Gesucht wird ein junges Mädchen, Dora Bruder

Am 18. September 1942 – also heute vor 70 Jahren – verließen Dora Bruder und ihr Vater zusammen mit eintausend anderen Männern und Frauen das Lager Drancy in einem Transport nach Auschwitz. Dora hätte die Wahl gehabt, als Französin in ein anderes Lager transportiert zu werden. Doch sie wollte lieber bei ihrem Vater bleiben.

Am Samstag, dem 19. September, am Tag, nachdem man Dora und ihren Vater abtransportiert hatte, verhängten die Besatzungsbehörden als Vergeltungsmaßnahme für einen Anschlag, der im Kino Rex verübt worden war, eine Ausgangssperre. Niemand durfte zwischen drei Uhr nachmittags und dem nächsten Morgen das Haus verlassen. Die Stadt war ausgestorben, als wollte sie ein Zeichen für Doras Abwesenheit setzen.

Seither ist das Paris, in dem ich versucht habe, ihre Spur wiederzufinden, genauso ausgestorben und stumm geblieben wie an jenem Tag. Ich gehe durch die leeren Straßen. Für mich bleiben sie leer, selbst am Abend, in der Stoßzeit, wenn die Leute zu den Metroeingängen drängen. Ich kann nicht anders, als an sie zu denken und in bestimmten Vierteln ein Echo ihrer Gegenwart zu verspüren.

Neulich abend war es in der Nähe der Gare du Nord.

Nie werde ich erfahren, womit sie ihre Tage verbrachte, wo sie sich versteckte, in wessen Begleitung sie war während der Wintermonate ihrer ersten Flucht und in jenen wenigen Frühlingswochen, als sie von neuem weggelaufen ist. Das bleibt ihr Geheimnis. Ein armseliges und kostbares Geheimnis, das die Henker, die Verordnungen, die sogenannten Besatzungsbehörden, das Dépôt, die Kasernen, die Lager, die Geschichte, die Zeit – alles, was einen erniedrigt und zerstört – ihr nicht rauben konnten.

Die letzten Sätze aus Patrick Modiano: Dora Bruder

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