Als sich 93 BibliothekarInnen mit dem ÖGB anlegten

Vorspann des Artikels “Vor dem Abgrund” – “Solidarität” 1982/06

Monika Bargmann hat mir freundlicherweise den Abdruck (jpg) einer Protestresolution von Büchereibediensteten aus dem alternativen rundbrief Nr. 61 (1982) zugesandt, den sie im Wiener Stadt- und Landesarchiv gefunden hat.
Beim Lesen überrascht der wütende Tonfall von Angehörigen einer Berufsgruppe, denen man im Allgemeinen eher einen Hang zum Kontemplativen und Vermittelnden zuschreibt. Dies macht neugierig auf den Anlassfall, der sich in der damals “Österreichs größte Illustrierte” nennenden Gewerkschaftszeitung “Solidarität” abgespielt hat. Und der Artikel “Vor dem Abgrund” (PDF 2MB) hat es in der Tat in sich. Hier der Text aus dem alternativen Rundbrief:

93 Bibliothekarinnen und Bibliothekare der Wiener Städtischen Büchereien haben einen offenen Brief an die Redaktion der Gewerkschaftszeitung »Solidarität” unterzeichnet, in dem sie sich als Gewerkschaftsmitglieder gegen einen in der “Solidarität” 6/82 erschienen Artikel wenden, der den Unweltschutzgedanken diffamiert.

In dem Brief heißt es:

Als Gewerkschaftsmitglieder und somit Abonnenten der größten österreichischen Illustrierten SOLIDARITÄT verwehren wir uns gegen die Verantwortungslosigkeit der Solidarität.
In der Juni-Ausgabe finden wir den Artikel “Vor dem Abgrund”, gezeichnet von Günter Welser, der mit beispielloser Einseitigkeit und Intoleranz die allmähliche Heranbildung ökologischen Bewußtseins – auch innerhalb der Gewerkschaft – zu sabotieren trachtet. Unter anderem bezeichnet er all jene, die einem unbegrenzten Wirtschaftswachstum, unnötigem Energieverschleiß und der fortschreitenden Zerstörung der Natur kritisch gegenüber stehen, als fanatische und erzreaktionäre Unreife, die eine Verschwörung gegen unseren Wohlstand betreiben.
Ohne auf Welsers haarsträubende Logik und Geschichtsauslegung näher einzugehen, fragen wir uns, was die Redaktion der SOLIDARITÄT veranlaßt hat, eine neue Diskussion über die Umweltproblematik mit einem dermaßen unseriösen Beitrag zu eroffnen.
Die Unterzeichneten fordern daher die Redaktion der SOLIDARITÄT auf, ihrem moralischen Anspruch als offizielles Gewerkschaftsorgan gerecht zu werden und Hetzartikel dieser Art künftig nicht mehr abzudrucken.

Und hier ein paar Zitate aus dem Artikel (hervorgehoben von mir):

  • “Grüne” Parteien bilden sich, eine neue Erlösungslehre wird mit einem Glaubenseifer und einer Intoleranz sondergleichen vorgetragen.
  • dass das Gedankengut von Rousseau die wichtige ideologische Grundlage für die Schäferspiele des Rokoko ebenso wie für die Massaker der französischen Revolution 1789 abgegeben hat.
  • (Der deutsche Biologe) Haeckel würde sich wundern, dass seine Definition [“Ökologie”] zum Gehäuse einer erzreaktionären Weltanschauung geworden ist…
  • 1972 veröffentlichte der Club of Rome den Bericht “Grenzen des Wachstums”, dessen Rolle für den Ölpreisschock noch zu klären wäre.
  • Die Ökologen bieten die Schrumpfung der Großindustrie und, wie seinerzeit Pol Pot in Kambodscha, die Dezentralisierung von Siedlungen und Industriekomplexen an.
  • Österreich … das wegen seiner Ablehnung der Kernenergie noch immer von der halben Welt verspottet wird …

Den damaligen geistigen Zustand des ÖGB und die Mentalität ihrer Funktionäre – vier Jahre nach der erfolgreichen Volksabstimmung über das Atomkraftwerk Zwentendorf und zwei Jahre vor der Auseinandersetzung um die Hainburger Au – beschreibt Karl Csasny in seinem heute noch mit Gewinn zu lesenden Bericht “Meine Lehrjahre bei Bau-Holz. Erfahrungen in einer Gewerkschaftszentrale”.

Hat sich im ÖGB etwas geändert in diesen 30 Jahren?  Die Antwort darauf fällt nicht leicht. Apropos Antwort. Die Protestresolution wurde in der “Solidarität” nicht abgedruckt, in den folgenden Nummern fanden sich aber einige den Artikel kritisierenden Leserbriefe. Eine öffentliche und offene ÖGB-Diskussion über den scheinbaren Gegensatz von Ökologie und Ökonomie hat es aber nie gegeben. Doch es wurde neben anderen blinden Flecken im Auge des Gewerkschaftstankerstaifuns zunehmend zum  Thema durch die vielen Betriebsinitiativen, die – wie damals bei den Büchereien in den 80ern –  immer wieder entstanden und seit 1997 als Unabhängige GewerkschafterInnen österreichweit organisiert sind, deren VertreterInnen in vielen Gremien des ÖGB und der Kammer für Arbeiter und Angestellte arbeiten, in denen sie zwar viele tausende Mal von der SPÖ-Mehrheitsfraktion niedergestimmt wurden, etliche Anliegen aber Jahre später doch mehrheitfähig waren. Daher stellt sich auch nicht die Frage, ob Gewerkschaftsarbeit Sinn macht. Denn gerade die Krisenjahre zeigen, dass es Gewerkschaften braucht.  Allerdings braucht auch ÖGB-Oppositionspolitik nach wie vor einen etwas längeren Atem ;-)

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