Wiener Büchereien: Consultingsprech

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Die Phrase … ist das Warenzeichen, das den Gedanken verkehrsfähig macht so wie die Floskel, als Ornament, ihm den Liebhaberwert verleiht.
(Walter Benjamin, Schriften II/I S. 337)

Die Leitung der Büchereien hat im Namen des “Vorbereitungsteams” über die nächsten Vorhaben der geplanten “Organisationsentwicklung” der Büchereien berichtet.

Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass diese an alle Bediensteten verschickte Mail in einer ihnen weitgehend fremden Sprache formuliert wurde. Genauer gesagt, wird ein Regionaldialekt des weltweit gebrauchten Consulter-Pidgin verwendet, und zwar jener, welchen die Firma Conecta, die sich gerne als die “Wiener Schule der Organisationsberatung” bezeichnet, im Umgang mit ihren KundInnen und in ihren Publikationen pflegt.

Es ist erstaunlich, dass sich das Vorbereitungsteam von MA 13 und Büchereien gleich zu Beginn des Organisationsentwicklungs-Prozesses diesem Sprachgebrauch der Consulter unterwerfen. Damit ist der Begriffsrahmen auch für die Bediensteten vorgegeben, in dem sie ihre Reflexionen über den Arbeitsprozess formulieren können, beziehungsweise an den ihre Aussagen angepasst werden.

Eine solche Vorgehensweise ist bei den Consulterfirmen bekanntlich die Regel, kann aber als Merkmal dienen, wie weit die Consulter bereit sind, auf die Bedürfnisse der Bediensteten einzugehen – und es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, über seine eigenen Angelegenheiten in der selbst gewählten Sprache zu reden und sich in den ihm adäquat erscheinenden Sprachformen auszudrücken. Nicht zuletzt deshalb, weil nur so die Authentizität gewahrt bleibt und damit die Chance besteht, dass gemeinsam erarbeitete Problemlösungen in einer Sprach- und Denkumwelt formuliert werden, die nicht als Fremdes daher kommt.

Allerdings wird das scheinbar Selbstverständliche – Verständlichkeit und Freundlichkeit gegenüber den Klienten – von kaum einer Consultingfirma erbracht. Was seinen Grund hat:

“Dieses jargonhafte leere Gerede ist ‘Schutz nach außen’, da es sich den gewöhnlichen Sterblichen entzieht … Damit veranlasst es die große Mehrheit … zu glauben, dass die Probleme ihre Verstehens- und erst recht ihre Interventionsfähigkeit bei weitem übersteigen und daher der kleinen Zahl der Wissenden, den Experten, überlassen werden müssen, deren Diskurs und Praxis auf diese Weise legitimiert werden.” (Sébastian Guex im Vorwort zu Alessandro Pelizzaris “Die Ökonomisierung des Politischen”)

Angesicht der bisherigen Erfahrungen mit Consultern und angesichts des nicht nur berufsbedingt vorhandenen überdurchschnittlichen Sprachgefühls bei den BibliothekarInnen, ist es nicht verwunderlich, dass erste Reaktionen recht unwirsch ausfielen. Wie in dem bereits angegebenen Link im Anschluss an die Projektdarstellung nachzulesen ist.

Wenn die Consulting-Firma und die Leitung von MA 13 und Büchereien tatsächlich in einen offenen Dialog mit den Büchereibediensteten treten wollen, dann dürfen sie sich nicht hinter diesem Consulterjargon verstecken, sondern müssen ihre Anliegen und Fragen so formulieren, dass die Angesprochenen das Gefühl haben können, hinter den Aussagen stecken Menschen, die ehrlich spielen, und nicht Worthülsenproduzenten, die ihre wahre Absicht zu verschleiern beabsichtigen.

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