In einer Rundmail im Intranet der Wiener Büchereien hat ein Bibliothekar einen Teil des Büchereikonzept-Entwurfs analysiert und die Folgen bei konsequenter Umsetzung beschrieben. Es lohnt, diese Überlegungen zu lesen und zu diskutieren, ehe Maßnahmen gesetzt werden, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können:
Zu viele Bücher – Bemerkungen zum Entwicklungskonzept der Büchereien Wien
Man nehme eine Bücherei, die auf 229 m² einen Bestand von 37.524 Medien hat, von denen 11.196 entliehen sind und die mit jeder Kennzahl im Spitzenfeld des Büchereisystems liegt.
Einzig beim Wert Medien pro m² ist sie ziemlich katastrophal.
Daher soll sie auf den Idealwert von 1.500 Medien pro 30 m² gebracht werden. Die so optimierte Bücherei hätte dann einen Bestand von 11.450 Medien, sie hätte zwar nur mehr 254 Bücher im Regal stehen, aber eine sensationelle Absenzquote von 97,8 %. Absurd, aber genau das müsste in der Bücherei Bernoullistraße passieren, sollte das Büchereikonzept der Leitung konsequent durchgezogen werden.
„Wien verfügt über ein historisch gewachsenes, dichtes Netz an Büchereizweigstellen, die zum Teil über relativ geringe Büchereifläche verfügen. Daraus resultiert ein ambivalentes Verhältnis zwischen Fläche und Medienbestand, die Idealwerte von Medien pro Quadratmeter Büchereifläche werden derzeit teilweise überschritten (zu viele Medien auf zu wenig Raum). Das Verhältnis zwischen nachgefragten Medien und „Ladenhütern“ ist unausgeglichen und daher zu verändern.“
Schon in dieser Einleitung verwundert, dass unter den zahlreichen Standards und Normen, die einem Entwicklungskonzept zugrunde gelegt werden könnten, eine Kennziffer hervorgehoben wird, die bestenfalls aus anderen, übergeordneten Zielvorstellungen abgeleitet werden kann. Warum ausgerechnet diese eine, aus dem Zusammenhang gerissene „Norm“ aus der Fülle von wesentlich wichtigeren Standards erwähnt wird, erschließt sich aus Punkt 3.2. des Konzepts unter der Überschrift Bestandsbereinigung:
„Reduzierung des Bestands anhand bibliothekarischer Standards auf 1.000-1.500 Medieneinheiten/30 m². Dadurch wird eine erhöhte Aufenthaltsqualität sowie mehr Platz für Lernplätze und lesefördernde Maßnahmen geschaffen.“
Was bedeutet das für die Büchereien Wien in schlichten Zahlen? (Stand 31. 03. 2011)
Wien hat bei 1.713.957 Einwohnern einen Medienbestand von 1.475.778 Medien, das sind 0,86 Medien/EW. Nach den Idealwerten des Leitungskonzepts (1500 Medien/m²) wäre ein Bestand von 750.00 Medien anzustreben, das bedeutet 0,44 Medien pro EW, was sogar noch deutlich unter den Förderrichtlinien des BMUK für öffentliche Büchereien liegt (0,7/EW). (Wir erinnern uns, ganz am Anfang des Jahres wurde der zu geringe Umsatz als ein Grund für die Medienreduktion angegeben.)
Auch das Flaggschiff der Büchereien, die Hauptbücherei am Gürtel, bliebe von dieser Optimierung nicht verschont. Diese hat auf einer Fläche von 4000 m² einen Bestand von 383.014 Medien, davon 131.082 entlehnt. Der Sollbestand wäre nach dem „Entwicklungsplan“ 200.000 Medieneinheiten. Hier ein erster Abstecher zu den von der Leitung so oft und gern erwähnten internationalen bibliothekarischen Standards. Die Absenzquote der Hauptbücherei liegt bei 34,22%, bei Idealbestand nach Optimierung bei 65,5%, die Verfügbarkeit bei 34,5 %. Nach den Schweizer Standards, deren Lektüre ich wegen ihrer Differenziertheit sehr empfehle, wäre eine Absenzquote von 23 bis 31% und eine Verfügbarkeit von 77 bis 69% anzustreben. Nach diesen Standards hätte die Hauptbücherei jetzt schon einen etwas zu geringen Bestand, beim "Idealbestand" würden die Werte auf dem Kopf stehen.
International üblich orientieren sich Büchereientwicklungsstandards an der Versorgung der Bevölkerung mit Medien. Die IFLA/UNESCO-Guidelines empfehlen 1,5 bis 2,5 Medien pro Einwohner im Bestand, in Deutschland werden 2 Medien pro Einwohner angestrebt. http://www.ib.hu-berlin.de/~kumlau/handreichungen/h166/
Wien hat einen Medienbestand von 1.475.778 Medien, das sind 0,86 Medien/EW. Nach dem IFLA/UNESCO-Guidelines sollte also ein Mindestbestand von 2.570.935 Medien angestrebt werden.
Für den Gesamt-Flächenbedarf werden ungefähre Richtwerte angegeben, die sich wiederum an der Einwohnerzahl orientieren. Bis zu 56 m² pro 1000 Einwohner sollten hier erreicht werden, das entspricht etwa zwei Drittel der deutschen Empfehlungen. Wien hat eine Büchereifläche von 15.629 m². Nach der IFLA/UNESCO-Norm sollten es 95.900 m² sein.
Auch die Kommission für Bau und Einrichtung des EDBI orientiert sich beim Flächenbedarf an einer Zielbestandsgröße, nämlich zwei Medien pro/EW. Dieser Bestand sollte idealerweise in Büchereien mit 1.000 Medien pro 30 m² stehen. Der errechnete Flächenbedarf für Wien wäre dann 102.837 m² für 3427914 Medien. Selbst für den momentanen Bestand der Büchereien wäre ein Flächenbedarf von 44.363 m² gegeben.
Aus all den oben angeführten Daten ist deutlich ersichtlich, dass Wien in allen wesentlichen Standards meilenweit von „Idealwerten“ entfernt ist und enormen Aufholbedarf hat. Ebenso deutlich wird beim Lesen des „Entwicklungskonzepts“, dass diese Standards dort überhaupt nicht vorkommen, wie man es sich bei so einem Konzept erwarten hätte müssen. Neben der „Regionalisierung“ ist die Medienreduktion die einzige konkrete Maßnahme dieses „Entwicklungskonzepts“ – und eine heillose Flucht nach hinten.
Wenn wir schon so weit von internationalen Standards entfernt sind, dann stellen wir diese einfach auf den Kopf und passen die schlechten Bestandswerte pro Einwohner den noch schlechteren Werten in Bezug auf die Größe der Büchereien an, veranstalten eine große Vernichtungsaktion an ideellen und materiellen Werten, um wenigstens einem „Idealwert“ nahezukommen – und vielleicht auch der Bücherei einer möglichen Zukunft, der Bücherei ohne
Buch. Und ohne das damit für erhöhte Aufenthaltsqualität gesorgt wird, so sie jemand in diesen leer geräumten Büchereien noch sucht, weil der Großteil von vornherein nicht dafür konzipiert worden ist, als Aufenthalts- und Studienort zu dienen. Aus Hütten werden auch dann keine Paläste, wenn man die Möbel hinauswirft.
es geht schließlich um effizienz, kostenminimierung und gewinnmaximierung! wer dieses (wirtschafts)system akzeptiert und dann gegen die optimierung der bibliothek ist, die/der hat irgendwas nicht verstanden. ja selbstverständlich bedeutet es optimierung, wenn nahezu 100% der bücher ständig ausgeborgt sind und NICHT in den regalen teuren platz wegnehmen!!! es kommt auf den blickwinkel an: wenn die basis das geld ist, dann ist es optimierung, ABER IST ES DANN NOCH EINE BIBLIOTHEK? kann mensch das dann noch so nennen? ist es das was wir wollen? ihr müßt euch schon entscheiden: GELD oder BIBLIOTHEK. …oder auf den punkt gebracht: GELD oder LEBEN! …aber es gibt wohl noch zu viele, die es eh ok finden…
zum thema geld:
http://www.youtube.com/watch?v=a4p4pA8ivZo&feature=feedu