Können Consulter “allparteilich” sein?

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Im Bericht der Leitung der Büchereien über die erste Sitzung der Vorbereitungsgruppe wird auf die “Allparteilichkeit” des Consulters hingewiesen. Über diesen in der Alltagssprache ungebräuchlichen Begriff erfährt man via Google, dass er aus der Familientherapie stammt und auch in Mediationsverfahren verwendet wird. Gemeint ist eine erweiterte Neutralität, um eine besondere Anteilnahme und einen expliziten Einsatz für jeden und jeder Beteiligten herauszustreichen.

Die Adoption dieses Begriffs (siehe unten) durch die Consultingfirma Conecta für ihre Tätigkeit, zeugt von einiger Ambition und von einem großen Versprechen gegenüber ihren Kunden. Ihren Kunden? Gegenüber dem Kunden! Denn die Beratungsfirma wird von einem Teilnehmer des “Organisationsentwicklungsprozesses” engagiert, die anderen Teilnehmer sind in der Regel Untergebene des Auftraggebers und fungieren als Objekte eines Prozesses, in welchem neben Unternehmenszielen oft auch Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbeziehungen zur Diskussion stehen.

Ob am Ende die Beratungstätigkeit erfolgreich war, beurteilt in letzter Instanz der Auftraggeber, in unserem Fall der Magistrat bzw. eine seiner Instanzen. Diese Instanzen sind auch jene, die über weitere Verpflichtungen der Beratungsfirma in anderen Abteilungen entscheiden. Was aber für die einen, für das Leitungspersonal, als Erfolg angesehen wird, können die anderen, die Untergebenen, durchaus anders sehen, wie die Geschichte bisheriger Consultingabläufe bei den Büchereien zeigt.

Die Interessenslage der Firma ist also klar: im Zweifel für die Auftraggeber. Wenn sie behauptet, dass ihr Bewusstsein diesem knallharten Sein ein Schnippchen zu schlagen vermag, und sie “Allparteilichkeit” tatsächlich zu leben verstünde, dann ist Skepsis angebracht.

Skepsis auch deshalb, weil ihrem eigenen “philosophischen” Background gemäß jede menschliche Tätigkeit auf ein radikales marktwirtschaftliches Denken zurückgeführt wird. Danach gibt es einen Verhaltensmarkt , in dem sich der Mensch mit ökonomischer Rationalität bewegt und durch entsprechendes Verhalten das persönliche Konto füllt:

Jeder Mensch verhält sich immer und überall ökonomisch rational. Jeder führt Konten über Geben und Nehmen aller Interaktionspartner (sein eigenes und das der anderen)in seiner privaten, nicht konvertiblen Währung. (Fritz Simon/Conecta:Radikale Marktwirtschaft. Verhalten als Ware oder Wer handelt, der handelt. S.17)

Vom Background in den Vordergrund geholt: Der Berater wird nie aus den Augen verlieren, welches Verhalten sein persönliches Konto in durchaus konvertibler Währung füllt und welches es gefährdet.


Zum Begriff “Allparteilichkeit” und seiner Anwendung:

“Mediator … darf nicht in einer besonderen Nähebeziehung zu einer Partei stehen oder von einer Partei abhängig sein. (Knigge/Nourney/Böhm)

Neutralität und Allparteilichkeit
Eine ganz wesentliche Funktion von externen Beraterinnen in Veränderungs­prozessen ist es, internen Interessenspielen entgegenzuwirken. Auch wenn immer wieder versucht wird, Geheiminformationen zu lancieren, so stellt dies doch zumeist auch eine intensive Erwartung seitens der Klienten dar. Die systemische Organisationsberatung hat diesbezüglich den Begriff „Neutrali­tät” geprägt.
Nun ist Neutralität ein Begriff, der im Alltags-Sprachgebrauch sehr unterschiedliche Assoziationen auslöst. Ganz sicher hat er für uns in der Beratung nicht die Bedeutung von „Beliebigkeit”. Die beste Übersetzung von „Neutralität” ist für uns: „Keins von beiden” und bedeutet damit konkret zweierlei:
Um neben der ersten Bedeutung auch die zweite Bedeutung immer mitzufüh­ren, benutzen wir für „Neutralität” auch gerne den Begriff der „Allparteilichkeit”. Das „sowohl – als auch” könnte nun nahe legen, dass wir Allparteilichkeit als „Äquidistanz” zu Personen begreifen. Damit ist sein Sinn aber noch nicht erschöpft. Darüber hinaus geht es aus unserer Perspektive auch um die Neutralität gegenüber Ideen, Konzepten, Vorschlägen und Lösungen. Bera­terinnen sollten keiner Lösungsoption den Vorzug geben, sondern immer auf Vorteile und Kosten der je ins Auge gefassten Alternativen aufmerksam machen. Die Beraterposition ist ja immer die Position eines außenstehenden Dritten. Es geht darum, auch inhaltlich außenstehend zu bleiben. Wer die eigene Expertise einbringen will, greift damit möglicherweise manipulativ in die Entscheidungsprozesse der Klienten ein.
Der schwierigste Aspekt der Neutralität und des Umgangs mit ihr ist die Tatsache, dass Neutralität nicht postuliert oder einseitig erklärt werden kann. Neutralität ist eine Zuschreibung seitens jener, denen gegenüber man sich neutral erklärt. Insofern wird Neutralität auch nur dann wirksam, wenn die Betroffenen sie als gegeben beschreiben. Im Beratungsprozess bedeutet dies unter anderem, dass Allparteilichkeit nicht ein für alle Mal vereinbart werden kann. Sie muss immer wieder aufs Neue erarbeitet und zugeschrie­ben werden. Gleichzeitig ist eine einmal „eingebüßte” – das heißt: nicht mehr zugeschriebene – Neutralität nicht mehr (oder nur mehr sehr schwer) zurückzugewinnen. Die Zuschreibung der Allparteilichkeit ist schwer zu erarbeiten und leicht zu verspielen. Darin liegt der Grund dafür, dass wir diesem Aspekt der Beratungshaltung in unserer Arbeit besonders viel Auf­merksamkeit widmen. Transformations-Management: Organisationen von Innen verändern. Von Alfred Janes, Karl Prammer, Michael Schulte-Derne. S. 39

Ein Rabbi hält in seinem Wohnzimmer regelmäßig als Dorfrichter Gerichtssitzungen ab. Eines Vormittags kommt ein höchst erregter Dorfbewohner und schildert die Untaten seines Nachbarn. Der Rabbi hört sich alles an und sagt am Ende: “Da hast Du aber recht.”
Kaum zwei Stunden später taucht der Nachbar auf. Er schildert in allen Einzelheiten, was sich der andere alles hat zuschulden kommen lassen. Der Rabbi hörte wieder aufmerksam zu und sagt schließlich: “Da hast Du aber recht.”
Die Frau des Rabbis, die aus der Küche das Geschehen mitverfolgt hat, betritt das Wohnzimmer und stellt ihren Mann zu Rede: “Sag mal, bist Du eigentlich noch bei Trost. Erst kommt die eine Seite, und Du sagst: `Da hast Du aber recht.´ Kurz darauf kommt die Gegenseite, und auch da sagst Du: `Da hast Du aber recht.´ So geht das doch nicht! Das kannst Du doch im Ernst nicht machen!” Der Rabbi denkt eine Weile nach und sagt: “Da hast Du aber recht.” (Allparteilichkeit – humorvoll“)

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