“… es gab auch solche, die fünf Mal ab­brannten.”

Als nach dem 1. WK etliche Weitra-Gemeinden aus dem Bezirk Gmünd der neu gebildeten Tschechoslowakei zugeteilt wurden, war die Begeisterung der Dorfbevölkerung, obwohl mehrheitlich tschechisch sprechend, eher gedämpft. Nicht nur weil sie nun durch eine Grenze von der Bezirkshauptstadt Gmünd abgeschnitten worden waren, sondern auch wegen des Verlustes finanzieller Unterstützungen, welche wegen des landwirtschaftlich wenig ergiebigen Moorbodens bislang von der niederösterreichischen Landesregierung aus geleistet worden war. Entsprechende Ansuchen an die nun zuständigen Behörden von České Velenice scheiterten am schlechten Tschechisch der Moorbauern und am Unwillen der Beamten. Doch die Bauern wussten sich zu helfen, wie Jan Mlynarik in “Fortgesetzte Vertreibung – Vorgänge im tschechischen Grenzgebiet 1945-1953” schildert:

Die am einfachsten zugänglichen Institutionen des neuen Staates waren die Versicherungen. Es handelte sich zwar um Privateinrichtungen, die Weitraer verstanden sie dennoch als Staatsorgane und regelten daher über sie ihre Rechnungen. Förderungen erhielten sie nicht, also mussten sie auf andere Weise zu Geld kommen. Plötzlich be­gann in den moorigen Ortschaften des Weitra-Gebietes ein massenhaf­tes Versichern, vor allem der Häuser, von Wirtschaftsgebäuden, von Stäl­len und Hühnerställen, Möbeln und überhaupt von allem, das irgendeinen Wert darstellte. Sie verschuldeten sich, um die Beiträge zah­len zu können, liehen sich wechselseitig voneinander die entsprechenden Summen – und dann begannen sie auf ihre Art zu handeln …
Zeitzeugen aus dem Weitra-Gebiet, welche die nachfolgenden Ereig­nisse als Kindheitserinnerungen bewahrten, weil sie sie entweder selbst gesehen hatten oder aus den Erzählungen ihrer Eltern kannten, haben brennende Häuser, Ställe, überhaupt alles, was nur brennen konnte -Wälder und sogar das Getreide auf den Feldern – bis heute vor ihren Au­gen. »In jedem Sommer brannte Gundschachen, nach und nach brannte das Dorf bis zu drei Mal ab«, so erinnert sich einer dieser Augenzeugen. Jede einzelne Familie aus dieser Moorgegend brannte während 20 Jah­ren mindestens zwei Mal völlig ab; es gab auch solche, die fünf Mal ab­brannten. In der Mehrzahl wurden diese Aktionen im Sommer veran­staltet, wenn die Bevölkerung auf den Feldern arbeitete, insbesondere zur Ernte- und Dreschzeit. Zu dieser Zeit waren auch die Feuerwehr­männer auf den Feldern; und bevor die Freiwilligengruppen mit ihrer pri­mitiven Technik handbetriebener Feuerlöschpumpen überhaupt an Ort und Stelle ankamen, gab es nichts mehr zu löschen, lediglich die umlie­genden Häuser, damit das Feuer nicht den ganzen Ort erfasste. So haben also die Weitraer nahezu 20 Jahre lang mit dem tschechoslowakischen Staat gekämpft. Man wusste, dass es sich um vorbereitete, bewusst gelegte Brände handelte, für die die Versicherungen hohe Versicherungsprämien auszahlen mussten, denn die Versicherungshöhe war überzogen.

In der Scheune wurden auf dem Leiterwagen Möbel, Federbetten, Kleidung, einfach alles, was irgendeinen Wert darstellte, aufgeladen. Mit dem Aus­brechen der Flammen rannten die Pferde los und führten das bewegliche Eigentum in den nahe gelegenen Wald oder in die Scheune des Nachbarn.

Der betreffende Versicherungsinspektor konnte bei dem ausgebrannten Häuschen nicht mehr feststellen, ob etwas übrig geblieben war, was die ursprüngliche Versicherungssumme geringer gemacht hätte. Es brannte einfach alles ab und aus, bei Holzhäuschen bis auf die Fundamente, ja selbst festes Mauerwerk wurde durch das Feuer zerstört, und so mussten die Versicherungen die volle Versicherungssumme auszahlen. Unmittel­bar danach begab sich die gesamte Verwandtschaft an die Arbeit. Sie begannen gemeinschaftlich mit dem Bau eines Hauses, das dann nach etlichen Tagen aus den Ruinen emporwuchs. Der Hausinhaber, der die Unterstützung seiner Nachbarn erhalten hatte, vergalt im Gegenzug mit seiner Hilfe jenem Nachbarn, der nach ihm abbrannte. Und so zog sich dies alles über die ganze Gemeinde hin, jedes Jahr, insbesondere im Früh­ling und im Sommer. Da konnte man es schon einmal eine Zeit lang ohne Dach über dem Kopf aushalten. In ungünstigen Zeiten brannte es auch zur Winterzeit, und die ausgebrannte Familie wurde entweder von der Verwandtschaft oder guten Nachbarn untergebracht. Die Versicherun­gen waren schier am Verzweifeln, sie erstatteten Anzeige, doch die Gen­darmen konnten nichts feststellen, denn die der Brandstiftung an den eigenen Häusern Verdächtigen hatten ein hundertprozentiges Alibi min­destens des halben Ortes. Weil die Einwohner der Moorortschaften wechselseitig verwandtschaftlich miteinander verbunden waren, sich mehrheitlich nur im eigenen Ort oder in der allernächsten Umgebung verheirateten – wovon leider eine überproportionale Debilität in der Be­völkerung zeugt -, wusste jeder von jedem etwas. Sie waren eben in eine Gemeinschaft eingebunden, die der Staatsapparat nicht aufbrechen konnte oder in die er etwa hätte eindringen können.

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