Wiener Büchereien: “zukunftsträchtige Strategiepräzisierung” und anderer Bullshit

Knapp vor Dienstschluss flatterte letzten Dienstag den Bediensteten der Wiener Büchereien eine Mail aus den Händen ihrer Leitung in die Box, aus der sie erfahren, dass wieder einmal externe Berater ihnen sagen werden, wo es lang geht. Was vorerst mal heißt, ziemlich großer zusätzlicher Aufwand für alle KollegInnen, die einbezogen werden bzw. für jene, welche deren Arbeit für diese Zeit zu übernehmen haben. Was angesichts der selbst von der Leitung zugegebenen personellen Unterbesetzung in vielen Zweigstellen der Büchereien einigermaßen unverantwortlich ist. Dazu kommt, dass die bisherigen Beratungsprozesse durchaus noch in schlechter Erinnerung sind. Entweder war das Ergebnis reiner Nonsens oder es wurden Maßnahmen gesetzt, welche die Büchereien für eine neoliberale Zurichtung sozusagen optimieren sollten. Ein gemeinsames Merkmal war, dass die von den beteiligten Büchereibediensteten geäußerten Überlegungen und Vorschläge von den Unternehmensberatern zumeist nicht oder nur unzureichend verstanden wurden und in verstümmelter Form, aber angereichert mit Management-Slang im Endbericht aufschienen. Die wenigen sinnvollen Sachen, die raus kamen (waren es insgesamt zwei oder drei?), hätten mit viel weniger Aufwand und mit viel, viel weniger Kosten aus einigen strukturierten Gesprächskreisen mit Leitung und Belegschaft rascher ermittelt werden können. Doch das wäre zu demokratisch gewesen und eventuell hätte das Ergebnis doch anders ausgesehen, als zuvor schon ausgemacht. Denn die eigentliche Funktion dieser Beratungsprozesse ist in der Regel die quasi objektiv-wissenschaftliche Legitimierung unangenehmer (Spar)-Maßnahmen.

Im aktuellen Projekt geht es für die Büchereien um

einen Prozess zur zukunftsträchtigen Strategiepräzisierung

Welche Strategie denn? Seit Jahr und Tag wird von der Belegschaft ein Büchereikonzept eingefordert und nun wird ein solches – “Strategie” – nicht erstellt, sondern “präzisiert”. Also eine Präzisierung des Nichts, dafür aber “zukunftsträchtig”?

Ausgewählt für die Durchführung dieser trächtigen Präzisierung wurde eine Firma, die

Erfahrungen mit beteiligungsorientierten Entwicklungsvorhaben

habe. Dazu werde zuallererst ein Projektvorbereitungsteam mit der Vorbereitung des Projekts beginnen, ist weiters zu erfahren. Diesem 10köpfigen Ensemble werden aus den Bereichen, wo die eigentliche Aufgabe der Büchereien  erfüllt wird – in den Zweigstellen und der Hauptbücherei im Kontakt mit den BenutzerInnen -, schätzungsweise drei bis vier von ca. 150 dort Tätigen angehören. Der Rest setzt sich aus Leitungspersonen und zentralen Referaten zusammen. Die Schieflage zwischen, wie es so schön heißt, strategischem und operativem Bereich ist also gegeben. Da es vor diesem noch zu konstituierenden Projektvorbereitungsteam bereits ein Projektvorbereitungsvorbereitungsteam mit der Personalvertretung gegeben hat, sowie ein Projektvorbereitungsvorbereitungsvorbereitungsteam ohne Personalvertretung, so ist klar, wer Bescheid weiß und weiter Bescheid wissen wird und wer überfahren werden wird. Unterscheidet sich aber eh nicht von allen dergleichen Projekten: oberhalb der sozusagen “beteiligungsorientierten” Steuerungsgruppen wirken kleinere Steuerungsteams, welche die Steuerungsgruppe steuern, und hinterm Vorhang dirigiert während des gesamten Prozesses zumeist noch der innerste Kreis der Anschaffer, die bestimmen, was am Ende rauskommen darf und was nicht. Also der übliche neoliberale Schmonzes.

Diesem Projektvorbereitungsteam wird nun bis zum Sommer das Ziel gesetzt,

einen breit abgesicherten Rahmen für ein zweckmäßiges Entwicklungsprojekt inhaltlich und organisatorisch abzuleiten.

“abzuleiten”? Wovon denn? Wurscht, es muss ein Rahmen daraus werden, das ist klar. Ein abgesicherter Rahmen. Das ist gut. Ein breit abgesicherter Rahmen. Das ist überhaupt optimal. Und drinnen soll was Zweckmäßiges hausen. Die eingangs angeführte “zukunftsträchtige Strategiepräzisierung”.

Die Büchereibediensteten wissen nun Bescheid:

Aus dem Nirgendwo soll ein Rahmen abgeleitet werden, in dem die Präzisierung von etwas nicht Vorhandenem mit der Zukunft schwanger geht.

 

Betreff: Organisationsentwicklung Büchereien Wien

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wie wir bereits angekündigt haben, planen wir mit Unterstützung einer externen Beratungsfirma einen Prozess zur zukunftsträchtigen Strategiepräzisierung und Weiterentwicklung der Organisation der Büchereien. Nach einem sorgfältigen Auswahlverfahren haben wir uns für die Firma C/O/N/E/C/T/A www.conecta.com entschieden. Wir haben damit eine Beratung ausgewählt, die sowohl Erfahrungen mit beteiligungsorientierten Entwicklungsvorhaben als auch mit Bibliotheken und dem öffentlichen Dienst mitbringt.

In Abstimmung mit der Personalvertretung informieren wir Sie nun über den ersten Termin zum Entwicklungsvorhaben, der am 30.4. stattfindet. An diesem Termin wird ein Projektvorbereitungsteam erstmals zusammentreten und mit der Vorbereitung des eigentlichen Projektes beginnen. Diesem, aus 10 Personen bestehenden Projektvorbereitungsteam, gehören neben der Abteilungsleitung der MA 13 und der Leitung der Büchereien Wien auch die Personalvertretung und VertreterInnen aus Zweigstellen, Hauptbücherei und Zentrale an. Ziel ist es, bis zum Sommer unter Einbeziehung weiterer VertreterInnen unserer Organisation einen breit abgesicherten Rahmen für ein zweckmäßiges Entwicklungsprojekt inhaltlich und organisatorisch abzuleiten.

Ein erstes Vorgespräch mit Herrn Dr. Prammer von Conecta fand am 16. April statt. Auf Grund dieses Gespräches sind wir sehr zuversichtlich und glauben, dass wir gemeinsam mit Ihnen ein spannendes Projekt durchführen und gute Ergebnisse erzielen werden.

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