!

Ein Verzeichnis soll jederzeit einen genauen Überblick über Bestand und Anordnung der literarischen Schätze geben. Bis zu etwa 150 Büchern genügt ein Heft mit steifem Einband. Auf den ersten Seiten vermerkt man, daß die Klassiker etwa unter dem Fensterbrett, die Dramen im Regal der Türfüllung und die Lyriker im obersten Fach des Kastens zu finden sind. Die einzelnen Regale erhielten Nummern und werden nun auch im Heft unter diesen Namen angeführt.

Auf den übrigen Seiten verzeichnet man jedes einzelne Buch mit Autor, Verlag und Erscheinungsjahr. Und zwar führt man die Bücher in jener Reihenfolge an, in welcher sie auch im Schrank aufscheinen. Zwischen den Titeln muß genügendRaum freigelassen werden, um den literarischen Zuwachs an der richtigen Stelle einordnen zu können. Eine Numerierung der Bücher empfiehlt sich daher nur bei stagnierenden, nicht aber bei wachsenden Bibliotheken.

Kartei für gutmütige Bücherverleiher

Bei großen Bücherschätzen – wenn also die Zahl der Werke über 150 hinausgeht – könnte man zusätzlich zu dem Heftverzeichnis eine Kartei anlegen: Jedes einzelne Werk wird auf einer eigenen Karte verewigt
Da ist dann etwa: zu lesen:

Saint-Exupery, Antoino de, Flug nach Arras.
Bergmann-Fischer-Verlag, Stockholm, 1942, Gruppe 2.

Die Karteiblätter stehen in alphabetischer Ordnung in einem Kästchen.
Bei kleineren Bibliotheken bewährt sich eine solche Kartei für jene Menschen, die unvernünftigerweise zu den gutmütigen Bücherverleihern gehören und mit einem Griff feststellen wollen, wo beispielsweise “Der lachende Diplomat” schon seit sieben Monaten umherschwimmt.
Staub tut den Büchern bestimmt nicht gut, das Abstauben aber auch nicht. Bewahren Sie sie deshalb hinter Glas auf, nicht nur hinter Vorhängen oder gar an der freien Luft! Sie bringen sich dadurch zwar um einen architektonischen Effekt, doch ebenso um viel Trauer. Sonne bleicht die Einbände, Feuchtigkeit erzeugt Stockflecke, starke Ofenwärme biegt die Deckel nnd trocknet die Rücken ans.
Fällt ein schwerer Band zu Boden, kann dies sein Ende sein.
Bücher legt man nach der Lektüre niemals mit den Buchseiten nach unten auf den Tisch, sondern immer zugeklappt mit einem Lesezeichen.
Überlegen Sie, bevor Sie ein Buch kaufen, ob es die Mühe wert ist. Lesen Sie es womöglich, bevor Sie es anschaffen. Hat es nach einmaliger Lektüre seinen Zweck erfüllt, dann brauchen Sie ihm nicht nachzutrauern., es wäre schade ums Geld gewesen.


Hier das Original:

hausbibliothek520
Bild-Telegraf, 21. Juli 1956. S 8.
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