Offener Brief der “IG-Autorinnen Autoren” zur “Aktion Besenrein” der Wiener Büchereien

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An Herrn Christian Oxonitsch
Amtsführender Stadtrat für Bildung, Jugend, Information und Sport
Wiener Rathaus
Büro der Geschäftsgruppe für Jugend, Bildung, Information und Sport

Offener Brief

Aktion Besenrein?

Die Büchereien Wien schmeißen die Hälfte ihrer Bücher ersatzlos weg

Mit Bestürzung haben wir erfahren, daß die Leitung der Büchereien Wien plant, den Medienbestand in ihren Büchereien radikal zu vermindern – wenn sie ihr Konzept konsequent umsetzt, von derzeit 1,5 Millionen auf 800.000 Medien. Daß als Grund dafür die zu geringen Büchereiflächen genannt werden, an die der Bestand anzupassen wäre, grenzt an blanken Zynismus. Auch eine weitere Begründung für diese Maßnahme, nämlich Platz zu schaffen für lesefördernde Maßnahmen, überzeugt nicht. Denn angesichts des in Wien ohnehin viel zu geringen Pro-Kopf-Anteils an Medien dürfte eine weitere Verminderung des Angebots die Leseförderung wohl eher behindern als forcieren. Und auch von Büchern befreite Regale ändern nichts an der Beengtheit in den bestehenden Büchereilokalen, die in vielen Fällen von vornherein nicht als Aufenthaltsorte sondern als Entlehnstellen konzipiert wurden.

Weiters ist zu befürchten, daß bei einer massiven Aussortierung von Büchern gerade solche Titel aus den Büchereien verschwinden werden, die nicht im Mainstream des Bestseller-Literaturgeschäfts liegen. Solche Werke also, für welche die Büchereien eine wichtige Institution zur Verbreitung unter nichtkommerziellen Gesichtspunkten darstellen. Das gilt besonders auch für den zukünftigen Bestand der Büchereien, wenn solche Werke unter dem Diktat der Quote überhaupt nicht mehr angekauft werden können. Es geht also bei der derzeitigen massenhaften Entfernung der Bücher aus den Büchereien Wien nicht um die Erneuerung von Beständen, es geht um die Verringerung des Angebots an Bezugsmöglichkeiten.

Statt weniger Bücher verlangen wir mehr und größere Büchereien, eine großzügige Förderung des Bibliothekswesens und ein Angebot, in dem auch literarische Nischen ihren Platz haben. Leseförderung und ein großes Medienangebot sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Und die direkteste und wirksamste Form der Leseförderung besteht immer noch in der Lese- bzw. Buchempfehlung, zu der gerade Bibliotheken, Bibliothekare und Bibliothekarinnen prädestiniert sind wie sonst nichts und niemand.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 28.4.2011

Geplante und bereits begonnene Bücherbestandsreduzierung in den einzelnen Filialen:

1160 Wien, Schuhmeierplatz 17: um 14.000 oder –58%
1220 Wien, Erzherzog-Karl-Straße 169: um 10.000 oder –57%
1130 Wien, Hofwiesengasse 48: um 20.000 oder –57%
1220 Wien, Schüttaustraße 39: um 8.000 oder –57%
1190 Wien, Heiligenstädter Straße 155: um 13.000 oder –54%
1210 Wien, Brünner Straße 36: um 22.000 oder –50%
1220 Wien, Siegesplatz 7: um 12.000 oder –47%
1190 Wien, Billrothstraße 32: um 19.000 oder –46%
1020 Wien, Zirkusgasse 3: um 22.000 oder –46%
1100 Wien, Hansson-Zentrum: um 10.000 oder –46%
1150 Wien, Schwendergasse 39-41: um 13.000 oder –45%
1170 Wien, Hormayrgasse 2: um 19.000 oder –44%
1150 Wien, Hütteldorfer Straße 81a: um 8.000 oder –43%
1030 Wien, Rabengasse 6: um 7.000 oder –43%
1200 Wien, Leystraße 53: um 8.000 oder –42%
1120 Wien, Am Schöpfwerk 29/7: um 12.000 oder –41%
1140 Wien, Linzer Straße 309: um 9.000 oder –41%
1180 Wien, Weimarer Straße 8: um 11.000 oder –39%
1100 Wien, Laxenburger Straße 90a: um 12.000 oder –38%
1020 Wien, Engerthstraße 197/5: um 12.000 oder –34%
1030 Wien, Fasangasse 35-37: um 6.000 oder –34%
1160 Wien, Rosa-Luxemburg-Gasse 4: um 8.000 oder –34%
1210 Wien, Brünner Straße 138: um 11.000 oder –34%
1050 Wien, Pannaschgasse 6: um 12.000 oder –30%
1230 Wien, Alt-Erlaa: um 10.000 oder –28%
1090 Wien, Simon-Denk-Gasse 4-6: um 4.000 oder –27%
1200 Wien, Pappenheimgasse 10-16: um 9.000 oder –24%
1140 Wien, Hütteldorfer Straße 130d: um 10.000 oder –24%
1210 Wien, Kürschnergasse 9: um 4.000 oder –22%
1110 Wien, Am Leberberg: um 6.000 oder –21%
1060 Wien, Gumpendorfer Straße 59-61: um 5.000 oder –14%
1100 Wien, Hasengasse 38: um 2.000 oder –13%

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