Über einen weiter gefassten Begriff der Zensur in Bibliotheken


Library Mistress weist auf das aktuelle Thema “Zensur und Ethik” des Call of Papers der Zeitschrift Libreas hin (PDF) und zitiert daraus:

“Zensur liegt nicht nur vor, wenn Meinungen direkt unterdrückt und in den Untergrund gedrängt werden; Zensur bedeutet auch, dass einige Meinungen über- und andere unterrepräsentiert werden.(…)
So stellen sich Fragen an Bibliotheken: Reflektiert der Bestandsaufbau, die Repräsentation in Medienaufstellung und Katalog diese Problematik? Müssen Bibliotheken thematisch alles anbieten, müssen sie im inhaltlichen Mainstream wenig vertretene Meinungen repräsentieren? Ist die teilweise Übergabe von Bestandsentscheidungen bei der Standing Order eine gewisse Form von Zensur, da die enthaltenen Medien in den Beständen deutscher Bibliotheken überrepräsentiert werden?”

Hier wäre, am Beispiel der Wiener Büchereien, auch noch der Verteilungsschlüssel der zentral erstellten Auswahllisten für die Zweigstellen zu nennen. Da der Anteil der einzelnen Sachgruppen an deren Ausleihzahlen gemessen wird, führt dies dazu, dass weniger gut gehende Sachgruppen in eine Abwärtsspirale geraten: Auf der Liste stehen nur wenige Titel zur Auswahl, womit die Titelbreite der Büchereien in dem betreffenden Segment systematisch verschmälert wird. Für die LeserInnen stellt sich das so dar, dass in allen Zweigstellen die selben Schwarten in den Regalen stehen. Dementsprechend weniger werden dann entliehen, was wiederum den Auswahllistenanteil verkleinert usw.
Zensur durch Konzeptlosigkeit könnte man das nennen. Die Konzeptlosigkeit ist allerdings nicht den mit dem Lektorat befassten BibliothekarInnen anzulasten, sondern ist eine strukturelle: es fehlt ein eigenes Zweigstellen-Lektorat, welches sich an den von der Hauptbücherei unterscheidenden Bedürfnissen der Büchereien in den Bezirken orientiert. Und darüber hinaus auch die Aufgabenunterschiede von Stützpunktbüchereien und kleinen Zweigstellen reflektieren sollte. Ein Manko, das auch durch ein (heuer überdies noch drastisch reduziertes) Selbstankaufsbudget der Büchereien nicht zu beseitigen ist.
Hier wären Konzepte gefragt, welche das Gesamtsystem Büchereien im Auge haben, um  diese stille Zensur nicht weiter zu leben.

Kommentar

  • (wird nicht veroeffentlicht)

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