Klassenkampf, Destillierapparat und Nasszuckerung – Ludwig Gall, erster deutscher Socialist

Ludwig Lampert Gall, geboren am 28. Dezember, entweder 1790, 1791 oder 1794 (wie er selbst indirekt behauptet), wird gelegentlich als erster deutscher Sozialist genannt.
Da er heute möglicherweise seinen 220. Geburtstag hat (oder 221. bzw.- 217.), ein paar aus verschiedenen Quellen abgekupferte Zeilen zu ihm:
Gall ist im Unterschied zu den späteren deutschen Sozialismusvätern wie Moses Hess und den Marxengels nicht vom philosophisch oder politisch erarbeiteten Standpunkt zur Entwicklung seines sozialistischen Systems gekommen.

Ihn führte das soziale Elend der napoleonischen Kriege, die Missernte von 1810 und die Wirtschaftskrise zur Betrachtung und Untersuchung der gesellschaftlichen und ökonomischen Zustände. Galls Bedeutung beruht darin, dass er den klassenmäßigen Gegensatz in der Gesellschaft erkannt und als erster den Begriff des arbeitslosen Einkommens formuliert hat. Seine Gedanken über Erziehung sind späteren sozialistischen Ideen benachbart. Sein Hauptwerk wurde von Goethe rezensiert und ist nicht ohne Einfluss auf den Dichter geblieben. Manche Gedankengänge Goethes, namentlich in Wilhelm Meisters Wanderjahren, darf man auf Gall zurückführen.
So bedeutungsvoll uns heute die Gestalt Galls erscheint, auf seine Zeit und ihre politische Bewegung hat er keinen wesentlichen Einfluss geübt.

Fritz Brügel und Benedikt Kautsky in der Einleitung zu “Der deutsche Sozialismus von Ludwig Gall bis Karl Marx” (1931).(gekürzt und paraphrasiert)

Anläßlich seines heutigen Geburtstages muss man feststellen, dass sein Einfluss auf die politische Bewegung gar nicht so gering gewesen sein kann, dass sie nicht immer noch höher als Galls heutige Wahrnehmung ist.
In dem genannten Werk wird ein Aufsatz von Hermann Püttmann aus dem “Deutschen Bürgerbuch für 1846″ abgedruckt, in der bereits von Gall als einem geschrieben wird, der in Vergessenheit zu geraten droht:

Dass der Sozialismus schon vor fünfundzwanzig Jahren einen eifrigen Vertreter in Deutschland gefunden, dürfte wenig bekannt sein. Ludwig Gall von Trier ist dieser Mann, der damals bereits sich mit der Lage der arbeitenden Klassen und ihrer Verbesserung durch gemeinschaftliches Wirken beschäftigte. Es wird darum unsern Lesern nicht unangenehm sein, etwas Näheres von diesem älteren Sozialisten zu erfahren.

Galls Sozialismus, wie er ihn selbst beschreibt, zusammengefasst:

Wohin ich auch blicken mochte, überall sah ich, daß alle Bedürfnisse des Lebens durch das Ergebnis menschlicher Arbeit befriedigt werden. Und doch sehen wir gerade die arbeitenden Klassen Mangel leiden an allem dem, was sie doch selbst hervorbringen; und umgekehrt, die nicht arbeitenden, aber geldreichen Klassen im Besitz eines Überflusses an allen denjenigen Dingen, die durch Arbeit hervorgebracht werde.

Das Verständnis der Gesellschaft als Klassengesellschaft war damals, 1835, noch nicht common sense und begann sich gerade erst in die Schriften sozialkritischer Autoren hinein zu bewegen. Es lag zwar in der Luft, doch war Gall möglicherweise der erste, der den Gedanken so formulierte, insbesondere weil er bereits in der Broschüre “Was könnte helfen?” aus dem Jahr 1825 im Wesentlichen zu den gleichen Erkenntnissen gekommen war.

Interessant ist folgender Absatz (aus 1835), bei dem einen wie von ungefähr Marxens “Fetisch” im ersten Kapitel des Kapitals einfallen mag, bei aller Unterschiedlichkeit in der Zuordnung:

Durch die Art, wie das Geld von seinen Besitzern gehandhabt, wird es also zu einem Talisman, um sich, ohne zu arbeiten, in den Besitz der meisten und wertvollsten Produkte der Arbeit zu setzen; die Arbeitenden sich dienstbar, zu jedem Preise dienstbar zu machen.

“Woher die Erscheinung, dass die arbeitenden Klassen mit immer steigendem, längst kaum zu ertragendem Elend kämpfen?” fragt Gall weiter – seine Antwort ist auch heute noch bemerkenswert:

Die Quelle alles Übels liegt einzig darin, dass Millionen nichts haben als ihre Arbeitsfähigkeit, und dass der Wert dieser letzteren durch die Maschinenkräfte bestimmt wird; darin, dass der arbeitende Mensch sich mit demselben Preise begnügen muss, wofür eine Maschine seine Arbeit liefern kann.
So die Ursache des Elends der benachteiligten Klassen bis zur Quelle verfolgend, fand ich sie in der Wertlosigkeit der menschlichen Arbeit im Verhältnis zu dem Alles beherrschenden Geldes.

Die Geldprivilegierten und die arbeitenden Klassen stehen sich, durch einander widerstrebende Interessen scharf geschieden, feindlich gegenüber; die Lage der Ersteren verbessert sich in demselben Verhältnis, als jene der Letzteren sich immer mehr verschlimmert, kümmerlicher, elender wird.

Diese im Grunde auch heute noch gültigen Sätze finden sich in einer Broschüre, die den in diesem Zusammenhang denn doch etwas überraschenden Titel trägt:

“Beleuchtung der Förster’schen sogenannten Kritik der gerühmtesten Destillirgeräthe: nebst Vorschlägen zu einem Wettbrennen zwischen denjenigen Apparaten, welche darauf Anspruch machen, die zweckmäßigsten zu seyn”. (digitalisiert)

Der Titel entspricht durchaus dem Inhalt, nämlich der Darstellung einer von Gall erfundenen bzw. verbesserten Destilliermethode – bis zur Seite 54. Ab da werden in einem Anhang “Mein Wollen und mein Wirken” die oben teilweise wiedergegebenen politischen Grundsätze entwickelt und Lösungen vorgeschlagen, die in Produktions- und Güter-Assoziationen der arbeitenden Menschen (vor allem im ländlichen Bereich) gesehen werden. Allerdings ist der Abdruck dieser beiden auf den ersten Blick so gegensätzlich wirkenden Aufsätze in einer gemeinsamen Publikation nicht willkürlich gewählt, sondern, wie Rudolf Singer in “Ludwig Gall, der erste deutsche Socialist”(1894) schreibt:

Gall hoffte nämlich, durch die Verbesserung des Destillierapparats 15-20.000 Rthlr. zu sammeln und dann der “Ausführung seiner Ideen alle seine übrigen Lebenstage zu widmen”

Gemeint war damit die Finanzierung einer Kommune, in welcher Galls Ideen einer Produktions-, Verteilungs- und Wohngemeinschaft praktiziert werden sollte. Doch dazu kam es nicht.
Singer nennt als Galls Leistung, im Anschluss an Ricardo die Arbeit als Quelle allen Wertes zu verstehen und die Unterscheidung von Arbeitslohn und der Rente als arbeitsloses Einkommen zu treffen (vor den Saint-Simonisten und vor Rodbertus).

Im Moselgebiet wurde er auch noch als “Retter des Moselweins” bezeichnet, als er angesichts von Missernten,in denen der Most zu viel Säure und zu wenig Zucker enthielt, die Methode der “Nassverbesserung” oder, wie Wikipedia meint, treffender “Nasszuckerung” entwickelte. Dadurch konnten viele Winzer überleben, der Ruf des Moselweins war aber nachhaltig ruiniert. Doch das ist eine andere Geschichte.

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