Aus der österreichischen Büchereienlandschaft

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1.

Die Organisator_innen der Kribibis haben für die nächste Tagung im Herbst 2012 ein Programm erstellt, betitelt mit “Auf der Leiter zum Bibliotheksparadies“:

Die Zustände im Österreichischen Bibliothekswesen sind alles andere als paradiesisch. Viele Leitern gälte es aufzustellen, um auch nur in die Nähe des Paradieses zu gelangen. Zwei solche Himmelsleitern sollen beim Seminar präsentiert werden: Das Vorarlberger Modell der Onleihe und der Südtiroler Weg zu einer blühenden Bibliothekslandschaft einschließlich der neuesten Errungenschaft – ein einheitlicher Leseausweis für das ganze Land (noch nicht ganz sicher).
Als Auftaktveranstaltung am Freitag haben wir uns eine Podiumsdiskussion vorgenommen, die die Frage erörtern soll, ob für Büchereien ein Literaturkanon als Grundlage der Bestandspolitik hilfreich wäre. Diese Diskussion kann am Samstagvormittag unter etwas anderen Vorzeichen weitergeführt bzw. auf die Auswirkungen der Büchereiförderung auf den Medienbestand und damit den Kultur- und Bildungsauftrag der Bibliotheken ausgedehnt werden.

2.

Die Ergebnisse der KRIBIBI-Umfrage zur Zufriedenheit mit der beruflichen Situation bei BibliotheksmitarbeiterInnen liegt nun vor: http://www.kribibi.at/umfrage2012.htm. Aus den eingegangenen Antworten läßt sich unter anderem herauslesen, dass die Ehrenamtlichkeit von den Betroffenen nicht als Feature im österreichischen Büchereienwesen, wo diese Form der Büchereiarbeit um die 80% ausmacht, angesehen wird, sondern als Bug: fast alle wünschen sich eine entsprechende Bezahlung ihrer Tätigkeit; was nachzuvollziehen ist. Weiters stellt sich nicht ganz überraschend der überaus hohe Frauenanteil heraus und die große Anzahl an Teilzeitbeschäftigten bei den Berufsbibliothekar_innen.

3.

Diskussion im Kulturausschuss des Parlaments. Der Geschäftsführer des Österreichischen Büchereiverbandes, Gerald Leitner, berichtet darüber:

Im Parlament wurde gestern die Situation der Öffentlichen Bibliotheken ausführlich diskutiert. Ich hatte die Möglichkeit, die Situation der Öffentlichen Bibliotheken darzustellen und Veränderungen einzufordern. Unser Bericht ist auf sehr gute Resonanz gestoßen, die Reaktionen der Ministerin und der Abgeordneten waren äußerst positiv. Einhellig ist man der Meinung, dass man die Position der Büchereien verbessern muss. Die Frau Ministerin betonte, dass dafür ein erhöhter finanzieller Mitteleinsatz notwendig sein wird. Die Abgeordneten versprachen unisono Unterstützung.

Näheres ist hier zu entnehmen, wo sich auch diese fast poetische Formulierung zur neuen Form der Büchereienförderung findet:

Die derzeitige Büchereiförderung, die mit Qualitätsstandards arbeitet, bewertete Leitner als “zartes Pflänzchen, das gepflegt werden muss”

4.

Offener Brief der Kribibis an die Abgeordneten zum österreichischen Nationalrat

Im Anschluss an die oben angesprochene Beratung im parlamentarischen Kulturausschuss verfassten die Koordinator_innen eine Stellungnahme:

Betreff: Öffentliche Büchereien und Wissenschaftliche
Bibliotheken gemeinsam regeln

Sehr geehrte Frau Abgeordnete! Sehr geehrter Herr Abgeordneter!
Für BibliothekarInnen ist es natürlich sehr erfreulich zu
lesen, dass am 21. Juni “die Frage der Zukunft des österreichischen Büchereiwesens” im Mittelpunkt einer aktuellen Aussprache im Kulturausschuss des Nationalrates stand – aber leider nur die Öffentlichen Büchereien. Da gibt es nämlich einen – “von Tisch und Bett” getrennten -Partner, den Bereich der Wissenschaftlichen Bibliotheken, und diese beiden strikt separierten Teile gehören unserer Meinung nach zusammengeführt, wie dies in Europa und international üblich ist.

In der Tat aber bedarf das österreichische öffentliche
Büchereiwesen besonderer Zuwendung, denn seine Situation ist extrem unerfreulich: “In nur 45% der Gemeinden gebe es ein Angebot an Öffentlichen Büchereien”, zitiert die APA Mag. Gerald Leitner, den Geschäftsführer des Büchereiverbandes Österreichs (BVÖ). Mehr als 80% dieser Büchereien werden ehrenamtlich betreut, die Öffnungszeiten sind daher entsprechend gering. 82% dieser Büchereien sind kleiner als 100m2, was auch nur kleine Bestände zulässt. Die vorwiegend ehrenamtliche Betreuung ist aber weder im Interesse der Bevölkerung, die einen Anspruch auf ordentliche Informations- und Literaturversorgung hat, noch ein Wunsch der unbezahlt arbeitenden MitarbeiterInnen. Wie die Antworten auf eine unlängst durchgeführte Befragung des Arbeitskreises kritischer
Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI / www.kribibi.at) ergaben, wünschen sich mehr als 90% der ehrenamtlich arbeitenden BibliothekarInnen an öffentlichen Büchereien einen bezahlten Arbeitsplatz in der Bibliothek. Die Mär von der Freiwilligkeit der Ehrenamtlichen lässt sich daher nicht länger aufrecht erhalten – die Ehrenamtlichen haben einfach keine andere Wahl!
Mit einer Politik der kleinen Schritte, wie sie
Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied im Sinn hat
(“Implementierung eines effizienten Steuerungssystems, Fördergesetz als Kofinanzierungsinstrument”) wird es also nicht getan sein. Das Bibliothekswesen muss als Ganzes betrachtet werden, ein gemeinsames Bibliothekengesetz muss u.a. klare Aufgabenbeschreibungen, Zuständigkeiten und Durchlässigkeit des Systems festschreiben. Dafür aber kann der BVÖ nicht alleiniger Gesprächspartner der Politik sein, der ja die Interessen nur der Träger der Öffentlichen Büchereien vertritt. Im Bereich der Wissenschaftlichen Bibliotheken wäre die Vereinigung österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare der geeignete Ansprechpartner. Der Arbeitskreis KRIBIBI ist die einzige Gruppe in Österreich, die beide Hälften des österreichischen Bibliothekswesens im Blickfeld hat und schon viele Jahre für deren Vereinigung eintritt.

In der Realität haben sich die Aufgabenbereiche von öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken längst angenähert; wissenschaftliche Bibliotheken haben sich geöffnet und führen Veranstaltungen durch, große öffentliche Büchereien haben sich Sachbuchbestände zugelegt, die denen der wissenschaftlichen Bibliotheken kaum mehr nachstehen (wie z.B. die vielen bei den Büchereien Wien entlehnenden StudentInnen beweisen). Und es gibt auch gemeinsame Ausbildungslehrgänge.

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, wir als VertreterInnen des Arbeitskreises KRIBIBI ersuchen Sie eindringlich, sich für eine große Lösung der Probleme des österreichischen Bibliothekswesens einzusetzen und allen kleinformatigen Reparaturversuchen eine Absage zu erteilen. Für vertiefende Informationen und einen Meinungsaustausch stehen wir natürlich gerne zur Verfügung

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