Hindenburg vor Absturz?

Als General war er bekanntlich ein ziemlicher Aufschneider, der große Schlachten lieber verschlief, während die Soldaten sinnlos verbluteten; kurzzeitig übte er sich als Militärdiktator und war einer der Erfinder der “Dolchstoßlegende“. Also ein ziemlicher Ungustl, wie wir in Wien sagen. Doch es kommt schlimmer, denn die Rede ist von Paul von Hindenburg, von Beruf Militarist, privat eher korrupt, politisch verhaltensauffällig. Insbesondere durch die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Mit diesem wurde er auch zeitgleich Ehrenbürger von Bonn. Hitler ist es seit 1983 nicht mehr. Hindenburg aber schon. Wie es auch einen Hindenburgplatz in Bonn gibt und eine Hindenburgallee. Ganz schön viel naziaffiner Militarismus in einer so netten und friedlichen Stadt wie Bonn, sollte man meinen.
Dies sieht auch der Bonner Bürger und Aktionskünstler Alfred Kerger so. Und startete eine Initiative zur Aberkennung der Ehrenbürgerschaft für den Wegbereiter der Nationalsozialisten und zur Ent-Hindenburgisierung des Bonner Stadtbildes. Ein offenes Ohr findet er dabei bei Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch (SPD) und bei Jürgen Repschläger von der Linkspartei. Auch der Bonner Generalanzeiger” berichtet darüber und übernimmt den Hinweis von Alfred Kerger, wie die Stadt Münster sich unlängst ihres Hindenburgs entledigt hat:

In Münster folgten die Politiker dem Urteil einer Expertenkommission, der unter anderem der Münsteraner Professor und Historiker Hans-Ulrich Thamer angehörte. “Hindenburg ist mit seiner Politik ein wichtiger und verhängnisvoller Teil der deutschen Geschichte. Die Erinnerung daran ist jedoch nicht geeignet, um mit seiner Ehrung durch einen Straßennamen eine demokratische Identität zu begründen”, sagt Thamer.

Laut Thamer ist es mittlerweile erwiesen, insbesondere nach der Hindenburg-Biografie des Stuttgarter Historikers Wolfram Pyta, dass Hindenburg aktiv auf die Auflösung der Weimarer Republik hingearbeitet hat. Dass Hindenburg Hitler zur Macht verholfen hat, sei nach dem neuesten Stand der Forschung kein Ausdruck von Alterssenilität und Fremdbestimmung gewesen, sondern eine bewusste Entscheidung. “Die Historiker sind sich darin einig”, sagt Thamer. Die Frage, wie man damit umgehe, sei eine politische. “Repräsentiert eine solche Figur ein politisch-kulturelles Wertesystem, das in der Gegenwart als akzeptabel gilt? Das ist eine bewusste politische Entscheidung einer Stadt.”

Man sollte angesichts der historisch gesicherten Erkenntnisse über die verhängnisvolle Rolle Hindenburgs auf dem Weg zum Nationalsozialismus annehmen, dass eine solcherart “bewusste politische Entscheidung der Stadt” zur Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Hindenburg und die Umbenennung der Straßen- und Platzbenennungen sehr schnell und einstimmig im Bonner Stadtrat durchzuführen wäre. Ist aber nicht so. Während die einen die Frage in Arbeitskreise auszulagern gedenken, machen die anderen aus ihrem, sagen wir mal, christlichen Weltbild keine Mördergrube: Die vom “Christopheruswerk” produzierte Website “Christliches Forum” ist schon im Fall Münster auf der Seite der Hindenburgfans gestanden und fragt nun besorgt: “Wird Bonn Hindenburgs Ehrenbürgerschaft aberkennen?” und fügt dem Artikel auch gleich einen Link zu einem “Bürgerbegehren pro Hindenburgplatz”(Münster) bei. Ein deutlicher Hinweis darauf, was diese Militarismuschristen in Bonn zu veranstalten gedenken, falls sich die Stadt entschließt, diese Restbestände aus einer unseligen Zeit zu entsorgen.

Auch aus einer Ecke, wo rechts nicht mehr viel Platz ist, tönt es kampfbereit gegen Versuche,

“jeglichen Bezug Bonns zum bislang einzigen Staatsoberhaupt der Deutschen mit direktdemokratischer Legitimation, zu Reichspräsident Paul von Hindenburg, zu tilgen.”

Im gleichen Beitrag werden die von den politischen Kumpanen dieses Mannes ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, sowie der im Nazigefängnis umgebrachte Ernst Thälmann als “kommunistische Hochverräter” bezeichnet.
Man sieht, brauner Schlamm ist in Bewegung.

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