Boykott durch Schweigen? Der Bonner General-Anzeiger und die Bücherverbrennung

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In “Lese-Zeichen im Rathausplatz in Bonn” wurde über ein Projekt zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennungen berichtet, welches in der Gestaltung vor allem durch eine mit zukünftigen Aktionen verbundenen Dynamik in seiner Weise wohl einzigartig und nachahmenswert ist. Die Errichtung dieses Mahnmals wurde im Kulturausschuss der Stadt Bonn im Juni 2010 beschlossen (rtf), was den Bonner General-Anzeiger dazu veranlasste, einem Artikel, der einem anderen Thema gewidmet war, einen letzten Satz anzuhängen. Inzwischen hat es etliche Sitzungen des Bonner Kulturausschusses gegeben, in dem über den Wettbewerb zur Gestaltung des Mahnmals beraten und die Sieger gekürt wurden. Auch die Frage der Finanzierung war immer wieder Thema. Die Tendenz lief einerseits in die Richtung, dass das Mahnmal alleine durch Spenden finanziert werden sollte (FDP), die Linke beantragte, dass eine allfällige Finanzierungslücke durch die Stadt Bonn geschlossen werden sollte und die SPD vertritt, dass die Stadt einen fixen Zuschuss von 15.000 € garantiere (bei geschätzten Kosten von 50.00 €).  In der nächsten Stadtratssitzung vom 1. März soll die endgültige Realisierung des Mahnmals beschlossen werden.

Auf der Suche nach Berichten über diese Initiative fand ich beim marktbeherrschenden Bonner General-Anzeiger nur diesen einen oben zitierten Satz. Sonst nichts. Doch nicht immer war diese Zeitung zum Thema Bücherverbrennung so schweigsam gewesen:

Bonner General-Anzeiger 11. Mai 1933. (1221x1571, 0,7MB)

“Die Holzscheite, leuchtend und glühend, fielen auseinander, die Asche der Bücher hob sich in dunkler Wolke empor, schwebte durch den milchigen Lichtkegel der Scheinwerfer und zerstob in der Nacht.
Während also als Symbol ein Teil der in Bonn gefundenen Bücher, die aus fremdartigem Denken und Fühlen entstanden, in Asche und Rauch sich wandelten, marschierten die Kolonnen, braun und feldgrau, marschierten die Chargen mit den bunten Fahnen, die Korporationsstudenten mit dem leuchtenden Couleur, die Studentinnen und Studenten wieder ab. Ihr Schritt verhallte in der dunklen Nacht. Und es war, als ziehe eine Truppe aus dem Gefecht, zum Kampf: deutsche Jugend wider den undeutschen Geist.” (Bonner General-Anzeiger vom 11. Mai 1938)

Man sollte eigentlich annehmen, dass diese in die Barbarei mehr als verwickelt gewesene Zeitung nunmehr alles daran setzen würde, als kleine Wiedergutmachung die Mahnmalinitiative durch entsprechende Berichterstattung aktiv zu unterstützen und nicht nur für Spenden zu werben, sondern auch selbst einen Betrag zu leisten. Die Stille in der Berichterstattung klingt aber eher wie ein Boykott.

Aus dem Artikel und aus anderen Quellen geht auch hervor, dass nicht die verhetzte Studentenschaft alleine für die Bücherverbrennungen verantwortlich war, sondern dass ein Teil des akademischen Personals der Bonner Uni mit Hassreden sozusagen Öl ins Feuer goß. Daher ist zu erwarten, dass die Bonner Universität sich dem Spendenaufruf anschließt und selbst auch etwas beisteuert.

Abschließend ein kleiner Blick nach Österreich. Wie wurde in diesem anderen Teil des “deutschen Kulturkreises” die Barbarei der Bücherverbrennungen gesehen? Die dem Klerikalfaschismus zuneigende “Reichspost” bemängelte zwar den “theatralischen Beigeschmack”, aber sonst …:

aus: Alfred Pfoser, Literatur und Austromarxismus. Wien Löcker 1980

Ein Jahr später wurden in Wien bereits die Arbeiterbüchereien “gesäubert”. Ein “Kulturkreis” hatte sich wieder geschlossen.

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